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Erich Sixt: ?Unternehmer sind Abenteurer?

Von Peter Brors und Christoph Hardt
Wie Erich Sixt jedes Jahr 100 000 Autos kauft, sich mit Oskar Lafontaine und Prinz Charles anlegt - und warum er nichts von betrieblicher Mitbestimmung hält.
Erich Sixt Foto: dpa
PULLACH. Erich Sixt ist 18 Jahre alt, als der elterliche Betrieb in heftige Turbulenzen gerät. Vater Hans hat 1962 gerade seine erste außergewöhnliche Idee entwickelt, übrigens unter ausdrücklicher Zustimmung seines Sohns: ?Das war eigentlich eine tolle Idee: für den Einheitspreis von 20 D-Mark am Tag europaweit ein Auto mieten.?Die Aktion läuft blendend. Binnen kürzester Zeit stapeln sich Tausende von Vorbestellungen vor allem amerikanischer Touristen. Das Problem: Die Münchener Firma hat damals gerade drei Filialen, im Ausland ist sie gar nicht präsent. Mit Subunternehmern will Sixt die neue Kundschaft bedienen, allein in Frankreich findet sich partout kein Partner. ?Die drohenden Vertragsstrafen hätten die Firma mit Sicherheit in den Ruin getrieben?, erinnert sich Erich Sixt heute.

Die besten Jobs von allen

Also heuern Vater und Sohn 70 Studenten an, die binnen 24 Stunden 70 Leihautos von München nach Paris lenken. Dort mietet Erich Sixt am Flughafen Le Bourget einen kleinen Laden und einen Parkplatz, nimmt die Touristen persönlich in Empfang, prüft Führerscheine, stellt Mietverträge aus. Nachts wäscht er die zurückgegebenen Autos, repariert sogar kleinere Schäden selbst. ?Über sechs Monate habe ich das alleine gemacht. Heute kalkulieren wir für diese Arbeiten mit fünf bis sechs Angestellten.?Als die Vorbestellungen abgearbeitet sind, kehrt Sixt zurück nach München. Er fühlt sich bereit für höhere Aufgaben, doch der Vater schickt ihn erst mal an die Universität: Betriebswirtschaftslehre soll es sein. Vier Semester lang hört sich der junge Erich die Vorlesungen in München an, dann bricht er das Studium ab: ?Die ganze Betriebswirtschaft basiert doch auf einem einzigen Axiom: dass der Mensch rational handelt. Aber er tut es nicht. Und deshalb können Sie das alles vergessen.?Zwei Episoden aus seinen Lehrjahren, die Erich Sixt, 61, erzählt, wenn man ihn danach fragt, wie es ihm gelungen ist, zu Europas erfolgreichstem Mietwagen-Verleiher aufzusteigen: mit ständigem Mut zum Risiko, auch neue, mitunter provokante Wege zu suchen und nie nachzulassen. ?Für mich sind Unternehmer die letzten Abenteurer?, sagt er. Und findet sich wieder in den Worten des Philosophen Seneca: ?Du glaubst, du hast einen Gipfel erstiegen, und in Wahrheit ist es nur eine Stufe.? In diesem Sinne ermahnt Sixt sich selbst und seine Mitarbeiter, ständig daran zu denken, dass man sich nicht auf vergangenen Erfolgen ausruhen darf. Zufriedenheit sei der größte Feind künftiger Erfolge.Jedes Jahr kauft die Firma für mehr als zwei Milliarden Euro über 100 000 neue Fahrzeuge, davon allein 20 000 der Marke Mercedes, sie ist damit weltweit der größte Kunde in Stuttgart. Die Autos können in 75 Ländern an fast 1 400 Stationen gemietet werden. 2005 nähert sich der Umsatz der Marke von 2,5 Milliarden Euro. Die Münchener sind in der Heimat Marktführer und liegen hier weit vor Weltkonzernen wie Avis und Hertz.