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Erivan Haub: ?Ich wollte immer Chef werden?

Von Peter Brors und Claus Larass
Wie Erivan Haub 7300 Läden und 184 000 Mitarbeiter führt, mit der Übernahme von Kaiser?s Kaffee die Branche überrascht und als Tengelmann-Boss doch fast unbekannt ist. Die Geschichte des geheimnisvollsten Krämers des Landes, der auch heute noch vor Ideen strotzt: "Wir wollen in Osteuropa stark wachsen und den Trend zu gesunder Ernährung nutzen.?
MÜLHEIM. Es ist gerade 5 Uhr in der Früh, als Erivan Haub seinen Lastwagen belädt. Die ersten schwachen Sonnenstrahlen des Tages kämpfen über Los Angeles noch mit dem Nebel. Joghurt, Milch, Cornflakes ? die Millionenstadt will versorgt sein, und Haub ist es, der den Amerikanern ihr Frühstück bringt. Ungezählte Lebensmittelgeschäfte stehen auf seinem Dienstplan. Er muss sich beeilen, sonst ist die Route nicht zu schaffen.Er steuert den 40-Tonner vor einen Laden in Santa Monica. Springt aus dem Führerhäuschen, öffnet die Ladeluke, lädt die Kisten aus, stellt sie auf den Gehsteig. Mit den Lieferpapieren in der Hand eilt er zum Filialleiter. Der aber will nicht unterschreiben, verlangt, dass Haub die Ware auch noch in den Laden trägt. Und in die Regale räumt. ?Da ist mir der Kragen geplatzt. Das hatte der die Tage vorher auch schon immer gefordert, obwohl es ausdrücklich nicht mein Job war.? An diesem Morgen dreht sich Haub wortlos um, startet den Motor und fährt ?die Ware über den Haufen?.

Die besten Jobs von allen

Noch am Nachmittag wird er vom Chef zum Rapport bestellt, hat er doch Lebensmittel für fast 500 Dollar zerstört. Der Boss hört sich die Geschichte in aller Ruhe an ? ?und befördert mich. Zack. Einfach so?.Wer Erivan Haub, 73, heute fragt, was ihn in seinem Berufsleben besonders bewegt und geprägt hat, dem erzählt er ausführlich von seinen Lehrjahren in Amerika. Von den 100 Dollar, die ihm seine Eltern Anfang der 50er-Jahre als Starthilfe zusteckten, von dem Job als Lastwagenfahrer in Kalifornien und von der Arbeit im Keller eines Supermarkts in Chicago.Als er zwei Jahre später nach Deutschland zurückkehrt, hat er den Kopf voller Erfahrungen und Pläne. Es beginnt sein Aufstieg zu einem der größten, reichsten (geschätztes Vermögen vier Milliarden Euro), aber auch geheimnisvollsten Krämer des Landes. Heute steuert Haub mit seinen Söhnen die Tengelmann-Gruppe, das sind 7300 Filialen in 14 Ländern mit einem Umsatz von fast 27 Milliarden Euro und 184 000 Mitarbeitern. Jeder Deutsche kennt ein Geschäft aus dem Haub-Reich. Ob es nun Tengelmann, Kaiser?s oder A&P heißt, Plus, Obi oder Kik. Täglich kaufen vier Millionen Menschen bei ihm ein. Dieses Imperium ist sein Werk.Erivan Haub ist darüber ein vermögender Mann geworden. Als ihn die Forbes-Herausgeber in den 80er-Jahren erstmals unter die reichsten Deutschen einreihen, empfindet er das als eine Art von Anprangern. Die Veröffentlichung passt nicht zu seiner Art zu leben, und sie passt auch nicht zu seinem Geschäft. ?Schrecklich, ganz schrecklich?, sagt er noch heute über diese Liste. ?Das hat den Menschen das Gefühl gegeben, die Händler verdienen zu viel.