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Energie ohne Ende

Von Matthias Eberle
Fünf Jahre nach dem Abgang der GE-Legende Jack Welch hat Nachfolger Jeffrey Immelt längst eigene Akzente in Sachen Strategie gesetzt - doch die Börse dankt es ihm nicht.
NEW YORK. Wie kann man General Electric steuern, einen Riesen mit über 300000 Mitarbeitern? Wie behält man nur Überblick in einem gigantischen Mischkonzern, der kleine Glühbirnen verkauft und riesige Flugzeugturbinen, der Medizintechnik und Finanzdienstleistungen anbietet, Kernkraftwerke und Fernsehprogramme?Jeffrey R. Immelt beantwortet derlei Fragen geradezu leichtfüßig, mit breiter Brust und schierer Größe. Ein smartes Bill-Clinton-Lächeln auf den Lippen, spricht der 1,93-Meter-Hüne Sätze wie: ?Wer kleine Brötchen backt, gehört nicht hierher.? Ein zehn Seiten langes Interview, das er Ende Mai dem ?Harvard Business Manager? gab, ist durchsetzt mit Passagen, die vor allem eines ausdrücken: unbändigen Willen zur Führung. Etwa: ?Im Konzern bin ich derjenige mit dem größten Risikoprofil und dem breitesten zeitlichen Horizont.?

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Selbstzweifel darf sich der 50-Jährige mit der Basketballer-Erscheinung und dem gewellten, grau melierten Haar von Berufs wegen auch nicht leisten. Schließlich ist er Nachfolger der amerikanischen Manager-Legende Jack Welch ? jenes eisernen Generals, der die Firma aus Fairfield, Connecticut, erst bekannt und die treuen GE-Aktionäre schließlich reich machte. Mehr als 3 000 Prozent hat das Papier unter Welchs Regie zugelegt ? eine wundersame Geldvermehrung, die für Immelt unmöglich zu übertreffen ist. Und selbst wenn der Welch-Nachfolger andere Geniestreiche erfände, etwa den Wandel eines führenden Umweltbelasters zum Vorreiter der Energiespar-Bewegung: Der imposante Aufstieg der Marke GE zum wertvollsten Konzern der Welt wird untrennbar mit dem Namen Welch verbunden bleiben.Immelt werde die Zähigkeit eines Marathon-Manns brauchen, schrieb das Magazin ?Business Week?. Seine Versprechen an die Finanzwelt, die Wachstumsraten des weltweiten Bruttoinlandsprodukts Jahr für Jahr um das Zwei- bis Dreifache zu übertreffen, halten Analysten wie Robert Friedman von Standard & Poor?s bis heute für eine ?Herkulesaufgabe?.Doch die Energie des Alpha-Tiers Immelt lässt nach jetzt fünf Jahren an der Spitze von GE keine Spur nach. Er baut immer noch kräftig um, kauft und verkauft Unternehmensteile fast im Wochentakt, setzt weit stärker als Welch auf Marketingkampagnen, um dem Konzern einen innovativeren Anstrich zu geben. Davon zeugt ein großes, 2004 eröffnetes Technologiezentrum in der Nähe der Technischen Universität München und ein neues Forschungslabor im Boom-Markt China. ?Er hat einen frischen Blick und packt die Dinge an?, lobt Welch seinen Nachfolger.Die Entwicklung an der Börse lässt gleichwohl den Schluss zu, dass GE-Investoren zwar von den mutigen Visionen des Herrn Immelt überzeugt sein mögen ? weniger aber von deren Umsetzung. Schleichend nähert sich der GE-Kurs wieder dem Niveau, auf dem Immelt 2001 die Position des Konzernchefs übernahm.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Immelt, die natürliche FührungskraftZwar fielen in die erste Phase seiner Amtszeit der abrupte Geschäftseinbruch nach dem Terror des 11. September und die Vertrauenskrise der Finanzwelt im Zuge des Enron-Skandals. Doch bis heute ist in der Finanzbranche Skepsis zu hören, ob sich Immelts Kurs am Ende auszahlen wird.Seine grüne Kampagne namens ?Ecomagination? etwa, die GE zum Öko-Vorzeigeunternehmen machen soll, löste an der Wall Street mehr Verwunderung als Begeisterung aus. Für einen Konzern, der vor Jahren unter Welch noch heimlich giftige Chemikalien im New Yorker Hudson River versenkte, ist der Schritt so ungewöhnlich wie riskant. Er sei kein Umweltaktivist, sagt Immelt fast entschuldigend: Vielmehr sehe er sich als ?Business-Leader, der einen sehr interessanten Trend in den Augen unserer Kunden, vieler Staaten und der gesamten Gesellschaft sieht?. Da ist es wieder, das ganze Kraftwerk an Führung ? stets auf dem Sprung, alle großen und globalen Herausforderungen des Lebens anzupacken und dabei den gesamten Konzern mitzureißen. ?Er will aus jedem seiner Mitarbeiter einen kleinen Unternehmer machen?, berichten GE-Insider.Schon seinen Studentenfreunden im College fällt auf, dass mit Immelt eine natürliche Führungskraft heranwächst, die dem Trainer des eigenen Football-Teams Ratschläge erteilt und Mitspielern in Phasen der Bedrängnis Mut zuspricht. Der Weg zu GE scheint absehbar: Sein Vater verbrachte das gesamte Berufsleben in der Flugzeug-Triebwerkssparte des Konzerns. Nach dem Harvard-Abschluss folgt ihm der Sohn.Einige Jahre später, mit 33 Jahren, hält Immelt auf einem Gabelstapler eine flammende Motivationsrede an die Mitarbeiter der Hausgerätesparte GE Appliances: Gerade werden Millionen von Kühlschränken wegen defekter Kompressoren zurückgerufen, und Immelt besteht seine erste Bewährungsprobe als Vice President und Krisenmanager mit Bravour. 1997 steigt er zum Leiter der Medizintechniksparte auf und rückt schnell in den engeren Kreis derer auf, die für die Nachfolge des ?Jahrhundert-Managers Welch? (?Fortune?) in Frage kommen. 2000 erhält er den Zuschlag.Inzwischen, daran lässt der Konzernchef nicht rütteln, sei GE in deutlich besserer Verfassung als vor fünf Jahren: Umsatz plus 65 Prozent, Gewinn plus 100 Prozent ? die Zahlen trommelt er zunehmend lauter nach draußen. Schließlich weiß er ungeduldige Investoren im Rücken, die ihm die flaue Aktien-Performance unter die Nase reiben. Beim Blick auf den Kurs ist er eben noch allgegenwärtig, der lange Schatten des Jack Welch. Immelt bittet um Geduld: ?Man kann keinen Baum pflanzen und erwarten, dass er innerhalb eines Jahres seine volle Größe erreicht.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Jeffrey R. Immelt ? zur PersonJEFFREY R. IMMELT1956
wird er in Cincinnati als Sohn eines GE-Managers geboren. Er studiert Mathematik und Ökonomie am Dartmouth College und absolviert den MBA in Harvard.
1982
beginnt Immelts steile GE-Karriere mit einem Job in der Kunststoffsparte. Mit 33 Jahren wird er Vize-Präsident des Hausgerätebereichs, neun Jahre später steigt er zum Leiter des Bereichs Medizintechnik auf.
2001
übernimmt er kurz vor den Terroranschlägen in New York den Job von Management-Ikone Jack Welch. Auch privat ist Immelt untrennbar mit GE verbunden: Ehefrau Andrea hat er in der Firma kennen gelernt. Die beiden heirateten 1986 und haben eine gemeinsame Tochter.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.09.2006