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sixt ist immer hellwachDer Mann, der das alles erschaffen hat, eilt an diesem Morgen durch die Firmenzentrale in einem Gewerbegebiet in Pullach bei München. Erich Sixt begrüßt jeden, der ihm begegnet. Eine Strähne des noch vollen dunkelgrauen Haars fällt ihm dabei ständig in die Stirn. Er trägt einen blauen Nadelstreifenanzug, ein hellblaues Hemd mit Manschetten, dazu eine rote Krawatte. Und einen Moment fragt man sich, warum dieser für sein Alter so frisch ausschauende Mann einmal den Titel des ?schlechtestangezogenen deutschen Managers? verliehen bekommen hat. Erst als der Fotograf ihn bittet, sich vor eines seiner Werbeplakate zu setzen, da rutscht die Hose doch allzu weit nach oben und legt ein Stück blankes Bein frei. Aber sonst?Sonst ist alles orange. Das Pult der Empfangsdame, das Sofa im Foyer, die moderne Kunst, die Untersetzer für die Saftgläser ? Corporate Identity in Reinform. Gerade findet in der Zentrale ein Treffen des Vertriebs statt. Aus Bussen springen junge Frauen und Männer, die Halstücher und Krawatten in Orange, unter dem Arm tragen sie orange Mappen. Und stellen sich vor einer orangefarbenen Wand zum Erinnerungsfoto auf, ehe es an die Arbeit geht. Sixt selbst sagt über sich, er sei mitunter ein ?Workaholic?. Und gibt damit eine Art Gemütszustandsbeschreibung ab, die er auf seine ganze Firma übertragen hat: Leistung, Leistung, Leistung. Wenn die stimmt, dann sollen alle profitieren, wenn nicht, dann hat er eben auch nichts zu verteilen.Betriebsrenten für die reine Zugehörigkeit zur Sixt-Familie? Gibt es nicht. ?Das verleitet zu Dienst nach Vorschrift. Jeder sollte selbst für sein Alter vorsorgen.? Leistungsprämien für Projekte? ?Gerne. Das motiviert, treibt an und weckt den Unternehmer im Angestellten.? Mit dieser Einstellung, diesem Biss hat es Sixt geschafft nach ganz oben, er ist darüber bekannt geworden und wohlhabend. Ein alter Geschäftspartner sagt: ?Man darf ihn nie unterschätzen? ob seines warmen bayerischen Tonfalls oder des leicht gebückten Gangs. ?Sixt ist immer hellwach. Und immer im Dienst, auch wenn er mal, was selten vorkommt, daheim vor dem Fernseher sitzt. Auch dann denkt er oft noch darüber nach, welche Werbeidee jetzt gerade wohl passen könnte.?Das Ehepaar Sixt lebt im manikürten Münchener Süden, vielleicht zehn Autominuten von der Zentrale entfernt. Und es besitzt einen Bauernhof nahe dem Tegernsee. Als der Vater 1997 stirbt und Erich Sixt das elterliche Gut erbt, entdeckt er dort, unter einer Plane verborgen, in einem Heuschober einen Mercedes Pullman Landaulet, Baujahr 1935. Es ist das einzige Auto, das Vater Sixt vor den Nazis retten konnte ? und das Gefährt, mit dem er die Firma nach dem Krieg wieder aufbaut.Schnell kommt er damals, zurück aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, mit den in Bayern regierenden GIs ins Geschäft. Der Vater spricht gut Englisch. Der US-Army bietet er Taxifahrten an. Schnell erhält er eine exklusive ?Service-Lizenz?, lassen sich die hohen Offiziere doch gerne in einem Pullman, vor einem kleinen Tisch vis à vis sitzend, durchs Land kutschieren.Den Mittelpunkt der Familie aber bildet in jenen Aufbaujahren das Bauernhaus am Tegernsee. Hier bläut der Vater dem jungen Erich immer wieder ein: ?Erwarte nichts vom Staat. Sorge für dich selbst.? Heute erinnert sich Erich Sixt: ?Das hat mich geprägt. Mein Vater hatte keine einzige Versicherung. Er hat immer gesagt: ,Solange ich auf zwei Beinen stehen kann, ernähre ich mich selbst. Wenn nicht, bin ich tot.?? Nach diesen Vorgaben richtet sich Erich Sixt noch heute: ?Auch ich besitze privat keine Versicherung. Und dem Staat billige ich nur eine einzige Aufgabe zu ? meine Freiheit zu schützen.