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Holländische Meister schmücken sein Arbeitszimmer.Mülheim an der Ruhr, hier steht mitten in einem Wohngebiet, umringt von einer roten Backsteinmauer, die Konzernzentrale. Die Sonne scheint. Arbeiter mähen die weitläufigen Rasenflächen vor dem Hauptgebäude, der Springbrunnen wird geputzt. In dem Moment, als das Wasser zurück in die Becken schießt, nähert sich ein Mann im dunklen Anzug. Mit großen Schritten geht er auf die Arbeiter zu. Jedem einzelnen schüttelt er die Hand, verbeugt sich sogar leicht, er lächelt, fragt, wie es ihren Familien geht, wünscht dann noch einen schönen Tag und macht sich, nachdem der Fotograf seine Arbeit verrichtet hat, zurück auf den Weg in sein Büro.Er fährt mit dem Lift in den vierten Stock, tritt ein in sein ganz in Beige gehaltenes Arbeitszimmer. Die Vorhänge sind in diesem Ton, auch der Tisch, auf dem ein Schachspiel aus Bernstein steht und zwei golden glänzende Kaffeekannen. Die holländischen Meister an den mit Wurzelholz getäfelten Wänden passen zum Interieur, auch die tiefen Sessel.Da sitzt Erivan Haub nun und berichtet aus seinem Leben, ein Mann mit einem fast faltenlosen Gesicht, wohlig gebräunt und mit einem einnehmenden Lächeln. Ein Mann, der sich nie in den Vordergrund gedrängt, der nur selten Interviews gegeben hat, von dem nur wenige Fotos existieren, der an den Kassen seiner Supermärkte fast nie erkannt wird, wenn er mit einem Portemonnaie in der Hand bezahlen will.Zurückhaltend, nicht auffallen ist schon immer seine Devise gewesen. Seine Mutter hat ihm einst gesagt: ?Rede nicht zu viel, höre lieber zu.? Es ist der goldene Rat, den früher Könige von ihren Erziehern hörten.Und doch ist Haub eines nicht: ein Herrscher, der nur bestimmt. Aus dem Betriebsrat ist zu hören: ?Haub ist hart, aber fair, sein Wort gilt, er ist absolut verlässlich.?Er ist auch kein schrulliger Mann, wie es seine zurückgezogene Lebensführung vermuten ließe. Er sagt: ?Ich wollte immer etwas bewegen, gestalten. Theoretisieren war mir immer ein Gräuel. Wir überlegen heute zu lange, bevor wir etwas anfangen.?Der Generaleinwand auf solche Sätze lautet zumeist: Das klingt schön, die Welt ist aber inzwischen viel komplizierter. Sicher, aber viele Themen in der Wirtschaft, die heute neu und brisant erscheinen, spielten in den 60er- und 70er-Jahren ebenfalls eine zentrale Rolle: Was mache ich mit den Mitarbeitern, wenn rationalisiert werden muss? Und wie internationalisiere ich mein Geschäft, ohne zu Hause die Kernkompetenz zu verlieren?Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Geben macht mir ausgesprochen große Freude?Erivan Haub stand mitten im Sturm dieser Entwicklung, manchmal war er der Sturm. Er kauft auf, er rationalisiert, in seiner Zeit beginnt der Preiskampf in der Lebensmittelbranche, Supermärkte verdrängen die Tante-Emma-Läden. Seinem Ruf schadet es nicht. Seine Mitarbeiter schwören auf ihn. Wie hat er diesen Spagat geschafft? Irgendetwas muss doch anders gewesen sein. Aber was?Oft findet sich die Antwort in der Persönlichkeit des Mannes, der das alles bewegt und aufgebaut hat.Als in Berlin die Mauer fällt und er nachts auf einer Dienstreise in Amerika angerufen wird, ist seine erste Frage: ?Und was tun wir??Am nächsten Tag lässt er Lastwagen mit Kaffee und Schokolade beladen, zur Glienicker Brücke fahren, wo Kaiser?s-Mitarbeiter die Waren kostenlos verteilen. ?Geben macht mir ausgesprochen große Freude?, sagt er, ?ich hungere ja nicht dabei.?Seltsam, man glaubt schnell seinen schnörkellosen Sätzen. Das humane Denken hat er aus seinem Elternhaus. Als Hitler an die Macht kommt, ziehen sich seine Eltern aus dem öffentlichen Leben zurück. Sie kaufen sich in Idstein bei Wiesbaden einen Hof und machen daraus einen landwirtschaftlichen Betrieb. ?Meine Eltern hassten die Nazis, hatten früh das menschenverachtende System durchschaut.?Erivan Haub wächst in