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Endlich goldene Knöpfe

Von Tanja Kewes
Der eine Bruder macht Schlagzeilen mit der maroden Fluggesellschaft LTU. Der andere, Gerhard Wöhrl, bleibt lieber im Hintergrund ? und trimmt die gleichnamige Textilkette auf edel. Mit der Übernahme von 29,1 Prozent der Anteile von Ludwig Beck in diesem April hat die Familie Wöhrl andere Expansionspläne erst einmal auf Eis gelegt. Der Einstieg für geschätzte zehn Millionen Euro hat Branchengerüchten zufolge auch verhindert, dass ein Finanzinvestor einsteigt.
NÜRNBERG. ?Warum sind Sie beim Münchener Traditionskaufhaus Ludwig Beck eingestiegen?? Die Frage beantwortet Gerhard Wöhrl mit Schweigen. Über eine Minute lang. Zum Nachdenken schließt er die Augen.?Wir erwarten zwischen unserer Modekette, der Rudolf Wöhrl AG, und dem ,Kaufhaus der Sinne?, der Ludwig Beck AG, kurz- und mittelfristig erhebliche Synergien, und außerdem?, sagt der Franke, öffnet wieder die Augen und wirft sein grasgrünes Jackett an einem Finger über die Schulter: ?Wir Bayern sind wir!? Ein leises Lächeln umspielt den Mund.

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Mit der Übernahme von 29,1 Prozent der Anteile von Ludwig Beck in diesem April hat die Familie Wöhrl andere Expansionspläne erst einmal auf Eis gelegt. Der Einstieg für geschätzte zehn Millionen Euro hat Branchengerüchten zufolge auch verhindert, dass ein Finanzinvestor einsteigt.Diesem Paukenschlag ließ der 61-jährige Unternehmer bisher aber kein Konzert folgen. Als Aufsichtsratschef zieht er lieber im Hintergrund die Fäden und feilt an einer alten Idee der Wöhrls: Er will die mittelpreisige Modekette mit dem rot-blauen Knopf als Logo zur Adresse für gehobene Garderobe in Deutschland formen. Vorbilder sind die Filialkette Breuninger in Süddeutschland oder der Branchenprimus Peek & Cloppenburg (P&C) aus Düsseldorf.Die Wöhrls ? das ist neben Gerhard Wöhrl sein drei Jahre jüngerer Bruder. Hans Rudolf Wöhrl agiert ganz anders. Als Betreiber und hemdsärmeliger Sanierer der Fluggesellschaften DBA und LTU dominiert der 58-Jährige die Schlagzeilen. Wie kein Zweiter hat er in den vergangenen Jahren den deutschen Flugmarkt aufgemischt. An seiner Seite: Dagmar Wöhrl. Die einstige Miss Germany und studierte Juristin sitzt seit 1994 im Deutschen Bundestag und ist inzwischen Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium. Ein lautes Paar.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine Idee einte Brüder einstObwohl in ihrer Art grundverschieden ? der Ältere ist mit einem international gebildeten Gespür für Farben und Formen der Modeexperte, der Jüngere der Finanzfachmann aus dem Ländle ?, einte beide Brüder einst eine Idee. 1966 eröffnen sie in Nürnberg die Carnaby-Shops, Trendläden für Mode. Anfang der 70er-Jahre übernehmen sie das 1933 von ihrem Vater in Nürnberg gegründete Bekleidungshaus. Aus fünf Filialen und 70 Millionen D-Mark Umsatz sollen mehr werden.Das gelingt zunächst auch. Als einer der ersten Händler entwickeln die Brüder ihre eigenen Kollektionen in Form von Eigenmarken, um höhere Margen zu erzielen. Der zügellosen Expansion in den 80er-Jahren und dem Wiedervereinigungsboom in den 90er-Jahren folgt jedoch die Krise. Im Jubiläumsjahr 2003 weist die Modehauskette zum ersten Mal rote Zahlen aus. Der Verlust (Ebit) beläuft sich auf sechs Millionen Euro.Die Wege trennen sich. Im Oktober 2004 stockt Gerhard Wöhrl das Kapital der AG um 9,5 Millionen Euro auf. Seitdem hält er mit knapp 70 Prozent die Mehrheit und führt ?als sehr umtriebiger Aufsichtsratschef? das Regiment. Hans Rudolf Wöhrl ? bis dato Aufsichtsratschef ? konzentriert sich auf seine 2003 erworbene Fluglinie DBA.Die Trendumkehr gelingt. Das Geschäftsjahr 2005/2006 beendet Wöhrl mit einem Umsatz von 340 Millionen Euro (plus acht Prozent) und einem Jahresüberschuss von 4,2 Millionen Euro.Die Idee hat wieder Raum, und Gerhard Wöhrl beginnt von goldenen Knöpfen zu träumen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: In München kennt das ?Kaufhaus der Sinne? jedes KindLudwig Beck, obwohl lokaler orientiert und mit einem Jahresumsatz von zuletzt rund 100 Millionen Euro kleiner als Wöhrl, ist eine Größe in der Branche. In München kennt das ?Kaufhaus der Sinne? jedes Kind. Ludwig Beck gehört zur Weißwurst-Metropole wie Harrods zu London und die Galeries Lafayette zu