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Englands Coach und Komödiant

Von Dirk Heilmann
L. Vaughan Spencer ist Englands ungewöhnlichster Management-Trainer. Denn eigentlich heißt er Neil Mullarkey und ist Stand-up-Comedian. Vor sieben Jahren hat er begonnen, Kurse für Unternehmen anzubieten ? und kann sich vor Aufträgen kaum retten.
LONDON. Zu fetziger Pop-Musik stürmt L. Vaughan Spencer die Bühne. Selbstgewiss breitet der drahtige Mann im orangefarbenen Anzug die Arme aus und streut Lebensweisheiten ins gespannt wartende Publikum. ?Ich glaube an die Kraft des ,Ja??, schmettert der Managementguru mit Pferdeschwanzfrisur, Kinnbart und Ohrring. Heute Abend könne er nur eine kleine Einführung in seine Philosophie geben, doch wer Kurse wie das ?Watford Warrior Weekend? besuche, dessen Karriere werde garantiert abheben. Bis dahin helfe die Lektüre seines Buchs ?Die sieben Hobbys erfolgreicher Menschen?.Dann greift sich ?L-Vo?, wie seine Jünger ihn nennen, zielsicher Dave, einen Buchhalter mit leicht gebeugter Körperhaltung, aus dem Publikum und fragt ihn aus: ?Dave, du bist kein Versager, du bist ein Nicht-Erreicher?, baut er ihn auf. Dann animiert er das Publikum zu motivierenden Sprechchören in Richtung des Gesprächspartners: ?Dave, wir schätzen dich!? Bis hierhin könnte das Ganze noch als eines jener Managementseminare durchgehen, wie sie jeder insgeheim fürchtet. Gekonnt mischt Spencer Trivialpsychologie mit Esoterik und klischeehaften Managementweisheiten, nötigt Zuschauer zu peinlichen Rollenspielen und lässt sie Zettel ausfüllen.

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Doch der Abend findet nicht im Tagungszimmer eines Kettenhotels am Stadtrand statt, wie so manche Firmen-Fortbildung ? sondern in einem Keller im Londoner Amüsierviertel Soho, genauer gesagt im Comedy Store, einem der besten Clubs der Metropole für Fans von Stand-up-Comedy.Auch L. Vaughan Spencer ist eigentlich Stand-up-Komödiant. Oder besser: Er ist die Erfindung eines Stand-up-Komikers. Der ebenso eitle wie geschäftstüchtige Coach ist eine Kunstfigur, entsprungen dem Hirn von Neil Mullarkey. Alle paar Wochen tritt Mullarkey als L-Vo mit dem preisgekrönten Programm ?Don?t be needy, be succeedy? (etwa: Sei nicht bedürftig, sei erfolgig?) auf. Öfter allerdings ? und das gibt Spencer die authentische Würze ? gibt er selber als Management-Coach Seminare. ?Meine Inspiration für L-Vo sind Seminare anderer Trainer, die ich gesehen habe. Und Managementbücher?, sagt Mullarkey, ?und ein bisschen auch ich selbst.?Vor sieben Jahren hat er begonnen, Kurse für Unternehmen anzubieten, zwei Jahre später kreierte er die Bühnenfigur Spencer. Bei seinen Kursen nutzt Mullarkey die Methoden des Improvisationstheaters, um Rollenverhalten aufzubrechen und zum Beispiel drögen und verstaubten Vertriebsmitarbeitern beizubringen, wie man eine interessante Geschichte erzählt.Mullarkeys Comedywurzeln reichen viel weiter zurück: Schon als Student der Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Politologie in Cambridge leitete er die dortige Theatertruppe ?Cambridge Footlights?. Nach dem Studienabschluss konzentrierte er sich auf die Bühnenkarriere, die ihn als Improvisationskomiker zum Comedy Store brachte. Trotz seiner Erfolge ? unter anderem eine Nebenrolle im weltweiten Filmhit ?Austin Powers? ? stellte er sich irgendwann die Frage, ob er den Rest seines Lebens als Komiker auftreten wolle.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Erwachsene haben ja immer Angst, etwas Albernes zu tun??Ich stellte fest, dass ich lieber den Wirtschaftsteil als das Feuilleton las?, erzählt Mullarkey bei Wasser aus Plastikbechern im engen Aufenthaltsraum hinter der Bühne des Comedy Store. Ohne Pferdeschwanz-Haarteil und angeklebten Bart wirkt der schlanke Mann in Jeans und bunt gemustertem Hemd eher unauffällig. Seine ruhige, freundliche Art steht im scharfen Kontrast zum Bühnen-Egomanen L-Vo. ?Alle meine Freunde von der Uni waren längst die Karriereleiter hinaufgeklettert?, sagt er.Mullarkey belegte einen Kurs für Filmproduzenten ? ?Schauspieler haben am Set eigentlich die langweiligste Aufgabe? ? und erwog sogar ein MBA-Studium. Doch seine Frau, eine Investmentbankerin, brachte ihn davon ab, die Comedy ganz aufzugeben. Dann kam der Zufall zu Hilfe und bescherte Mullarkey einen ersten Auftritt bei einem Managementseminar der Werbeagentur Saatchi & Saatchi. Ein Erfolg: Von dort an ging es mit Mundpropaganda weiter, und Mullarkey hatte etwas gefunden, bei dem er sein Interesse für Wirtschaft und Theater unter einen Hut bringen konnte.?Erwachsene haben ja immer Angst, etwas Albernes zu tun und zu sagen, was sie wirklich denken?, beschreibt er die Herausforderung, der er sich zu Beginn jedes Improvisationsseminars gegenübersieht. ?Bitte, ich möchte kein Baum sein, heißt es dann immer?, erzählt Mullarkey. Die Improvisation biete aber eine gute Hilfe, in Präsentationen, Verkaufs- oder auch Mitarbeitergesprächen zu überzeugen.?Eines der inspirierendsten und provokativsten Seminare über Kreativität, an denen ich teilgenommen habe?, lobt Saatchi-Europachef Richard Hytner auf Mullarkeys Homepage. ?Unsere Manager waren skeptisch, aber sie hatten dann viel Spaß?, lässt sich BP zitieren. Dutzende weitere Kunden vom Pharmakonzern Astra Zeneca bis zur britischen Atomenergiebehörde haben Mullarkey zu Seminaren geholt.Nicht selten buchen sie gleich beide: Neil Mullarkey als Coach und L. Vaughan Spencer für das Abendprogramm. Dann können die Weitergebildeten nach einem Tag voller Rollenspiele und guter Vorsätze erleichtert darüber lachen, dass es kein echter Managementguru ist, der sie zum ?720-Grad-Feedback? auffordert oder ihnen den Lehrsatz mitgibt: ?Das Beste, was du für die Armen tun kannst, ist, keiner von ihnen zu sein?.Oft überdreht Spencer allerdings gerade so weit, dass er wieder ziemlich nah an der Realität landet. ?Der beste Weg, Menschen zu motivieren?, sagt er dann, ?ist es, sie sehr laut anzuschreien, bis sie machen, was du willst.?
Dieser Artikel ist erschienen am 05.01.2007