der Abgeschiedenheit des Guts auf, Nachbarn gibt es auf Sichtweite nicht. Er hackt Holz, pumpt Wasser, füttert Tiere und macht Butter in einem Fass.Wenige Wochen vor Kriegsende wird er im Alter von 12 Jahren eingezogen. Der Junge ist groß und kräftig gebaut, die Nazis geben ihm eine Panzerfaust. ?Wir wussten, dass der Krieg verloren war, ich versenkte die Panzerfaust in einem Graben und versteckte mich drei Wochen im Wald.?Vor dem Krieg hat Tengelmann 1500 Läden, 1945 sind es nur noch 80. Allerdings bleiben die zentralen Hallen in Mülheim unzerstört. Sie sind mit besonders hartem Krupp-Stahl armiert. Dort lagern noch Lebensmittel, vor allem Bratlingspulver, Soja-Fertigsuppen und Trocken-Marmelade. Die Tengelmann-Gruppe gehört damals in dritter Generation seiner Mutter Elisabeth Haub und seinem Onkel Karl Schmitz-Scholl.Mit der Mutter fährt Haub schließlich mit einem DKW durch das zertrümmerte Deutschland nach Mülheim, sie führt das Unternehmen, bis ihr Bruder Karl Schmitz-Scholl von den Briten freikommt. So sieht der damals 14-Jährige zum ersten Mal sein späteres Reich.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Ein Kinnhaken bringt die Beförderung.1952 starten in Deutschland die ersten TV-Sendungen, Haub hat sein Abitur bestanden und soll nun als Trainee, so heißt das damals schon, nach Amerika gehen. Der Flug von Frankfurt nach Chicago dauert 24 Stunden, Stopp in Irland, Neufundland, Boston. Für die Menschen damals eine unvorstellbare Reise. Den halben Erdball an einem Tag.Amerika entspricht seinem Wesen. Haub schwärmt: ?Die ungeheure Weite, die unkomplizierte Art der Menschen, der Pioniergeist.? Noch heute fährt er jedes Jahr für mehrere Monate nach Wyoming. Dort besitzt er eine Ranch, die bis zum Horizont reicht. Auf ihr weiden über 400 Bisons. Was er anpackt, macht er ganz.Sein Start in Chicago ist beschwerlich. Er mietet für 70 Dollar ein zehn Quadratmeter kleines Zimmer im Heim des YMCA und arbeitet in einem Supermarkt für 135 Dollar die Woche, neuneinhalb Stunden jeden Tag. Nach Feierabend trägt er noch zwei Stunden Pakete aus. ?Ich war für jedes Trinkgeld dankbar und sammelte auch Pfandflaschen von der Straße. Niemand war sich in Amerika dafür zu schade, auch ich nicht.?Mehrmals gerät er dort, mit der ungestümen Energie eines 20-Jährigen, in heikle Situationen.Im Keller des Supermarkts muss er Kartons aufschneiden, Dosen in Regale räumen. Das war so ziemlich der niederste Job, den das Geschäft zu bieten hatte. ?Im Keller arbeitete auch noch ein Schwarzer. Wir verstanden uns gut, aber das sah die Filialleitung nicht gern?, erinnert er sich. ?Die Rassenschranken waren in den 50ern noch erheblich.? Er aber sieht das nicht ein, denn nach dem Krieg waren vor allem die farbigen US-Soldaten in Deutschland immer nett zu ihm gewesen, und noch heute erinnert er sich an die erste Tafel Schokolade, die er von einem Afroamerikaner geschenkt bekam.Als ein Vorgesetzter zum x-ten Mal die Waren, die er gerade erst alle eingeräumt hat, einfach wieder rausschmeißt, streckt Haub ihn per Kinnhaken vor den Kunden nieder. ?Er lag flach auf dem Boden, obwohl er viel kräftiger war als ich. Die Geschäftsleitung untersuchte den Vorfall, gab mir Recht und eine höhere Position. Man durfte in Amerika nicht feige sein, das hat mir sehr imponiert.?Nach zwei Jahren, zurück in Deutschland, verlangt die Familie nun von ihm noch ein Wirtschaftsstudium als letzten Baustein für die Karriere bei Tengelmann. Er wird Schüler bei Karl Schiller in Hamburg, und wieder wird seine