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Nur die Stärksten und Kreativsten überleben"Diesen mangelnden Respekt vor der Arbeit der Obrigkeit hört man bei ihm ständig heraus. Von der alten Regierung unter Gerhard Schröder hat er nichts gehalten, von der neuen unter Angela Merkel erwartet er nichts: ?Ich habe nicht die geringste Hoffnung, dass sich Grundsätzliches ändern könnte. Dieses Land ist zu tief verkrustet. Ein Politiker, der tatsächlich etwas ändern wollte, würde wohl seine Gesundheit gefährden.?Einmal in Fahrt, legt Sixt eine Art politisches Sofortprogramm vor: Der Staat müsse sich dramatisch zurücknehmen. ?Wir ersaufen in Vorschriften und Gesetzen?, sagt er. Und erzählt von einer Verordnung aus dem Jahr 1954. Die schreibt den Autovermietern noch heute das Eichen von Tachometern vor, und das, obwohl alle Hersteller bestätigen, dass die Tachos einwandfrei funktionieren. ?So ein Gesetz gibt es nur in Deutschland.? Pro Auto kostet ihn das 50 Euro. Im Jahr summiert sich das für Sixt auf mehrere Millionen Euro. ?Und mit diesem Unsinn werden auch noch Heerscharen von Beamten beschäftigt, denn jedes Bundesland hat seine eigene Eichbehörde.?Das war Punkt eins zum Bürokratieabbau. Punkt zwei folgt sogleich und gilt dem Arbeitsmarkt. ?Wir könnten hier ohne Probleme mit den höheren Lohn- und Lohnnebenkosten leben, wenn beispielsweise die Entscheidung, einen Arbeitnehmer einzustellen, nicht so weit reichend wäre.? Denn eine spätere Trennung koste doch heutzutage schon mehr als eine Ehescheidung, sagt er und verlangt, den Flächentarifvertrag gleich ganz abzuschaffen.Eine Meinung vertreten ist das eine, sie auch durchsetzen das andere. Würde er auch selbst in die Politik wechseln? Sixt schüttelt heftig den Kopf, sagt: ?Ich würde scheitern. Meine klare Sprache würde in der deutschen Konsensgesellschaft vermutlich niemand verstehen.?Seinen Beitrag für die Gesellschaft sieht er darin, Geschäfte zu machen, Geld zu verdienen und so immer neue Jobs zu schaffen. ?Für einen findigen Unternehmer ist immer Platz. Aber nur die Stärksten und Kreativsten überleben.?Eine Maxime, die für ihn vor allem seit 1968 gilt. In Deutschland führen die Studenten das Wort, sie lehnen sich auf gegen den allzu verkrusteten Staat. Auch Sixt gehört rein physisch jener aufständischen Generation an, auch er ist gegen die Verblendung der Bonner Republik. Geistig aber widmet er sich voll der Firma, die ihm der Vater mit einer Million Mark Umsatz soeben übertragen hat.