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Engelen-Kefer: DGB-Vize auf Abruf

Von Peter Thelen & Dietrich Creutzburg
Unter Berufung auf ein ungeschriebenes Gesetz will die Männerriege der Gewerkschaften die Wiederwahl von Ursula Engelen-Kefer verhindern. Der DGB-Vize-Chefin droht nun ein ruhmloser vorzeitiger Ruhestand.
BERLIN. ?Teflon-Frau? hat FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sie einmal genannt: eine, an der einfach alles abperlt. Freundlich war das nicht gemeint. Damals stand die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer auch in den eigenen Reihen unter Feuer, weil ihr viele eine Mitschuld am Statistikskandal der Bundesanstalt für Arbeit (BA) gaben. Über den Skandal um geschönte Vermittlungsdaten der Arbeitsämter stürzten BA-Präsident Bernhard Jagoda und Staatssekretär Werner Tegtmeier. Engelen-Kefer aber blieb ? obwohl sie von 1984 bis 1990 Vizepräsidentin und danach Vorstandsvorsitzende der BA war.Sie überlebte politisch auch die Antwort der rot-grünen Koalition auf den Skandal, die Hartz-Reformen, und Jagodas Nachfolger Florian Gerster (SPD). Seit 2004 führt sie im Wechsel mit dem neuen Arbeitgebervertreter Peter Clever den Verwaltungsrat der neuen Bundesagentur für Arbeit.

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Dass der inzwischen 62-Jährigen nun ausgerechnet ein ruhmloser vorzeitiger Ruhestand droht, weil die mächtigen Fürsten der Einzelgewerkschaften ihre Wiederwahl auf dem nächsten Kongress ihrer Dachorganisation, des DGB, verhindern wollen, mutet angesichts dieses Hintergrundes wie ein Treppenwitz an.Die Gewerkschaften geben damit ausgerechnet in den für jede außerparlamentarische Interessenvertretung schwierigen Zeiten einer großen Koalition ein Pfund aus der Hand. Das zeigt ein kurzer Blick auf Leben und Ämter der SPD-Frau, die seit 1990 in ununterbrochener Folge als DGB-Vize das sozialpolitische Sprachrohr der deutschen Gewerkschaftsbewegung ist ? und dabei drei DGB-Vorsitzende kommen und gehen sah.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bis heute fehlt der Tochter aus gutem Hause das, was in SPD- und Gewerkschaftskreisen ?Stallgeruch? genannt wird. Nach ihrem Wirtschaftsstudium in Köln und mehrjähriger journalistischer Tätigkeit in New York startete sie ihre Karriere 1970 als arbeitsmarktpolitische Referentin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts des DGB. Vier Jahre später wechselte sie in den DGB-Bundesvorstand als Leiterin des Referats für internationale Sozialpolitik. Seit den 70ern vertritt sie Arbeitnehmerinteressen auch auf dem internationalen Parkett: im Wirtschafts- und Sozialausschuss der EU, im Verwaltungsrat der Internationalen Arbeitsorganisation und in verschiedenen anderen Gremien der EU.Keiner im Gewerkschaftslager hat sich so kontinuierlich und so lange mit der hoch komplizierten Materie der deutschen sozialen Sicherungssysteme befasst wie sie, keiner kennt sich besser darin aus. Seit 1978 mischt die Gewerkschaftsfrau in der Führung der Arbeitslosenversicherung mit, seit 1990 bei der gesetzlichen Rentenversicherung. In die SPD trat sie 1972 ein. Seit 1986 gehört sie dem SPD-Parteivorstand an. Diese Karriere ist ihr nicht in den Schoß gefallen. Sie ist hart erarbeitet. Bis heute fehlt der Tochter aus gutem Hause das, was in SPD- und Gewerkschaftskreisen ?Stallgeruch? genannt wird. Anders als ihr Boss im DGB, Michael Sommer, der gerne mit seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen kokettiert, wird sie nur respektiert ? nicht wirklich gemocht. Sie hat dies mit Fleiß und einem energischen Auftreten wettgemacht. Dass sie deshalb in der Männerwelt der Gewerkschaften als ?nervig? und ?penetrant? verschrien ist, hat sie in Kauf genommen. 50 Prozent ihrer Arbeitszeit verwende sie darauf, ihre Position zu sichern, hat sie einmal im persönlichen Gespräch eingestanden.Viel mehr und viel gezielter als ihre wechselnden Chefs im DGB hat sie die Öffentlichkeit gesucht. Wenn im DGB-Vorstand noch nach Sprachregelungen gesucht wurde, sendete Engelen-Kefer bereits auf allen Fernseh- und Radiokanälen. Was sie dabei sagte, hatte Hand und Fuß. Für die Auslandsjournalisten war sie eine willkommene Gesprächspartnerin, weil sie anders als die anderen Gewerkschaftsbosse die Belange der deutschen Gewerkschaften in fließendem Englisch und auf hohem intellektuellem Niveau erläutern konnte. Das hat ihr Anerkennung, aber auch viele Neider im eigenen Lager beschert.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Einige Gewerkschaftschefs wollen die unbequeme Frau loswerden und berufen sich dabei auf ein ungeschriebenes Gesetz.Dass einige Gewerkschaftschefs sie nun, wo sie sich langsam dem gesetzlichen Rentenalter nähert, nicht eine weitere Amtsperiode im Vorstand des DGB sehen wollen, hat sicherlich auch mit solchen diffusen Gefühlslagen zu tun: Sie wollen die unbequeme Frau loswerden. Offiziell berufen sie sich auf ein ungeschriebenes Gesetz. Danach dürfen Gewerkschaftsfunktionäre nicht mehr für Spitzenämter kandidieren, wenn sie während der fraglichen Amtszeit ihren 65. Geburtstag feiern.Engelen-Kefer selbst hält dies für ausgemachten Blödsinn. Schließlich sei auch der ehemalige Vorsitzende des DGB, Ernst Breit, noch neun Monate nach Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze im Amt gewesen.Bleibt der Vorwurf, sie stehe als linke Traditionalistin der notwendigen Modernisierung im Weg. Tut sie das wirklich? Eine linke Ideologin war sie nie. Fragt man sie selbst, so versteht sie sich als Anwalt der kleinen Leute. Viele ihrer Einwände gegen die Agenda 2010 entspringen nicht ideologischer Verbohrtheit, sondern tiefer Kenntnis der Materie. Sie sieht manche Ungereimtheiten einfach schneller als andere und spricht sie gerne laut aus. Das hat ihr bei Exkanzler Schröder den Spitznamen ?Quengelen-Keifer? eingebracht.Noch ist nicht ausgemacht, dass der Putsch von oben gegen sie gelingen wird. Am Donnerstag meldet die Süddeutsche Zeitung, die Gewerkschaftsgranden wollten das DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock (CDU) ins Rennen schicken. Dass aber Engelen-Kefer noch einmal in einer Kampfkandidatur antreten wird, wurde gestern im Umfeld des DGB nicht ausgeschlossen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2006