fast körperliche Abneigung gegen alles Theoretische deutlich: ?Ich mied die Vorlesungen und flüchtete in unser Kontor am Sandtorkai. Der Einkauf von Kaffee und Kakao, das machte mir Spaß.? Trotzdem schließt er sein VWL-Studium mit besten Noten ab.Die Abneigung gegen seinen eigentlichen Studienaufenthalt erfährt allerdings schon recht früh beträchtliche Minderung, als ihm eine attraktive Studentin begegnet. Inzwischen ist er seit 47 Jahren mit Helga Otto verheiratet. Sie haben drei Söhne, 45, 43 und 41 Jahre alt. Karl-Erivan führt heute das Europa-Geschäft, Christian Nordamerika, und Georg ist für die Immobilien zuständig. Die fünfte Generation hat übernommen.Als Erivan Haub sich 2000 dazu entscheidet, die Führung abzugeben und in den Beirat zu wechseln, fällt ihm das schwer. ?Ich wollte immer Chef werden und sein. Ich war voller Tatendrang, wollte viel bewegen und habe das schon ziemlich früh meinen Onkel spüren lassen, der mich aber lange hingehalten hat.?Lesen Sie weiter auf Seite 5: Wie Haub die Testamentsvollstrecker austrickste.Nach dem Studium muss Haub weitere Traineeausbildungen über sich ergehen lassen: bei einer Bank und bei einem Immobilienmakler, schließlich ein halbes Jahr Brasilien, erst ab 1963 darf er in Wiesbaden ein Gebiet von Tengelmann leiten ? weit genug weg von der Zentrale in Mülheim, wo der Onkel regiert.Am 22. März 1969 stirbt der kinderlose Onkel in der Schweiz an einem Herzinfarkt. Haub befindet sich gerade im Skiurlaub in Val d?Isère. Die Mutter weilt in Afrika.Was sollte er tun?Erivan Haub: ?Ich nahm den Nachtzug und kam morgens um sechs Uhr in Mülheim an, ging durch einen Seiteneingang in die Zentrale, rief für acht Uhr die Führungskräfte zusammen und teilte ihnen mit, dass ich die Führung übernehmen würde, ohne zu wissen, wie die Besitzverhältnisse waren. Vier Tage später bei der Testamentseröffnung war klar: Mein Onkel hatte mich zum neuen Unternehmenschef ernannt.?Aber so ganz scheint der Onkel seinem Nachfolger nicht zu trauen. Er fürchtet, sein Neffe würde die Firma verkaufen und nach Amerika gehen. Deshalb setzt er zwei Testamentsvollstrecker ein, die das Unternehmen 30 Jahre begleiten sollten. Haub: ?Ich wusste, wenn ich die Herren nicht schnell loswerden würde, hätte ich sie jahrzehntelang im Nacken und könnte das Unternehmen nicht selbst führen. Mit allen möglichen Tricks gelang es mir, den einen so mürbe zu machen, dass er nach drei Wochen die Testamentsvollstreckung niederlegte. Der andere war ein Wirtschaftsprüfer aus München. Von dem verlangte ich, er müsse nach Mülheim ziehen und täglich in der Firma sein. Da gab er auf und nahm eine Abfindung an.?Der Chefsessel ist endgültig frei, er ist jetzt der Boss.Wie war der Zustand der Firma, als er die Führung übernahm? ?Sehr solide, aber relativ bescheiden. Es waren wenig finanzielle Reserven da. Und ich war immer ein Mensch, der gern Reserven hat.?Haub legt also los, verkauft im Unternehmen vieles, was nicht zum Kerngeschäft gehört: Grundstücke, Häuser, die Backpulver-Herstellung, die Spirituosenabfüllung und die Kaffeerösterei. Nachdem das Portfolio bereinigt ist, beginnt er mit passenden Zukäufen: Kaiser?s ist das Objekt der Begierde. Der Onkel hat zuvor schon einmal abgewinkt. Die seien mit 1200 Filialen wesentlich größer und würden nicht zu Tengelmann passen.Haub aber trifft sich mit dem Hauptgesellschafter von Kaiser?s im Frankfurter Hof. Erst vor Ort stellt sich heraus: Der will eigentlich Tengelmann kaufen. Freundlich geht man auseinander. In aller Stille