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Endlich Nummer eins

Von C. Buss und J. Hofer
Der stellvertretende Continental-Chef Wolfgang Ziebart wird neuer Vorstandchef des Münchener Chipkozerns Infineon. Für ihre Entscheidung zu Gunsten Ziebarts benötigten die Infineon-Aufsichtsräte nur wenige Minuten.
MÜNCHEN. Kritisch für Wolfgang Ziebart war nur die Sitzung vor der Sitzung. Bevor ihn die Infineon-Aufsichtsräte am Montagabend zum neuen Vorstandschef des Münchener Chipkonzerns wählen sollten, hatten die Arbeitnehmervertreter den Kandidaten einbestellt. Aus Hannover hatten sie nicht nur Gutes gehört über den stellvertretenden Continental-Chef. ?Auch bei Conti gab es harte Auseinandersetzungen zwischen Beschäftigten und Management?, erzählt Dieter Scheitor, der für die IG Metall im Aufsichtsrat sitzt.Die Ernennung des 54-jährigen Ziebart sei nicht unumstritten gewesen, heißt es auch in Aufsichtsratskreisen. So soll es bei der Abstimmung im Kontrollgremium Enthaltungen gegeben haben. Dennoch: Als die Arbeitnehmer sich nicht quer stellten, ging letztlich alles schnell. Nur wenige Minuten saßen die Infineon-Aufsichtsräte zusammen, dann verkündete Interims-Chef Max Dietrich Kley kurz vor 21 Uhr das Ergebnis. Wolfgang Ziebart wird Nachfolger des vor sechs Wochen zurückgetretenen Ulrich Schumacher, Kley hat seine wichtigste Mission erfüllt. Spätestens Anfang September soll Ziebart seinen Job antreten.

Die besten Jobs von allen

Die Aufgabe, die in München auf ihn wartet, hat es in sich. Seit der Abspaltung von Siemens 1999 hatte Schumacher Infineon ganz auf sich zugeschnitten. Der 45-Jährige ist ein Chip-Profi, er kennt die Branche in- und auswendig. Sein Führungsstil galt als ruppig, kompromisslos und bisweilen autoritär. Immer wieder legte er sich mit Arbeitnehmervertretern an. Zum Rauswurf kam es, als seine Vorstandskollegen gegen ihn rebellierten. Der forsche Schumacher suchte die Öffentlichkeit, fühlte sich vor Fernsehkameras genauso zu Hause wie vor Analysten. Legendär sind seine Auftritte, als er in Rennfahrerkluft mit dem Porsche in Frankfurt und New York zum Börsengang vorfuhr.Der Ingenieur Ziebart ist in vielen Belangen das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Ehemalige Kollegen beschreiben ihn als ausgesprochen kooperativ. ?Er kann Teams motivieren. Er regiert nicht von oben?, erzählt jemand, der ihn gut kennt. ?Er ist ein exzellenter Mann?, lobt ein anderer. Erfahrung in der Halbleiterbranche hat der Neue allerdings nicht. Ziebart kümmerte sich zuletzt bei Conti um den profitablen Bereich Fahrzeugelektronik. Auch für Infineon ist das ein wichtiges Standbein.Der neue Chef gilt als ?ruhiger Arbeiter?. Öffentliche Auftritte sind bisher nicht sein Ding. Bei Conti überließ er die großen Auftritte Vorstandschef Manfred Wennemer. Ziebart, so heißt es bei Conti, arbeite lieber nach innen. Bei Insidern genießt er dennoch ? oder gerade deshalb ? einen guten Ruf: Vor zwei Jahren wählte das US-Magazin ?Business Week? Ziebart sogar in die Liste der zehn innovativsten Manager Europas.Lesen Sie weiter auf Seite 2Der Umzug an die Isar ist für ihn eine Heimkehr: Der Manager hat in der bayerischen Landeshauptstadt studiert und einen Großteil seines Lebens verbracht. Seine Familie ist erst gar nicht mit nach Hannover gegangen, als er vor vier Jahren zu Continental wechselte. Nach der Promotion heuerte er bei BMW als Trainee an und machte schnell Karriere. 1993 übertrug ihm der Vorstand die Leitung der gesamten Dreier-Baureihe, inzwischen der wichtigste Ertragsbringer des Konzerns.Als 1999 nach einer dramatischen Aufsichtsratsitzung Joachim Milberg neuer Chef des Münchener Autobauers wurde, gelang Ziebart der Sprung in den Vorstand. Aber dort konnte er sich nicht lange halten. Bereits 2000 musste er die BMW-Führungsetage wieder verlassen: Milberg sammelte seine Getreuen um sich, für Ziebart war da kein Platz.Der Verstoßene wechselte in den Conti-Vorstand. Seit Ende 2001 ist er in Hannover Vorstandsvize. Doch der Sprung an die Konzernspitze blieb für den ehrgeizigen Manager in weiter Ferne. Conti-Chef Wennemer, nur wenig älter als Ziebart, sitzt fest im Sattel. ?Aber Ziebart wollte die Nummer eins in einem Konzern werden?, sagt ein Conti-Kenner.Die IG Metall, mit der Ziebarts Vorgänger Schumacher seit Jahren im Clinch lag, wünscht sich von dem Neuen vor allem einen kooperativeren Führungsstil. Offenbar haben die Arbeitnehmer Angst, das der wegen seiner harten Personalpolitik unbeliebte Schumacher durch einen nicht minder harten Sanierer ersetzt wird. ?Bei Conti werden auch viele Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut und nach Osteuropa verlagert?, warnt Scheitor. Schumacher hatte sich zuletzt unbeliebt gemacht, weil er immer mehr Jobs hier zu Lande strich und ins günstigere Ausland verlagerte.Doch auch wenn sich der Stil an der Infineon-Spitze ändern sollte, in der Sache wird auch Ziebart hart bleiben müssen. Zugeständnisse kann er sich kaum leisten. In der Chipindustrie zählt vor allem der Preis. Kaum ein Markt ist so transparent wie der für Halbleiter.Ziebart muss nun schnell klären, wie es mit dem Konzern weitergehen soll. Interimschef Kley hat bislang stets betont, Schumachers Strategie werde nicht angetastet. Er hätte damit vor allem Ruhe ins Unternehmen bringen wollen, sagen Insider. Aber Ziebart wird früher oder später neue Akzente setzen müssen. Nicht ausgeschlossen, dass er dann auch Vorstände austauscht.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.05.2004