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Ende der Vetternwirtschaft

Von Martin Buchenau und Axel Granzow
Manfred Grundke kommt als erster externer Manager an die Spitze des Baustoffkonzerns Knauf. Doch die junge Generation des Familienunternehmens steht schon in den Startlöchern.
Weltweit produziert Knauf in mehr als 100 Fabriken Gipsbauplatten, Gipsputze und Isolierstoffe. Foto: dpa
STUTTGART. Manfred Grundke ist ein Maschinenbauingenieur durch und durch. Wenn der Chef von Bosch-Rexroth in seinem Büro in Lohr am Main über die technischen Möglichkeiten philosophiert, kommt er ins Schwärmen. ?Wir stehen bei vielem erst am Anfang der Entwicklung?, sagt der 52-Jährige dann und redet begeistert von neuen Systemen in der Antriebstechnik. Umso überraschender erscheint jetzt, dass er im August an die Spitze des Baustoffkonzerns Knauf und damit in ein völlig neues Metier wechselt. Er übernimmt dann das Ruder mit dem langjährigen Finanzchef Hans-Peter Ingenillem.Grundke war nach fünf aufeinanderfolgenden wachstumsstarken Jahren bei Rexroth gerade erst in der Bosch-Welt angekommen. Der besonnene Manager hatte die Übernahme des damals zum Mannesmann-Konzern gehörenden Maschinenbauers durch Bosch überlebt. Durchaus keine Selbstverständlichkeit. Ist doch die etwas eigene Bosch-Kultur mit ihren strengen Zügeln im Berichtswesen hinlänglich bekannt.

Die besten Jobs von allen

Bei Bosch hört man denn auch nur Gutes über Grundke. Er hätte sicher noch weitermachen können. Aber der Karriereweg nach oben wäre trotz der Erfolge sicher mit einigen Unwägbarkeiten verbunden gewesen, zumal Bosch Führungspositionen meist langfristig besetzt. So kommt es immer wieder vor, dass fähige Manager besonders von Familienunternehmen mit dem Angebot von Chefpositionen weggelockt werden. ?Die diskrete Bosch-Kultur passt ganz gut zu Familienunternehmen. Manager börsennotierter Unternehmen sind für langfristig denkende Familiengesellschafter meist zu hektisch?, sagt ein Branchenkenner. Knauf habe mit Grundke auf jeden Fall einen guten Fang gemacht.Dort sind die diplomatischen Fähigkeiten des künftigen Chefs gefragt. Denn seit über 40 Jahren lenken die Gründersöhne Nikolaus (Jahrgang 1936) und sein drei Jahre jüngerer Vetter Baldwin den 1932 gegründeten Konzern Knauf Gips KG. Sie gelten nicht nur als die Könige im bayerischen Iphofen, ihre Gewerbesteuern finanzieren einen Großteil des Gemeinde- und des Kreisetats.Lesen Sie weiter auf Seite 2: VOm Mittelständler zum WeltkonzernAus dem Mittelständler der Väter haben sie einen Weltkonzern geschaffen, der in über 40 Ländern Baustoffe für den Trockenbau, Gipsplatten und Dämmstoffe produziert und vertreibt. In diesem Jahr wird Knauf mit 22 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 5,5 Milliarden Euro erzielen. Zur Ergebnisentwicklung sagen die Vettern, die in der Liste der 100 reichsten Deutschen auf Platz 42 stehen, traditionell nichts.Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es, allen Baukrisen zum Trotz, aber kein Jahr, in dem die Firmengruppe nicht wuchs, während der deutschen Baukrise vor allem im Ausland. Und allein in diesem Jahr hat sie 800 Millionen Euro in den Bau moderner Produktionsanlagen für Trockenbau und Dämmstoffe gesteckt. In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren für mehr als 400 Millionen Euro Knauf-Werke modernisiert, der Standort Iphofen wurde vollkommen neu gebaut. Dabei gilt der Grundsatz: Es wir nur das Geld ausgegeben, das auch verdient wird.Knauf ist ein Familienunternehmen geblieben, mit zwei Chefs an der Spitze, vor deren Akribie und Arbeitseifer auch die Lokalpolitik nicht sicher ist. ?Ich bin für kurze Zeit Bürgermeister gewesen, und ich muss sagen, ich habe das echt geliebt?, sagt Nikolaus Knauf. Für ihre Heimat sind sie Wohltäter. Vom Bau des Hallenbads bis zum Wildschwein als Preis für den lokalen Schafkopfkönig ? ohne die Knaufs läuft nichts.Vor einer Weltkarte aus Edelstahl sitzen die beiden geschäftsführenden Gesellschafter von Knauf, nach der französischen Lafarge die Nummer zwei der Gipskonzerne weltweit, bei einer der wenigen Pressekonferenzen und schauen durch hohe Glasfenster auf das idyllische Iphofen. So fern von der weiten Welt dringt wenig an die Öffentlichkeit. Knauf erwartet weiterhin eine gesunde Nachfrage nach Baustoffen, heißt es nur in einer Pressemitteilung zur diesjährigen Betriebsversammlung. ?Wir sind sehr zuversichtlich, dass weder die amerikanische Hypothekenkrise noch regionale Rückgänge des Bauvolumens unser Wachstum begrenzen.?Zwei sehr unterschiedliche Typen sitzen da beisammen. Weißer Schopf, konservativer Nadelstreifenzweireiher ? äußerlich würde Nikolaus Knauf auch als Musikprofessor durchgehen. Doch bei ihm ist die Abteilung Angriff zu Hause: ?Quatsch, Unsinn, das ist eine Dummheit? ? der ältere Cousin sucht im Gespräch gerne den geraden Weg. ?Mein Vetter ist impulsiver, ich brauche für manche Dinge ein wenig Zeit, bis ich entscheiden möchte?, sagt Baldwin. Die nimmt er sich bei gelegentlichen Golfrunden. Sein Cousin bevorzugt dagegen die Jagd. Trotz der Unterschiede ist klar: ?Es gibt keinen Menschen außer meinem Vetter und mir, der den einzelnen Unternehmen etwas zu sagen hat?, betont Nikolaus.Das wird sich auch unter der neuen Führung von Manfred Grundke und Finanzchef Hans-Peter Ingenillem nicht ändern, welche die Knaufs eher en passant auf der Weihnachtsfeier des Unternehmens bekanntgaben. Denn die Knaufs denken nicht ans Aufhören. Zwar werden sie zum 30. Juli kommenden Jahres als persönlich haftende Gesellschafter und Komplementäre ausscheiden und erstmals zwei familienfremden Managern Platz machen.Aber die Vettern wechseln sich als Chef und Vizechef im mächtigen Gesellschafterausschuss ab. Um ?die Kontinuität des Unternehmens zu begleiten?, heißt die Begründung ? für vier Jahre. Dann, vermuten Unternehmenskenner, ist der Nachwuchs bereit, um an die Spitze zu rücken. Nikolaus Knauf hat einen Sohn sowie eine Tochter im Konzern beschäftigt, Baldwin einen Sohn.Da ist Fingerspitzengefühl des neuen Chefs Manfred Grundke gefragt.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.12.2007