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Er weckte den schlafenden Riesen

Von Philipp Otto, Handelsblatt
In seiner Karriere erlebte Postbank-Chef Wulf von Schimmelmann auch einige Tiefen. Diesmal aber ist er obenauf.
Wulf von Schimmelmann Foto: dpa
Wulf von Schimmelmann lacht gerne. Und dazu hat der Postbank-Chef derzeit auch allen Grund. Er hat das, was sich alle Banker in diesen schwierigen Zeiten so sehr wünschen: gute Nachrichten.Nicht nur dass die Postbank-Manager ihre Kapitalmarktpläne forcieren und spätestens im Herbst kommenden Jahres mit ihrem Unternehmen an der Börse notiert sein wollen. Sie brachten auch endlich Bewegung in ein festgefahrenes und leidiges Thema ? Abwicklung im Zahlungsverkehr. Nach dem Motto: ?Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte?, übernimmt die Postbank ab dem kommenden Jahr komplett den Zahlungsverkehr für Deutsche Bank und Dresdner Bank. In mehr als zwei Jahre dauernden Verhandlungen hatten sich die beiden Banken nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigen können.

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Mit diesen und anderen Aktionen wie dem Kauf der DSL Bank und dem Einstieg in den USA hat die Postbank in den vergangenen Jahren das Image des schlafenden Riesen abgelegt. Vieles davon darf sich Postbankchef Schimmelmann als persönliches Verdienst anrechnen. Seit der ehemalige McKinseyMann 1999 das Ruder bei der Post-Tochter übernahm, legt der ehemals zerstrittene und wenig erfolgreiche Bonner Finanzdienstleister ein Rekordergebnis nach dem anderen vor.?Nach den schwierigen Neunzigern hat von Schimmelmann hier einen neuen Geist reingebracht?, beteuert einer seiner engen Mitarbeiter. Dabei überraschte die Postbank mit klarer Strategie, ohne sich auf neumodische Änderungen einzulassen. Nach wie vor spielen die von den meisten anderen Banken erst jetzt wieder entdeckten Privatkunden die größte Rolle. In den vergangenen Jahren zeigte das Team um den Vorstandschef, dass sich auch mit dem breiten Massengeschäft gute Erträge erzielen lassen. Dadurch blieben der Postbank Verluste aus Firmenkundengeschäften und risikoreichem Investmentbanking erspart.Der Postbank-Chef, dreifacher Vater und bodenständig, steht gerne als Fußball-Fan lautstark auf der Tribüne deutscher und internationaler Stadien, um die deutsche Nationalmannschaft zu unterstützen. Auch beruflich gilt er nicht als Träumer, sondern konzentriert sich gerne auf das Machbare. ?Die Latte legt er nicht zu hoch?, urteilt ein Mitarbeiter. Das wissen seine Beschäftigten zu schätzen.Doch wer den Postbank-Chef gut kennt, weiß auch um seine andere Seite. Der Chef liebt eben nicht nur den Fußball, sondern wandelt ebenso begeistert durch eine Rembrandt-Ausstellung oder lauscht klassischer Musik. Bei aller Bodenhaftung in Deutschland versteht er sich doch bestens darauf, das Augenmerk der Manager der ehemaligen ?Sparbuchbank? für die Ferne zu schulen. ?Im internationalen Geschäft schaut er gerne, was man sich abgucken kann?, sagt ein Postbanker. So empfiehlt der Honorarprofessor der Universität Konstanz jungen Menschen ohnehin immer wieder, mindestens einmal in ihrer Laufbahn im Ausland zu arbeiten. Er selbst arbeitete als Berater bei McKinsey mehrere Jahre im Ausland.Den späten Erfolg als Postbank-Chef empfindet der 56-Jährige sichtlich als wohltuend ? eigentlich sah seine aktuelle Lebensplanung ganz anders aus. Nach seinem nicht ganz freiwilligen Abschied bei der BHF-Bank 1997 wollte er mit seinem Beteiligungsunternehmen in Frankfurt den Arbeitsalltag ausklingen lassen. Als Banker war er von der Bildfläche verschwunden.Seine Karriere, die von Schimmelmann durch alle drei Lager des deutschen Kreditwesens geführt hatte, war nicht immer einfach. Und das, obwohl sich der Postbankchef schon in sehr jungen Jahren zur deutschen Wirtschaftselite zählen durfte. Nach dem Wirtschaftsstudium in Hamburg und Zürich mit Promotion trat er 1972 bereits mit 25 Jahren bei McKinsey ein. Eine Entscheidung, die sich noch auszahlen sollte. In nur sechs Jahren schaffte er es bis zum Partner. 1978 ereilte ihn dann der Ruf aus Stuttgart, und der begeisterte Segler und Golfer ging zur öffentlich-rechtlichen Landesgirokasse. Zwei Jahre später wurde er Vorstand.1984 erfolgte der Wechsel in das Führungsgremium der genossenschaftlichen Zentralbank DG Bank in Frankfurt. ?Das wurde nicht von allen aus dem Sparkassenlager bedauert?, hieß es damals. Hier blieb von Schimmelmann ebenfalls sechs Jahre ? eine wichtige Zahl in seinem Berufsleben.Ende 1989 wurde die DG Bank dann ein Sanierungsfall. Der Aufsichtsrat wechselte fast den gesamten Vorstand aus, von Schimmelmann schied, wie es so schön hieß, in ?beiderseitigem Einvernehmen? aus. Wenig später, im Mai 1991, wurde er als persönlich haftender Gesellschafter der BHF-Bank präsentiert, hatte aber auch hier wenig Glück. Die BHF geriet in eine Schieflage, der 1996 angetretene neue Chef, Ernst Michel Kruse, griff hart durch und dünnte den Vorstand kräftig aus. Ein Wechsel von Schimmelmanns zur Bankgesellschaft Berlin platzte. Heute könnte man sagen: zum Glück.Nun, sechs Jahre später, ist der Mann mit den blitzenden Augen und dem dichten, grauen Haar wieder obenauf. Das hat er auch dem ausgezeichneten McKinsey-Netzwerk zu verdanken. Schließlich war es mit Klaus Zumwinkel, dem Post-Chef, ebenfalls ein ?Mackie?, der ihn 1999 zur Postbank holte und kurze Zeit später auch in den Vorstand der Deutschen Post berief. Ein guter Zug, wie sich bereits heute zeigt. Und diesmal dürfte der Postbank-Chef auch das für ihn so kritische sechste Jahr überstehen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.10.2003