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Marketingfeuerwerk in OrangeEs ist die Zeit, da Deutschland den VW Käfer liebt, da der Opel Kadett zu den Top-Sellern und ein Mercedes im gemeinen Volk noch zu jenen unerschwinglichen Luxusgegenständen zählt, die der Oberschicht vorbehalten sind. Die Mietwagen-Branche gilt in jenen Jahren als gesättigt. Ein Oligopol beherrscht den Markt. Kleinen Anbietern wie Sixt mit nur 200 Fahrzeugen räumen Experten kaum Wachstumschancen ein.Doch Sixt ahnt die Faszination, die hinter der Idee des Mietwagens steckt. Viele Jahre später wird das der amerikanische Erfolgsautor Richard Ford in seinem Roman ?Der Sportreporter? klassisch formulieren: ?Es geht nichts über die ersten Augenblicke in einem großen, blitzblanken LTD oder Montego, Meilenstand überprüft, Tank voll, Sitz richtig eingestellt, die schwere Tür fest geschlossen, der erregende neue Geruch, der dir in die Nase steigt, die feste Überzeugung, dass du in einem Wagen sitzt, der besser ist als dein eigener (mehr noch: Wenn der hier schlappmacht, lässt du dir einfach einen anderen geben). Nichts anderes gibt mir dieses Gefühl einer Freiheit innerhalb vernünftiger Grenzen? ? die perfekte Illusion für jeden Autoverleiher, auch für Erich Sixt.In aller Stille bereitet Sixt die erste wichtige Entscheidung vor, die das Unternehmen raus aus Bayern und beinahe in alle Welt führen sollte. Er vereinbart eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Firma Budget, einer Ford-Tochter.So bekommt er Zugang zu einem internationalen Reservierungssystem und übernimmt für Budget die Deutschland-Buchungen. Sixt steigt ins Leasing-Geschäft ein, das er in Amerika kennen gelernt hat. Und er setzt früh auf provokante Werbung: ?Mieten Sie einen Mercedes zum Preis eines Golfs. Buchen Sie First Class, zahlen Sie Economy.? Der Slogan schlägt ein. Die Mittelschicht bekommt plötzlich suggeriert, dass auch sie sich Luxus leisten kann ? zumindest einen Mercedes 190 für ein Wochenende.Die Kampagne ist quasi der Auftakt zu einem wahrhaften Marketingfeuerwerk in Orange: ?Ohren anlegen lassen ohne OP?, textet er für eine Werbekampagne, darunter ein Bild von Prince Charles mit der Aufforderung: ?Mieten Sie ein Mercedes CLK Cabrio für 95 Euro den Tag.? Oder: ?Lust auf eine neue Frisur?? fragt Sixt zu einem Foto von Angela Merkel. Auf der Folgeseite stehen ihr die Haare zu Berge, dazu: ?Mieten Sie sich ein Cabrio.? Oder auch die Kampagne mit einem Herrenmagazin. Als die Kundschaft in den gemieteten Wagen steigt, findet sie auf dem Beifahrersitz einen Din-A4-Umschlag. Darauf steht: ?Rufen Sie Ihren Geschäftspartner an und teilen Sie mit, dass Sie sich verspäten.? Aus dem Couvert fällt die aktuelle Ausgabe des ?Playboy?.Um zu wissen, was seine Kunden sonst noch wünschen, wechselt er privat alle paar Wochen das Auto, mal nimmt er sich einen Mercedes CLK, mal aber auch einen neuen Golf. In der Freizeit fährt er am liebsten mit einer Harley-Davidson aus, und zwar ?schön langsam?. Dass es immer wieder neue Provokationen aus dem Hause Sixt gibt, dafür sorgt Werber Jean-Remy von Matt. Der sagt: ?Es ist nicht immer einfach mit Herrn Sixt. Er hat selbst so viele Ideen und wirft unsere Vorgaben oft und gerne um. Aber er hat auch Mut und Instinkt. Er ist so eine Art Moving Target.?Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Wenn er etwa am Steuer seines Sportflugzeugs mit einem Von-Matt-Kreativen 15 Flughäfen in zwei Tagen abfliegt, um selbst zu begutachten, was die Werbung bewirkt.