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Er oder keiner

Von Tobias Moerschen
Der neue Kodakchef startet zur Aufholjagd im Digitalfotogeschäft, denn das traditionelle Geschäft mit Fotofilmen droht wegzubrechen. Energisch, drängend, risikobereit ? diese Eigenschaften werden Antonio Perez zugeschrieben.
Antonio Perez
HB NEW YORK. Und da macht der 59-jährige gebürtige Spanier gleich Tempo. Denn das traditionelle Geschäft mit Fotofilmen droht schneller wegzubrechen, als Kodak in der digitalen Bildverarbeitung neues erschließen kann. Dieses Jahr dürfte rund ein Fünftel des Altumsatzes wegfallen. Ursprünglich hatte Kodak nur ein Minus von sechs Prozent erwartet. ?Wenn die Umsätze schneller fallen, müssen wir die Kosten noch schneller senken?, macht Perez klar.Der Seiteneinsteiger verkörpert Kodaks Wandel. Der Mann mit den buschigen, schwarzen Augenbrauen und dem weißen, streng nach hinten frisierten Haar hatte bislang mit der Fotobranche nichts im Sinn. 25 Jahre lang wirkte er beim Technologiekonzern Hewlett-Packard (HP). Er ist erst der zweite Kodakchef in der 125-jährigen Unternehmensgeschichte, der nicht aus dem firmeninternen Nachwuchs stammt.

Die besten Jobs von allen

Sein Vorgänger Daniel Carp, ein Mann mit 35 Jahren Betriebszugehörigkeit, hatte ihn im April 2003 als Chef fürs Tagesgeschäft (Chief Operating Officer) zu dem Konzern nach Rochester im US-Bundesstaat New York geholt. Perez soll mit seiner Technologie-Erfahrung den Wandel vollenden, den Carp 2003 ankündigte: Kodak müsse sich voll auf digitale Bildtechnik konzentrieren und das traditionelle Filmgeschäft zum Auslaufmodell erklären.Damals protestierten Investoren wie der Milliardär und Aktionärsaktivist Carl Icahn. Doch die Kritiker erkannten bald, dass die 180-Grad-Wende die einzige Überlebenschance für Kodak war.Als Perez in diesem Mai offiziell für den Spitzenjob nominiert wurde, stieg der Aktienkurs um mehr als vier Prozent. ?Investoren mögen Perez und seinen HP-Hintergrund?, kommentiert die Analystin Shonnon Cross vom unabhängigen Analysehaus Cross Research.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Tiefe Einschnitte nötigDer neue Konzernchef muss jetzt tiefe Einschnitte vornehmen: 11 000 Mitarbeiter sind bereits entlassen, bis 2007 sollen weitere 4000 gehen. Gleichzeitig muss er weiter ins Digitalgeschäft investieren, in das seit 2003 schon mehr als drei Milliarden Dollar geflossen sind. So will der Konzern dem Schicksal von Konkurrenten wie dem früheren Sofortbildspezialisten Polaroid und Agfa entgehen, der jetzt vor dem Konkursrichter landete.Perez hat bei HP bewiesen, dass er ein neues Geschäft entwickeln kann. Er baute die Druckersparte von bescheidenen Anfängen zu einer Ertragsperle mit einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Dollar aus. Er war der große Antreiber. ?Ich war besessen von der Idee, alle zwei Jahre eine neue Produktkategorie zu kreieren?, sagte er 2002 dem US-Magazin ?Businessweek?.Trotz aller Erfolge endete seine bis dahin stromlinienförmige HP-Karriere 1999 im Streit mit der damaligen, machtbewussten Konzernchefin Carly Fiorina, die mittlerweile ihren Job verloren hat. Perez war dann kurz bei Gemplus und führte den Hersteller digitaler Identifikationssysteme (Smart-Cards) 2001 an die Börse. Danach versuchte er sich als freier Berater.Viele Investoren und Analysten halten Perez, der seinen Arbeitseifer schon als 14-Jähriger im Fischhandel seines Vaters bewies, zwar für den geeigneten Kandidaten, nach dem Motto: Er oder keiner. Aber sie zweifeln, ob Kodak überhaupt an die alten Zeiten anknüpfen kann, in denen der Konzern mit Kompaktkameras und Fotofilmen den Weltmarkt beherrschte. Von sechs Analysten, die laut Bloomberg Kodak-Aktien beobachten, raten drei zum Verkauf der Titel, zwei empfehlen ?halten? und nur einer sagt ?kaufen?. Die Ratingagenturen Standard & Poor?s und Moody?s bescheinigen Kodak eine schlechte Kreditwürdigkeit mit dem ?Ramsch?-Status. ?Wir machen uns Sorgen über ihre Fähigkeit, sich umzustellen?, sagt Analystin Cross. ?Es ist praktisch unmöglich, das Geschäft zu ersetzen, das sie einst hatten.? Bei der digitalen Fotografie liegt Kodak weltweit hinter Canon und Sony nur auf Platz drei. Das meldet das Researchbüro IDC. In den USA konnten die Amerikaner hingegen Platz eins zurückerobern.Als aggressiver Konkurrent erweist sich auch Perez? Ex-Arbeitgeber HP. Der Technologiekonzern kaufte im März Snapfish.com, die drittgrößte Internetplattform für digitale Fotoentwicklung, und senkte vergangene Woche die Preise um fast die Hälfte auf zehn bis zwölf US-Cent je Bild. Das ist hart für Perez, der noch mit Altlasten aus dem Fotofilmgeschäft kämpfen muss.Dafür lässt sich Antonio Perez nach Angaben des Informationsdienstes Bloomberg von Kodak gut bezahlen: Schon als zweiter Mann hinter Carp erhielt er im vergangenen Jahr 2,253 Millionen Dollar.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Antonio PerezVita von Antonio Perez1945 wird er am 8. November in Vigo/Spanien geboren. Mit 14 Jahren beginnt er, im Fischgroßhandel seines Vaters zu arbeiten. Er studiert später Elektroingenieurwesen, Marketing und Wirtschaft in Spanien und Frankreich.Bis 1999 arbeitet er 25 Jahre für Hewlett-Packard. Er leitet fünf Jahre lang das Geschäft mit Tintenstrahldruckern. Von 1995 bis 1999 ist er für die Bereiche Privatkunden und digitale Medien verantwortlich.2000 wird er im Juni President und Chief Executive Officer (CEO) von Gemplus, dem Anbieter von Identifikationssystemen und Smart-Cards. Ab 2001 arbeitet er als unabhängiger Berater.2003 wird er im April Chief Operating Officer von Kodak.2005 steigt er am 1. Juni zum Vorstandschef auf.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.06.2005