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Erfolgreich erfolglos

Von Markus Fasse
MAN-Chef Håkan Samuelsson macht einen guten Job. Noch nie stand das Traditionsunternehmen besser da als heute. Aber das Schicksal des Mischkonzerns hat er nicht mehr in der Hand.
MAN-Chef Hakan Samuelsson. Foto: Archiv
MÜNCHEN. Wenn MAN-Chef Håkan Samuelsson Quartalsbilanzen vorlegt, dann ist das Zahlenwerk wieder einmal Nebensache. Nicht die voll ausgelasteten LKW-Fabriken sind das wirkliche Thema. Auch die prallen Auftragsbücher bei der Schiffstochter MAN Diesel provozieren keine stürmischen Fragen der Investoren. Und dass der Konzern am gestrigen Mittwoch wieder einmal die Prognosen heraufgesetzt hat, überrascht niemanden wirklich. Alle Fragen an Samuelsson drehen sich stattdessen um das gleiche Thema: Scania.Seit über einem Jahr tobt nun die Übernahmeschlacht mit dem schwedischen LKW-Rivalen, und der MAN-Chef hat sie selbst angezettelt. Was zunächst als gut kalkulierte Attacke erschien, erwies sich schnell als Bumerang. Galt der Schwede zunächst als der starke Mann, ist er längst der Spielball von Kräften, die mächtiger sind als er. Mag MAN vor dem besten Jahr der Unternehmensgeschichte stehen, Samuelsson ist mittlerweile der Gejagte in dem Spiel. Seit Monaten wird MAN an den Börsen mit einem kräftigen Übernahmebonus gehandelt. Das jüngste Szenario: Scania schluckt mit Hilfe des MAN-Großaktionärs Volkswagen den Münchener Mischkonzern, danach kauft Volkswagen die Schweden. Und die ehrbare Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg würde nach 150 Jahren Unabhängigkeit aus Wolfsburg regiert.

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Dabei ist Samuelsson vor zwei Jahren keineswegs als Totengräber des Traditionskonzerns angetreten. Galt sein Vorgänger Rudolf Rupprecht noch als kantiger Patriarch, so führt der Schwede mit einem höflich leisen Tonfall das Konglomerat aus LKW-Produktion und Maschinenbau. Durch die etwas muffig wirkende Konzernzentrale im Norden Münchens weht ein neuer Wind.?Als Ausländer darf man auch einmal dumme Fragen stellen?, sagt Samuelsson und stellt von Beginn an eigentlich alles infrage, was bei MAN einmal als heilig galt. Gewerkschaften und Betriebsräten rechnet er nüchtern vor, dass die 35-Stunden-Woche in den deutschen Werken nicht mehr zu halten sei. In der Vorstandsetage lässt er die Wände entfernen, seitdem sitzen alle in Großraumbüros. Was nicht mehr zur neuen MAN passt, verkauft er. Das konzerneigene Weingut verschwindet ebenso aus der Bilanz, wie die traditionelle Druckmaschinensparte MAN Roland. Und in der kommenden Woche wird Samuelsson den Grundstein für eine neue, transparente Konzernzentrale legen. Dass MAN als Ganzes erhalten bleibt, ist für ihn keine Frage. Dass er das Unternehmen weiter führen wird, ebenso.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Samuelsson als Sanierer?Es ist fast unmöglich, ein Meeting zu verlassen und nicht seiner Meinung zu sein?, sagte der Volvo-Manager Jorma Halonen einmal über Samuelsson, der Ende 1999 als Produktionsvorstand bei Scania eine Fusion mit dem schwedischen Konkurrenten einfädelte. Doch nicht nur die unterschiedlichen Unternehmenskulturen, auch die EU-Kommission ließ das Projekt am Ende scheitern. Samuelsson, ein starker Befürworter der Fusion, ließ sich nach dem verpatzten Zusammenschluss nach München zu MAN abwerben.Dort stellt er seine Begabung unter Beweis und saniert als Produktionschef die LKW-Sparte des Mischkonzerns. Denn der nach Daimler-Chrysler zweitgrößte LKW-Hersteller in Deutschland steckt Ende der 90er-Jahre tief in der Krise. Samuelsson strafft die Produktion und baut 4 500 Stellen ab. Doch das Grundübel der Marke bleibt: Technisch solide, aber international unter ferner liefen. Schnell erkennt der Schwede, dass MAN eigentlich dasselbe Problem hat wie Scania. Alleine sind beide Hersteller zu klein, um die Chancen neuer Märkte in Osteuropa, Indien und China zu nutzen.Samuelsson steigt zum MAN-Chef auf, pflegt aber weiter seine Kontakte nach Schweden. Sein Landhaus liegt in unmittelbarer Nähe zu Södertälje, dem Scania-Hauptquartier. Mit Scania-Chef Leif Östling bleibt er auch nach seinem Abgang freundschaftlich verbunden, persönliche Weihnachtsgrüße per SMS eingeschlossen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der MAN-Chef will keine JuniorrolleIm Sommer 2006 hat Samuelsson sein Zwischenziel erreicht. Nahezu alle Randbereiche von MAN sind zu diesem Zeitpunkt verkauft, die Gewinne steigen wieder. Der Börsenkurs hat sich erholt, die Gefahr einer Attacke von Finanzinvestoren ist vorerst gebannt.Nun lotet der MAN-Chef aus, was mit seinem ehemaligen Ziehvater Östling zu machen ist. Doch der ahnt rasch, dass ihm bei einer Fusion der beiden Unternehmen eine Juniorrolle zugedacht ist ? und verweigert sich. Samuelsson wagt den offenen Angriff und bietet den Scania-Großaktionären 10,3 Milliarden Euro. Erst lehnt die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg ab, dann Volkswagen. Hinter Samuelssons Rücken kauft VW-Patron Ferdinand Piëch dreißig Prozent von MAN und lässt sich zum Aufsichtsratschef küren. Martin Winterkorn, Piëchs neuer VW-Vorstandschef, übernimmt das Kontrollgremium von Scania.Seitdem zeigt sich Ferdinand Piëch auffallend oft an der Seite Samuelssons, der in der Gegenwart seines neuen Aufsichtsratschefs stets leicht gehemmt wirkt. Offiziell ruhen die Gespräche zwischen Scania und MAN. Aber vielleicht kann man sich ja wieder mal zu Weihnachten eine SMS schicken.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.11.2007