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Flotte Sixt-Sprüche halten Anwälte in Fahrt Mit den flotten Sprüchen hält das Duo auch die Konjunktur deutscher Juristen in Fahrt. Regelmäßig bekommt Sixt Unterlassungserklärungen zugestellt. In 15 Jahren zählt das Unternehmen 800 Gerichtsverfahren, darunter auch der Prozess gegen Oskar Lafontaine.Nach dessen Rücktritt als Finanzminister hatte Sixt 1999 das Gesicht des Saarländers auf einer mit den Köpfen des gesamten Kabinetts versehenen Anzeige durchgekreuzt und mit der Zeile versehen: ?Sixt verleast auch Autos für Mitarbeiter in der Probezeit.? Lafontaine verklagte Sixt wegen unerlaubter Nutzung seines Fotos und Ehrverletzung. Ein letztinstanzliches Urteil steht noch aus.Sixt sagt zu alldem: ?Ich bin ein provokativer Mensch. Und in der Werbung ist Provokation eben immens wichtig, um wahrgenommen zu werden.? Gerne erinnert er in diesem Zusammenhang an Carl von Clausewitz und dessen Buch ?Vom Kriege?. ?Da steht die Anleitung für erfolgreiches Marketing doch schon drin: ,Gegner beobachten, Stärken und Schwächen analysieren und dann ? zack ? handeln.??So wächst das Unternehmen, als gäbe es keine Wirtschaftskrise. 1986 bringt er über 30 Prozent seines Unternehmens an die Börse, der Rest verbleibt in der Familie. Sixt setzt sich selbst vorübergehend als einzigen Vorstand ein. ?Das erinnert an Methoden aus den Frühzeiten des Kapitalismus?, kritisieren Vertreter der Kleinaktionäre sogleich. Als sich in den Jahren darauf die Geschäfte nicht mehr so rasant entwickeln wie bis dahin, mehren sich die kritischen Stimmen. Sie sprechen von schlechter Information der Öffentlichkeit, Sixt informiere seine Aktionäre nur nach Gutdünken und halte schlechte Nachrichten zurück.Aus dem einstigen Wunderunternehmer ?mit dem Gespür für Trends? (?Manager-Magazin?) wird in diesen Zeiten schnell ein machtversessener ?Patriarch?, der das Unternehmen im Alleingang führt und ?keinen Widerspruch? duldet (?Capital?). Sixt sagt heute dazu: ?Ich fände es schlimm, wenn ich wirklich ein Patriarch wäre. Von dieser Führungsmethode halte ich nichts. Mir macht es Spaß, wenn Menschen sich entfalten können.?Mehrere Mitarbeiter bestätigen, dass es diese Freiheiten tatsächlich gibt im Unternehmen. ?Erich Sixt fordert viel, aber immer auch neue Ideen?, erzählt ein leitender Angestellter. ?Das Schlimmste ist, wenn Sie ihm mit Floskeln begegnen wie: ,Damit fahren wir doch seit Jahren gut? oder ,In dieser Entscheidung liegt kein Risiko. Das haben wir zigmal so schon ausprobiert.? Dann kann er sehr unangenehm werden.?Auch ist aus der Firma zu hören, dass Erich Sixt nach wie vor am liebsten über jedes Detail genau Bescheid wissen möchte. ?Der will bis hinters Komma auch die letzte Zahl vom Geschäft in Spanien pünktlich auf seinem Tisch haben?, sagt ein Manager. Sixt wischt die leise Kritik beiseite, das habe nichts mit Patriarchentum und Nicht-loslassen-Können zu tun, das gelte nur für die Auslastungszahlen. Denn: ?Es ist kriegsentscheidend, dass wir genau die Anzahl an Autos einkaufen, die später nachgefragt werden?, sagt er und rechnet vor: ?Pro Prozent Auslastung macht das im Ergebnis einen Unterschied von rund zwei Millionen Euro im Jahr.?Lesen Sie weiter auf Seite 7: Warum Erich Sixt wenig von