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Erfolgreiche Vetternwirtschaft

Von Christoph Hardt, Handelsblatt
Andreas und Johannes Pieroth führen den weltgrößten Direktvermarkter von Wein, WIV. Ihre Väter wachen im Aufsichtsrat über die Traditionsfirma.
BINGEN. Die Firma nennt sich WIV, ein Name, der selbst in der Welt des Weins nur Eingeweihten etwas sagt. Dahinter steckt der größte Direktvermarkter von Wein weltweit und damit eine Familie, die seit 1665 mit vergorenem Traubensaft ihr Geld verdient. Und bemerkenswerte Höhen und Tiefen erlebt hat: die Pieroths aus Burg Layen bei Bingen.Seit Anfang des Jahres sitzen mit Johannes und Andreas Pieroth wieder zwei Sprösslinge der Familie im Vorstand des weit verzweigten Unternehmens. Das ist so eine Art Rückkehr ? und ein Neuanfang.

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Pieroth ist eine Erfolgsstory: zwei Söhne eines traditionsreichen Winzergeschlechts beginnen Anfang der 50er-Jahre mit einer kleinen Revolution im Direktvertrieb. Sie verkaufen nicht Staubsauger oder Putzmittel, sondern Wein per Hausbesuch. Und was bei manchem traditionsreichen Konkurrenten zunächst Kopfschütteln auslöst, entpuppt sich bald als Renner.Von Anfang an funktioniert die Arbeitsteilung: Der groß gewachsene, weltgewandte Elmar macht den Verkäufer, Kuno, der Stratege, hält daheim die Stellung. Das Konzept ?Weinprobe daheim? funktioniert in Wirtschaftswunderzeiten prächtig. Die Pieroth-Brüder legen sich ein Weingut nach dem anderen zu und gehen bald ins Ausland.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Sache mit dem GlykolHeute erzielt WIV mehr als die Hälfte des Umsatzes außerhalb Deutschlands. Zum Konzern gehört eine Kellerei mit einem Fassungsvermögen von 6,7 Millionen Liter und einem Lager für 13 Millionen Flaschen Wein. Die werden von mehr als 40 Vertriebsfirmen in 20 Ländern verkauft, mit zumeist hochadligen Namen wie die Kellerei Reichsgraf von Ingelheim oder die Conte Ottavio Piccolomini d?Aragnoa SRL.Das alles klingt nach ungebrochenem Erfolg, wäre da nicht die Sache mit dem Glykol gewesen. Mit dem Frostschutzmittel Diethylenglykol gesüßter Wein aus Österreich, so die Nachfolger heute, sei auch an ihre Firma verkauft worden. Der Name Pieroth war schnell mit negativem Beigeschmack in aller Munde. Dazu mag beigetragen haben, dass Elmar Pieroth zu dieser Zeit längst für die CDU in die Politik gewechselt war: als Finanzsenator in Berlin. Der Weinskandal im Sommerloch zog weite Kreise, der Name Pieroth sollte bald aus dem Firmenlogo verschwinden, Kuno schied aus dem Tagesgeschäft aus.Doch der Gedanke, dass die Familie eines Tages wieder operativ eingreifen solle, der blieb. So begannen Kuno und Elmar Pieroth, die heute beide im Aufsichtsrat sitzen, schon Anfang der 90er-Jahre, darüber nachzudenken, wer ihnen an die Spitze des Unternehmens folgen könnte. Dass es auf Kunos Seite der Sohn Johannes sein würde, lag nahe. Er absolvierte eine geradezu idealtypische Ausbildung zum Nachfolger: Jurastudium, Assistent der Geschäftsführung beim Senfhersteller Appel&Frenzel. Er steigt 1998 bei WIV ein: zuerst Japan, dann Chef des Direktvertriebs Nordeuropa, weitere Aufgaben und ab Juli 2003 Mitglied des Vorstands. Anders bei seinem Cousin Andreas Pieroth: Dessen Biografie liest sich so, als hätte er sich nie vorstellen können, in der Weinbranche zu arbeiten. In Berlin aufgewachsen, studiert das jüngste von sechs Kindern Geisteswissenschaften, arbeitet während des Studiums für Pixelpark und gründet eine Multimedia-Agentur. Im Jahr 2000 wechselt er dann doch zu WIV und kommt nach vier Jahren in den Vorstand.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Im Vorstand gibt es keine Hierarchie?Ich wollte nie ins gemachte Bett?, sagt Andreas Pieroth und lächelt mit gewinnender Offenheit. Sein Cousin, der Jurist, mag es etwas zurückhaltender. Beide ähneln sich überhaupt nicht, dass sie nah verwandt sind, erschließt sich auch nicht nach dem zweiten Blick. Das war schon bei den Vätern so. ?Wir sind uns relativ fremd?, gesteht Andreas, allenfalls auf Familienfesten habe man sich früher getroffen. In der Landeshauptstadt Mainz hat man es mit Interesse wahrgenommen, dass WIV auch operativ wieder in Familienhand ist. ?Das war schon eine Überraschung?, sagt ein führender Landespolitiker. Der Name Pieroth sei schließlich ein ganz besonderer im Land des Weins.Im fünfköpfigen Vorstand, in dem es keine Hierarchie geben soll, sind die beiden Pieroths zur engen Zusammenarbeit wie wild entschlossen. Das gehört, glaubt man beiden, zur Tradition des Unternehmens. Zwar gibt es einen Familienvertrag, doch nicht ein einziges Mal sei es zwischen ihren Vätern zu grundlegendem Dissens über die Ausrichtung ihrer Firma gekommen. Das war auch nicht der Fall, als der australische Getränkeriese Fosters Ende der 90er versuchte, WIV zu übernehmen. Nein, sagten die Gründer und entschieden sich, das Unternehmen als Familienbetrieb weiter zu führen. So ließen sich auch soziale Errungenschaften bewahren. Elmar Pieroth entwickelte das Programm ?Kinder im Betrieb? für berufstätige Frauen und beteiligte die Mitarbeiter am Unternehmenserfolg (?Pieroth-Modell?).Auf diesem Weg wollen die Söhne weitergehen. ?Familienunternehmen, das funktioniert nur, wenn die Familie stark ist, und dafür muss Einigkeit bestehen?, sagt Johannes. Es funktioniert wohl auch nur, wenn klar ist, wer das Sagen hat. Mehr als 50 Prozent der WIV-Aktien kontrollieren die Söhne. Zusätzlich hilft ein Poolvertrag, der die Familienstämme dazu zwingt, einstimmige Entscheidungen herbeizuführen.Alle vier bis sechs Wochen treffen sich die beiden Nachfolger mit ihren Vätern. Im Moment gibt es viel zu besprechen. Die Junioren setzen auf Wandel in der Kontinuität. ?Hier gibt es manches, was abzustauben ist?, sagt Andreas Pieroth. Von Sanierung wollen die Nachfolger zwar nicht reden, von Konzentration schon. Einzelne Auslandsmärkte sollen überprüft werden.Hier sind sich beide Jungvorstände, die als Typen gar nicht unterschiedlicher sein könnten, einig. ?Wir wollen lieber ein gutes Unternehmen sein als überall die Nummer eins?, sagt Johannes Pieroth. Andreas nickt. Später wird er sagen, dass das Unternehmen sie beide stärker verbinde als die Familie.Und doch werden die Bande enger. Gerade ist Andreas Pieroth mit seiner Familie ins ehemalige Haus seines Cousins eingezogen.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.08.2004