Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Enron-Chef Lay: Held oder Schurke?

Von Annette Kiefer
Fast vier Jahre nach dem Kollaps des Energieriesen Enron steht Ex-Chef Kenneth Lay ab Montag wegen Betrug, Geldwäsche und Verschwörung vor Gericht. Doch bis heute haben sich Ex-Enronianer noch kein einhelliges Urteil über den als "beste Führungspersönlichkeit "gelobten Ex-Häuptling gebildet.
HOUSTON. Und er blieb jahrelang mit dem Jungen in Kontakt ? bis Lay ihn später als diplomierten Ökonomen für Enrons Breitbandsparte einstellte.?Deshalb fällt mir das alles jetzt auch so schwer. Es ist so, als ob dich dein Superheld zuerst aus der Gosse holt und dir anschließend alles wieder wegnimmt?, sagt Ashmore. Einen Moment lang sitzt der kernige Geschäftsmann beim Interview mit der Zeitung ?Houston Chronicle? da wie ein Häufchen Elend. Doch plötzlich kommt dem 30-Jährigen wieder die Galle hoch: ?Ich habe denen geholfen, Millionen zu verdienen, und dann haben sie mir meine Millionen durch ihre Betrügereien ausgelöscht. Diese Menschen haben mir sieben Jahre meines Lebens gestohlen.?