Paris. Das Sortiment ist exklusiv und beschränkt sich nicht nur auf Mode. 40 Prozent des Umsatzes werden jenseits der Klamotte gemacht.So rühmt sich das Kaufhaus am Rathauseck, ?eine der bestsortierten Jazz-Abteilungen der Welt? zu haben. Mehr als eine Auswahl ist das Angebot aber nicht, soll es auch nicht sein. ?Eine gute Auswahl zu präsentieren ist Dienstleistung und damit Luxus im Warenallerlei?, sagt Wöhrl.Mit der Auswahl erlesener Marken statt der Qual der Wahl solle auch Wöhrl zum Branchenprimus aufsteigen.Große Pläne werden in der Familie Wöhrl gerne geschmiedet. Hans Rudolf Wöhrls Konzept, mit der LTU einen Billigflieger auf der Langstrecke aufzubauen, hält die ganze Branche für mutig bis waghalsig. Nicht einmal die erfolgreichsten Konkurrenten, Ryanair oder Southwest Airlines, wollen sich diesem Risiko aussetzen. ?Mich reizen Dinge, die andere für unmöglich halten?, sagt der Jüngere und spricht damit auch dem Älteren aus dem Munde. Entscheidungen treffen die Wöhrls bis heute gemeinsam ? trotz getrennter Geschäfte.Große Pläne ja, große Klappe nein. Die Wöhrls sind im Frankenland beliebt ? wenn auch nicht uneingeschränkt. ?Gerhard und Hans Rudolf sind Arbeitstiere und sich bis heute nicht zu schade, selbst mit Hand anzulegen?, erzählt ein Nürnberger Geschäftspartner. Im Modehaus ist die Stimmung dennoch gedämpft, wie ein Gewerkschaftsfunktionär vor Ort berichtet: ?Wöhrl zahlt nach wie vor untertariflich, weder Urlaubs- noch Weihnachtsgeld, und Mitbestimmung gibt es nur theoretisch.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gerhard Wöhrl legt die Messlatte hochGerhard Wöhrl legt die Messlatte mit Breuninger ? einer Institution in Süddeutschland ? und dem Branchenprimus Peek & Cloppenburg (P&C) hoch. Die Düsseldorfer haben nicht nur Luxusmarken wie Escada und Ermenegildo Zegna im Sortiment. In sieben deutschen Städten präsentiert sich P&C zudem in von Stararchitekten erbauten Weltstadthäusern. ?Ich bewundere Peek & Cloppenburg. Die Weltstadthäuser sind wunderbar?, sagt der stille Beobachter Wöhrl.Mit dem erklärten Willen, seine Textilhäuser aufzumöbeln, läuft Wöhrl offene Türen ein. Modemarkenhersteller wie der Hemdenspezialist Olymp oder die Frauenmodemarke Gerry Weber investieren seit einigen Jahren mangels Alternativen im Fachhandel in eigene Filialen und betreiben Flächen in Kaufhäusern in Eigenregie. ?Wöhrl marschiert in die richtige Richtung. Wir Markenhersteller brauchen attraktive Flächen im Facheinzelhandel?, sagt Mark Bezner, geschäftsführender Gesellschafter von Olymp.Bei den Wöhrlschen Zukunftsplänen spielt Christian Greiner eine wichtige Rolle. Der Sohn von Hans Rudolf Wöhrl gilt als Nachfolger seines Onkels Gerhard in Nürnberg. Wie einst sein Vater und Onkel mit den Carnaby-Shops hat Greiner mit U1 einen innovativen Konzeptladen entwickelt. Im Untergeschoss des Stammhauses in Nürnberg verkauft Greiner junge Mode in einer Art Szenetreff mit Café-Bar, Friseur, DJ und Nagelstudio.Bis Ende des Jahres soll es U1 in allen 39 Wöhrl-Filialen geben. Ab 2007 sollen dann auch eigene U1-Filialen unabhängig von Wöhrl-Häusern entstehen, sagt Greiner. In Frage kämen Ballungsräume wie Berlin, München, Hamburg oder Stuttgart. Auch den Gang ins Ausland schließt der Spross nicht aus. Große Pläne ? ganz wie der Papa und Onkel Gerhard.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Vita von Gerhard WöhrlVita von Gerhard Wöhrl1944: Er wird am 26. November in Nürnberg geboren. Nach dem Abitur auf dem Realgymnasium im bayerischen Schondorf am Ammersee absolviert er eine kaufmännische Ausbildung bei der Deutschen Bank in Nürnberg.1965: Er gründet mit seinem Bruder Hans Rudolf die Carnaby-Shops, Trendläden für Mode, in Nürnberg. Er macht von 1969 bis 1970 sein Wirtschaftsdiplom an der renommierten Hochschule Insead in Frankreich.1970: Er steigt als geschäftsführender Gesellschafter in die Textilfirma Wöhrl ein. Er heiratet Caroline Gendron, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hat. Er wird 1976 Honorarkonsul von Belgien für Franken. Das Amt legt er 2004 im Alter von 60 Jahren nieder.2002: Er wird Mitglied des Aufsichtsrats der Rudolf Wöhrl AG.2004: Seit Oktober ist er Aufsichtsratschef der Rudolf Wöhrl AG.2006: Er verkündet im April, dass er das bekannte Münchener Kaufhaus Ludwig Beck übernimmt.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.08.2006