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Endlich Tapetenwechsel

Schöner wohnen wollen viele, seit Einrichtungs-Shows wie die von Tine Wittler im Fernsehen boomen und Ikea einen Möbelmarkt nach dem anderen hochzieht. Zwei Unternehmensgründer bieten eine preiswerte Wohnberatung als Einstiegsdroge an.
Ein Altbau in Mönchengladbach, die Fassade ist gerade frisch gestrichen, im Treppenhaus führen Spuren von einem aufgerissenen Sack Gips in die Wohnung im ersten Stock. Auch hier Baustelle. Die Sessel kauern unter weißen Tüchern, Kabel wachsen aus der Wand. In einer Ecke lehnen Steinskulpturen, ein antiker Tisch trägt eine wunderschöne Basaltplatte. Kein Zweifel, Marcus Kuhn hat nicht vor, von der Stange zu wohnen. Der 37-jährige Bildhauer zieht mit seiner Freundin zusammen, einer Kripo-Beamtin aus Berlin. Raum für Raum wollen sie sich vornehmen, zuerst ist die Küche dran. Der Herd steht schon, ein edelstählernes Trumm, das den Genussmenschen verrät. Mit Freunden lecker kochen - so viel ist für Kuhn schon mal klar. Weniger, was sich sonst aus dem Raum herausholen lässt. Dafür hat Kuhn "Room Doctor" Ralph Jammers, 37, zur Visite gebeten: Unter diesem Namen firmiert die Wohn- und Wohlfühlberatung, die Jammers und sein Partner Frank Schwinning, 38, im Frühjahr 2006 gegründet haben

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    Jammers und Schwinning sind Architekten. Als solche bauen und modernisieren sie wie Tausende ihrer Berufskollegen auch. Das Besondere ist, dass sie neben ihrem Architekturbüro, in einem gesonderten Unternehmen, Menschen helfen, den Sprung vom Wohnen zum Leben zu schaffen. Und das für relativ kleines Geld. 185 Euro kassiert ein Room Doctor für eine 90-minütige Vor-Ort-Beratung. Häuslebauern wird das wenig vorkommen, denn normalerweise rechnen Architekten nach der HOIA ab, der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. Die reine Einrichtungsberatung, wie sie Jammers und Schwinning konzipiert haben, fällt nicht unter die HOIA, nur deshalb dürfen sie den Preis frei gestalten

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    Ein Dumping-Angebot, das die Existenzgrundlage eines ohnehin gebeutelten Berufsstands weiter aushöhlt, könnte man sagen. Ebenso könnte man sagen, endlich sticht jemand ein Schlupfloch in einen regulierten Markt, der nur den Etablierten gut tut, weil der hungrige Nachwuchs draußen bleibt. Zu den Etablierten gehören Jammers und Schwinning sicher nicht. Sie tragen keine schwarzen Rollis unter schwarzem Armani-Tuch, und sie fahren nicht Porsche.

    Zu seinem Termin bei Kuhn fährt Ralph Jammers in einem grünen VW-Bus mit weißem Dach, der bei der letzten Abgasuntersuchung auf einen unglaublich gnädigen TÜV-Gutachter gestoßen sein muss. Die blonden Fransenzöpfe würden sich weder mit Armani noch mit Porsche vertragen. Aber sie vertragen sich mit den billigen, unbehandelten Holzbrettern, die Jammers auf der Küchenbaustelle als Wandverschalung empfiehlt. Und sie vertragen sich mit dem Selbstverständnis der meisten Kunden, die wie Kuhn nicht geschniegelt, sondern ganz normale Leute sind: Studenten, junge Angestellte, sogar ein Rentnerehepaar, das in Gelsenkirchener Barock lebte

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    "Schönes Wohnen ist keine Frage des Geldes", sagt Jammers. "Egal, ob das Sofa von Rolf Benz oder von Ikea ist: Hauptsache es steht an der richtigen Stelle." Das klingt ein bisschen nach Feng-Shui, und tatsächlich wird der Architekt "bei jeder zweiten Beratung" auf den asiatischen Energiefluss-Schnickschnack angesprochen. Und genauso oft auf Deko-Fachfrau Tine Wittler, die in ihrer Fernseh-Show auf RTL die Abrissbirne schwingt. Die Medienpräsenz sei Hilfe und Gefahr zugleich, sagt der Room Doctor. Hilfe, weil sich immer mehr Menschen für das Thema interessieren. Gefahr, weil sie mit Klischees überzogen werden

    Ein solches Klischee ist, dass eine Wohnung nur toll eingerichtet zu sein braucht, schon fühlt sich jedermann in ihr wohl. "Das stimmt nicht", sagt Frank Schwinning. "Ein Raum ist immer auch Ausdruck der individuellen Persönlichkeit. Deshalb muss der Room Doctor sehr sensibel vorgehen, er muss zuhören können. Wir sind Dienstleister, keine High Pots, die sich selbst verwirklichen.