aber organisiert Haub fortan die feindliche Übernahme, kauft über Schweizer Mittelsmänner heimlich Kaiser?s-Anteile, so lange, bis er 1971 die Mehrheit hat. ?Ich legte in den zwei Jahren schon so viele Reserven an, dass ich keine Bankkredite brauchte. Ich wusste auch, dass Kaiser?s wie so viele Traditionsfirmen in der Substanz reich war, obwohl ich keine einzige Bilanz gesehen hatte.?Am 1. April 1971, mitten in der Übernahmeschlacht, stürzt Haub beim Skifahren, muss dreimal operiert werden. ?Während ich im Bett lag, führten wir die letzten Verhandlungen. Am 13. Mai ging ich auf Krücken zum Vorstand von Kaiser?s. ,Meine Damen und Herren?, sagte ich, ,mir ist es gelungen, Ihre Firma zu übernehmen. Aber wir wollen partnerschaftlich zusammenarbeiten.?? Haub macht sein Versprechen wahr: Niemand wird entlassen.1972 gründet Haub den Discounter ?Plus?. Deutschland aber wird ihm bald zu eng, er kauft erst in Österreich zu, später in den USA, das einstmals größte Lebensmittelfilial-Unternehmen Atlantic & Pacific (A&P).Lesen Sie weiter auf Seite 6: ?Es wird Zeit, mal wieder einen Treffer zu landen.?Bei allem Gewinnstreben aber verliert er das Wohl und Wehe seiner Angestellten nie aus den Augen. Eine langjährige Vertraute formuliert es so: ?Herr Haub hat seinen Mitarbeitern immer das Gefühl gegeben, dass sie für ihn wichtig sind.? Sie sagt aber auch: ?Darüber ist er schlechten Mitarbeitern gegenüber oft viel zu weich gewesen. Die hat er nicht entlassen, die hat er lieber mit durchgefüttert und so den Erfolg des Unternehmens ein Stück weit auch gefährdet.?Was läuft heute schief in Deutschland? Wo sind die Pioniere??Die Bürokratie muss massiv abgebaut werden. Solange ich nicht im Arbeitsamt anrufen kann, um mir zehn Leute ohne großen Aufwand für zehn Tage zu holen, so lange werden wir nicht vorankommen. Unser Land ist bürokratisch verknöchert?, sagt er und erzählt von seinem Sohn, der 80 Prozent seiner Zeit damit verbringt, die Banken ruhig zu halten und die Auflagen für Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz zu erfüllen.Dass sich an diesem Zustand alsbald etwas ändert, glaubt er nicht: ?Für echte Reformen geht es uns noch nicht schlecht genug. Wir mussten uns noch alles selbst erarbeiten, den Kühlschrank, die Schlafgelegenheit, das Abendbrot.?Wenn er davon berichtet und immer wieder ein wenig verklärt in die Vergangenheit zurückblickt, dann klingt es bisweilen so, als habe er den Glauben an die Gestaltungskraft der Politik verloren. Dann erzählt er auch von den Wahlkämpfen Helmut Kohls, die er unterstützt hat. Er hilft dem Alt-Kanzler auch in der Schwarzgeld-Affäre der Union. Haub überweist Anfang 2000 einen sechsstelligen Betrag, als Kohl zwar die Namen der Spender nicht sagen, aber für den finanziellen Schaden der Partei geradestehen will. ?Ich schätze Kohls Lebensleistung, deshalb habe ich das getan?, sagt er. Er sagt aber auch: ?Ich gehörte eine Zeit lang zu jenem Kreis aus der Wirtschaft, den er mal um Rat gebeten hat. Aber in seinen letzten Kanzler-Jahren, da hat er nicht mehr zugehört, da hat er auch im Land nicht mehr viel bewegt.?Er selbst hat noch genügend Ideen. ?Wir wollen in Osteuropa stark wachsen und den Trend zu gesunder Ernährung nutzen.?Sein letzter Coup liegt schon zehn Jahre zurück. Damals gründet er den Textildiscounter ?Kik?, heute hat die Kette 1600 Filialen und ist hochprofitabel. Zum Abschied auf dem Parkplatz sagt er: ?Es wird Zeit, mal wieder einen Treffer zu landen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.12.2005