Die besten Jobs von allen

Das typisch Laysche Wechselbad der Gefühle: Ist der frühere Chef des US-Energiekonzerns Enron der Bösewicht oder der Held? Klarheit soll der Strafprozess bringen, der an diesem Montag in Houston/Texas beginnt. Lay werden Betrug, Geldwäsche und Verschwörung in seiner Zeit als Chef des einst größten Energiehandelsunternehmens der Welt vorgeworfen, das so spektakulär zusammenbrach. Mit ihm sitzt Ex-Enron-Chef Jeff Skilling auf der Anklagebank.Auch fast fünf Jahre nachdem Enrons Luftschlösser in sich zusammenfielen, haben sich Ex-Enronianer noch kein einhelliges Urteil über ihren ehemaligen Häuptling gebildet. Manche glauben noch immer daran, dass Lay keine Ahnung vom wahren Ausmaß der Bilanzfälschungen hatte ? Motto: Wenn der Chef das gewusst hätte, wäre alles anders gekommen. Lay selbst beteuerte in einem TV-Interview: ?Ich habe immer so gelebt, dass ich keine Gesetze übertrete.?Der heute 63-jährige Lay war nicht nur für Garrett Ashmore ein Idol. Halbglatze, Lachfältchen, glatt rasiertes Mondgesicht, freundliche Augen: Der ideale Vatertyp und gleichzeitig einer von ihnen. Ein Ex-Underdog, der ganz groß rausgekommen ist. Lay, aufgewachsen in armen Verhältnissen als Sohn eines Baptistenpredigers, verkörpert den US-Traum von Aufstieg und Erfolg wie kaum ein anderer. In seiner Jugend reichte es manchmal nicht für den traditionellen Truthahn zum Erntedankfest. Trotzdem schafft er es und lehrt mit 27 Jahren an der renommierten George-Washington-Universität.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lay wird zum Multimillionär.Als Chef von US-Gasunternehmen und von Enron wird Lay zum Multimillionär. Doch selbst dann sei er mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben, schwärmen seine Fans. Auf protzige Sportautos verzichtete er zu Gunsten seines alten Cadillacs. Die Tür zu seinem Büro stand immer offen, und in sämtlichen Abteilungen schaute er regelmäßig vorbei, um Gesicht zu zeigen. ?Er war die beste Führungspersönlichkeit, die ich je erlebt habe. Er konnte seine Leute besser motivieren als jeder andere?, sagt Eric Eden, der in Enrons Computerabteilung arbeitete.Doch der große Motivator ist in der Öffentlichkeit längst zum Aussätzigen geworden. Sein Name wird nur noch hinter vorgehaltener Hand genannt. Womit Lay in den letzten Jahren seine Zeit verbracht hat, weiß niemand so recht ? nur dass er sich jetzt auf den Prozess vorbereitet und so viel Zeit wie möglich mit seinen fünf Kindern und zwölf Enkeln verbringt.Immer mal wieder taucht sein Name in der Zeitung auf, dann fallen sofort die Late-Night-Shows über ihn her: Wenn seine Frau einen exklusiven Antiquitätenladen in Houston eröffnet, wenn sein Anwalt schon vor dem Prozess den Richter mit kleinlichem juristischem Hickhack nervt.Doch die Spötteleien über Lay sind harmlos, verglichen mit dem Hass, der dem heute 52-jährigen Jeff Skilling entgegenschlägt. ?Streicht das ?S? in Skilling? höhnen die Rapper von N-Run auf dem Album ?Corporate America? und drohen: ?Wenn ich dir mal auf der Straße begegne, Jeffrey, werde ich nicht zweimal nachdenken müssen.? Der smarte, aalglatte Skilling gehörte schon als Student in Harvard zu den Überfliegern und schaffte es bei der Top-Beraterfirma McKinsey in Rekordzeit bis zum Partnerposten. Dann ging er zu Enron und übernahm nach 13 Jahren im Februar 2001 für einige Monate den Chefposten von Kenneth Lay. Dann verließ er im August noch rechtzeitig das sinkende Schiff und übergab den Chefposten wieder an Lay ? weshalb Skilling jetzt die Schurkenrolle sicher ist.Denn zwei Monate nach seinem Abgang muss die Firma plötzlich unerwartet einen Verlust für das 3. Quartal einräumen. Plötzlich werden die Riesenschulden deutlich. Investoren bekommen kalte Füße, neues Geld bleibt aus und Enron muss Gläubigerschutz beantragen. Investoren verlieren Milliardenbeträge, Zehntausende Angestellte die Jobs und viele ihre Betriebspension.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Den bodenständigen Normalo nimmt Skilling keiner ab.?Wenn jemand Skilling beschreiben will, dann sagt er nicht einfach, er sei intelligent, sondern es fallen immer Begriffe wie ?unfassbar brillant? oder ?der intelligenteste Mensch, den ich je getroffen habe??, schreiben die ?Fortune?-Journalisten Bethany McLe-an und Peter Elkind in ihrer Enron-Chronik ?The Smartest Guys In The Room?. Gleichzeitig war Skillings Arroganz legendär.So einem nimmt man es noch weniger ab, dass er nichts von den illegalen Machenschaften, den Exzessen und Bilanzskandalen in seiner Firma gewusst haben will. Dass Ken Lay das Kleingedruckte lieber den Abtei-lungsleitern überließ ? möglich. Aber Skilling? ?Selbst ich als kleiner Angestellter konnte doch sehen, dass die Titanic dabei war zu sinken?, sagt Garrett Ashmore. ?Dass man Leuten Millionen von Dollar zahlt, die von nichts eine Ahnung haben, das passiert höchstens in der Lotterie. Aber nicht bei einem Unternehmen wie Enron.?Skilling präsentiert sich unterdessen vor Prozessauftakt in der Presse gerne als bodenständiger Normalo und ?eigentlich ganz netter Typ?. Dass ihm das allerdings kaum jemand abnimmt, liegt auch an den beiden großen Ausrutschern. Noch zu seiner Zeit als Enron-Chef entgegnete er einem renommierten Wall-Street-Analysten, der sich bei einer Bilanzkonferenz über fehlende Unterlagen beschwert hatte: ?Danke für den Hinweis, Arschloch.? Entschuldigt hat sich Skilling nie. Im vergangenen Sommer dann greift ihn die Polizei in New York auf, angeblich weil er nachts auf der Straße stockbetrunken Passanten als FBI-Spitzel beschuldigt und versucht habe, ein Autokennzeichen abzuschrauben.Aber aus den letzten Jahren bei Enron sind bislang kaum schriftliche Unterlagen bekannt, die Skillings Schuld belegen: so gut wie keine E-Mails oder andere Schriftstücke. Anordnungen habe er stets mündlich erteilt, sagen Mitarbeiter.Trotzdem wird erwartet, dass die Anklage wenig Milde gegen Jeff Skilling und Kenneth Lay walten lässt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Zur Person: Kenneth Lay.Kenneth Lay
  • 1942Er wird als zweites Kind eines Baptistenpfarrers im US-Staat Missouri geboren. Nach dem Mastersabschluss startet er als Ökonom beim Ölkonzern Exxon, tritt später in die Navy ein und wird dann Assistenzprofessor an der George-Washington-Universität.
  • 1972Das US-Innenministerium ernennt Lay zum Unterstaatssekretär für Energiefragen.
  • 1976Er wird Chef verschiedener US-Energiekonzerne.
  • 1985Lay gründet Enron und bleibt Präsident, bis er 2001 sein Amt an Jeffrey Skilling abgibt.
  • 2001Nach nur wenigen Monaten scheidet Skilling aus. Lay kehrt an die Spitze zurück, bevor Enron Anfang 2002 im damals größten Unternehmensskandal der USA zusammenbricht.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2006