    Gleichwohl habe die Arbeit "etwas Therapeutisches", findet Ralph Jammers. "Als wir unser Konzept erarbeiteten, fiel oft der Begriff von der homöopathischen Architektur. Überhaupt landeten wir immer wieder bei der Medizin - wir glauben auch, dass ein Raum krank sein kann. Daher passt der Name Room Doctor und das Marketing, welches mit der medizinischen Terminologie spielt, besonders gut." Sogar einen hippokratischen Eid schwören die Room Doctors: Sie wollen niemand mit ihrem eigenen Geschmack überfahren, sie lassen sich nicht von Möbelhäusern oder Einrichtern als Vertriebstruppe einspannen, und Qualität ist keine Frage des Preises. Bloß keine Standardrezepte - oder in den Worten von Frank Schwinning: "Früher ging es bei Architekten wie bei Ärzten der alten Schule zu. Mund auf, Hose runter, Spritze rein. Das wollen wir nicht.

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    Schön ist, was gefällt. Deshalb rümpft Jammers nicht die Nase, als ihm Marcus Kuhn einen Versandhauskatalog unter selbige hält und auf die Abbildung eines derben Küchenmöbels zeigt. "Cowgirl's dream" steht darunter, aha, das rauhe, graue Holz atmet wohl Westernromantik. Warum nicht? Jammers weiß nun, was dem Kunden vorschwebt, und er kann dafür sorgen, dass das Gesamtbild stimmt. Zum Beispiel, indem er die Wandverschalung nicht bis zum Fensterbrett zieht, sondern bewusst eine optische Fuge lässt. Oder indem er einen Tisch auf Rollen als Essplatz empfiehlt, weil dieser auch zum Schnibbeln an den Herd geschoben werden kann. Das macht eine Extra-Arbeitsplatte überflüssig - ein Detail, das Komfort, Optik und nicht zuletzt die Kosten berücksichtigt

    Kuhn ist ein aufmerksamer, kritischer Kunde, der als Bildhauer selbst alles über Gestaltung, Raumwirkung und Materialien weiß - und gerade deshalb seine Grenzen kennt, die die Kücheneinrichtung nach eigenem Bekunden nicht eingemeinden. Er will die Room Doctors weiterempfehlen, was Frank Schwinning freut: "Wenn man ein, zwei Leute geknackt hat und die zufrieden sind, dann ist deren Referenz die beste Werbung." Zehn Franchisenehmer tragen mittlerweile die Geschäftsidee am Niederrhein, in Köln und München weiter. "Mittelfristig wollen wir in Deutschland flächendeckend vertreten sein", sagt Schwinning. "Vorsichtig geschätzt brauchen wir dafür 100 Franchisenehmer. Aber alles hängt von der Nachfrage ab - vielleicht brauchen wir auch 300 Berater.

    Welchen Zeithorizont er im Auge hat, ob die Room Doctors noch ein, zwei oder fünf Jahre brauchen werden, sagt er nicht. Marcus Kuhn kann da einfacher planen. Für die Küche gibt er sich einen guten Monat, dann sind Diele und Wohnbereich dran. Sich auf 85 Quadratmetern flächendeckend einzurichten, ist eben einfacher

    Christoph Stehr

    Das Franchisesystem

    Room Doctor will 100 Lizenznehmer in ganz Deutschland gewinnen. Die Lizenz ist nicht als Haupteinnahmequelle gedacht, sondern als Nebenverdienst zur Selbstständigkeit. Die Kunden werden von der Zentrale in Mönchengladbach ausschließlich online akquiriert. Der Franchisenehmer erhält eine Mail, ruft den Kunden an, lotet den Beratungsbedarf aus und vereinbart den Vor-Ort-Termin. Aus der bis zu 90-minütigen Beratung, für die 185 Euro Festhonorar berechnet werden, können sich Folgeaufträge ergeben. Die Startgebühr für den Franchisenehmer beträgt 500 Euro, außerdem führt er 20 Prozent der mit Room Doctor erzielten Umsätze (exklusive Folgeaufträge) an die Zentrale ab. Dafür erhält er die Akquise-Anbindung, eine Schulung, Werbematerialien und weitere Marketingunterstützung. Die Verträge laufen jeweils ein Jahr, mit der Option auf Folgeverträge. Bewerben können sich Architekten, Innenarchitekten, Objekt- oder Industriedesigner mit zwei Jahren Berufserfahrung im Aus- und Umbau. Kammerzugehörigkeit ist erwünscht.

    www.roomdoctor.de

    Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2007