der Mitbestimmung hältVon Mitbestimmung hält Sixt indessen weiter wenig. Die Firma hat keinen Betriebsrat, und der dreiköpfige Aufsichtsrat amtiert ohne Arbeitnehmervertreter. Erich Sixt: ?Die Sixt AG ist eine Holding ohne Mitarbeiter, da reichen nach dem Gesetz die drei Köpfe?, begründet er.?Allerdings halte ich auch grundsätzlich nichts davon, wenn Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium strategische Dinge mitentscheiden.? Da bewirke Mitbestimmung nichts, außer Entscheidungen zu blockieren. ?Aber das ist eines dieser Tabuthemen in der Konsensrepublik Deutschland. Wenn Sie an die Mitbestimmung wollen, werden Sie sofort als Neoliberaler angefeindet. Dabei enthält allein schon das Wort einen Denkfehler. Es suggeriert, dass es hier schon mal so etwas wie Liberalismus gegeben hat, was aber faktisch nie der Fall war.?Klare Worte, die provozieren und die noch eine Weile zu hören sein werden. ?Die Firma ist mein Lebenswerk. Ich habe keine Hobbys, ich züchte weder Rosen, noch spiele ich Golf, und so werde ich der Firma noch lange verbunden bleiben ? als Vorstand und als Großaktionär.?Was seine beiden studierenden Söhne dazu sagen? Sixt: ?Vorstand wird man nicht durch Abstammung, sondern durch Qualifikation.?Erich Sixt - sein LebenHerkunftErich Sixt wird am 29. Juni 1944 im österreichischen Mistelbach als Sohn einer Münchener Fuhrunternehmerfamilie geboren. Er wächst auf einem Bauernhof nahe dem Tegernsee auf. Nach der Schule studiert er Betriebswirtschaft an der Universität München, hört aber nach vier Semestern auf, weil es ihn langweilt.Karriere1968 übernimmt er die Leitung der elterlichen Autovermietung. Damals besitzt die Firma 200 Autos und erzielt einen Umsatz von einer Million D-Mark. Die Branche gilt als gesättigt, ein Oligopol beherrscht den Markt. Kleineren Anbietern wie Sixt werden kaum Chancen eingeräumt. Erich Sixt aber glaubt nicht an gesättigte Märkte und legt die Grundlagen für die Expansion. Er vereinbart eine Kooperation mit dem amerikanischen Konkurrenten Budget und erhält so Zugang zu einem internationalen Reservierungssystem. Er steigt ins Leasinggeschäft ein und setzt nicht länger auf ein einziges Fabrikat.Der Durchbruch gelingt ihm mit aggressiver Werbung und günstigen Preisen. Beträgt der Umsatz seiner Firma 1981 noch 19 Millionen D-Mark, sind es 1988 bereits 149 Millionen und 1998 schon mehr als eine Milliarde D-Mark.Unternehmen1986 bringt Sixt seine Firma an die Börse. Die Mehrheit der Aktien behält er aber für sich, er setzt sich zunächst als alleinigen Vorstand ein. Dafür erntet er von Aktionärsschützern Kritik wie für seine Entscheidung, die Spitze des Aufsichtsrats mit einem guten Bekannten zu besetzen, dem Lufthansa-Manager Hemjö Klein.Sixt lernt aus den Patzern, setzt eine Investor-Relations-Abteilung ein und gewinnt den als Sanierer bekannten Kajo Neukirchen, lange Jahre Chef der Metallgesellschaft, als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden. Heute nähert sich der Firmenumsatz der Marke von 2,5 Milliarden Euro. Sixt hält noch immer die Aktienmehrheit und denkt noch nicht daran, den Vorstandsvorsitz abzugeben. Seine beiden studierenden Söhne müssen sich noch gedulden.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.12.2005