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Endlich wieder Rampenlicht

Von C. Schlautmann, H.-P. Siebenhaar; Handelsblatt
Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hat eine neue Herausforderung: Er leitet den Aufsichtsrat von Karstadt-Quelle.
Die Familie Schickedanz, einst Eigentümerin des Versandhauses Quelle und inzwischen Hauptaktionärin des Essener Karstadt-Quelle-Konzerns, kennt er schon aus Schulzeiten. ?Mit 17 Jahren habe ich Modekollektionen die Versandhaustreppen in Fürth hoch geschleppt?, erzählt Thomas Middelhoff.Damals jobbte der gebürtige Düsseldorfer für die münsterländische Bekleidungsfirma seines Onkels. Seit Freitag beaufsichtigt er den einstigen Kunden von höchster Stelle aus: Nachdem ihn die Hauptversammlung von Karstadt-Quelle Anfang Mai in den Aufsichtsrat gewählt hat, übernimmt er ab sofort den Chefposten von Hans Meinhardt, 73, dem langjährigen Vertrauten der Familie Schickedanz.

Die besten Jobs von allen

Auch Thomas Middelhoff rückte auf Wunsch von Madeleine Schickedanz in das Kontrollgremium ein. Für die Tochter der Versandhausgründer Grete und Gustav Schickedanz, die 36,4 Prozent der Stimmrechte hält, schlüpft der ehemalige Bertelsmann-Chef in die für ihn eher ungewohnte Rolle des Feuerwehrmanns: In Europas größtem Warenhaus- und Versandkonzern brennt es an allen Ecken und Enden.Und das schon seit geraumer Zeit. Vor allem im Warenhausgeschäft geht es mit den Erlösen stetig bergab. Selbst der Versandhandel, vor zwei Jahren noch eine der wichtigsten Ertragssäulen des Konzerns, ist zuletzt deutlich eingebrochen. Im vergangenen Jahr schaffte der Konzern operativ gerade noch eine schwarze Null, im laufenden wird das operative Betriebsergebnis vor Steuern und Firmenwertabschreibungen womöglich in den roten Bereich sacken. Das jedenfalls kündigte Wolfgang Urban Ende März an ? wenige Tage bevor der Vorstandschef aus ?gesundheitlichen Gründen? das Haus verließ.Die Herkulesaufgabe ist dennoch ganz nach dem Geschmack Middelhoffs. Zum ersten Mal seit langem tritt der Stratege mit der randlosen Brille wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Und das, ohne in die starren Entscheidungslinien eines Konzerns eingebunden zu sein. ?Ich liebe diese Freiheit?, vertraut er Gesprächspartnern an. Ausgeruht und frisch wirkt er. Das immer noch jugendliche Gesicht des 51-Jährigen ist gleichmäßig gebräunt. Seine Augen sind wach, das Haar ist sportlich zur Seite gekämmt.Die große Niederlage in seiner bis dahin makellosen Karriere scheint keine sichtbaren Spuren hinterlassen zu haben. Es ist eine Zäsur, als er im Juli 2002 als Vorstandschef von Bertelsmann abtreten muss. Der Vertrauens- und Liebesentzug durch Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn, der Middelhoffs Börsenpläne am Schluss nicht mehr mittragen will, bedeutet einen schweren Schlag für ihn. Denn schließlich hat er mit seiner ungestümen, experimentierfreudigen Art Bertelsmann binnen weniger Jahre mit dem Dukatenesel RTL Group und der lukrativen AOL-Transaktion zu Europas größtem Medienkonzern gemacht.Das neue Leben ohne Macht und Einfluss macht ihm, dem stets ein großer Mitarbeiterstab in der Konzernzentrale zur Verfügung stand, zu schaffen. Es dauert fast ein Jahr, bis der Internet-Fan, der sich früher eher in der Business?Metropole New York als im langweiligen Gütersloh zu Hause fühlte, wieder eine attraktive Aufgabe gefunden hat.Ende Juni vergangenen Jahres steigt er als Europa-Chef bei der Private-Equity-Gruppe Investcorp in London ein. Seine Aufgabe heißt nun, interessante Investments in Europa ausfindig zu machen. Seitdem pendelt er zwischen seiner Wahlheimat in Großbritannien und dem westfälischen Bielefeld, wo seine Frau und seine fünf Kinder in der Nachbarschaft von August Oetker wohnen. Der Spagat zwischen der Metropole und der Provinz macht ihm Spaß. Sein Lachen kommt wieder von Herzen.Erholung sucht Middelhoff im südfranzösischen St. Tropez. In dem Schickimicki-Ort hat er gerade seine Ferienvilla umgebaut. Doch so ganz lässt ihn das Geschäft auch da nicht los. In der Nachbarschaft wohnen der belgische Finanz-Magnat und Bertelsmann-Gesellschafter Albert Frère sowie der französische Luxusunternehmer François Pinault. AOL-Veteran Robert Pittman kommt mal fürs Wochenende mit dem Privatjet. Middelhoff ist wieder ?in business?.Und auch die Medienbranche zieht ihn weiter an. Seit September letzten Jahres sitzt der promovierte Betriebswirt im Board der ?New York Times?. Ab 1. Juli ist er Aufsichtsratschef des führenden britischen Tiefdruckspezialisten Polestar. Was Bertelsmann kaum passen dürfte: Die Gütersloher bereiten derzeit den Angriff auf den englischen Tiefdruckmarkt vor.Das Druckgeschäft kennt Middelhoff exzellent, vom Einzelhandel weiß er wenig. Zwar saß er von 1997 bis 2000 im Aufsichtsrat der Metro, zum Fachmann wurde er dadurch aber nicht, wie ein ehemaliger Weggefährte berichtet: ?Was die Kunden bewegt und wie Warenströme funktionieren?, meint dieser, ?davon bekommt man im Kontrollgremium einer Holding nicht viel mit.?
Dieser Artikel ist erschienen am 28.06.2004