Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

EnBW-Mitarbeiter Nr. 500

Von Martin Buchenau
Willkommen in Baden und Württemberg. An seinem ersten Arbeitstag bekommt Hans-Peter Villis gleich mal ein Gefühl dafür, auf was für ein wehrhaftes Völkchen er sich bei seinem neuen Job als Vorstandschef der EnBW Energiewerke Baden-Württemberg eingelassen hat.
Seit Anfang Oktober an der EnBW-Spitze: Hans-Peter Villis. Foto: Archiv
KARLSRUHE. Aufgebrachte Umweltschützer überbringen ihm am 1. Oktober ihren Protest gegen das geplante Kraftwerk in Karlsruhe: 5 000 Unterschriften. ?Mich beeindrucken Ängste von Menschen immer, aber ich hoffe, diese Ängste zerstreuen zu können?, sagt Villis gestern, als er sich zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Er redet viel von Offenheit, Transparenz sowie Vertrauen schaffen und Fairness im Umgang.Villis will verlorenes Vertrauen der zuletzt ins Gerede geratenen Energieversorgerbranche im Allgemeinen und der EnBW im Speziellen zurückgewinnen. Der Mann aus dem Ruhrgebiet weiß, dass unter seinem Vorgänger Utz Claassen viel Porzellan durch allzu forsches Auftreten zerschlagen wurde.

Die besten Jobs von allen

Allzu leicht hat es sich Villis bei seiner Charmeoffensive aber nicht gemacht. ?Das Gespräch zum Kennenlernen? findet im Raum H1 253 im ersten Stock der Konzernzentrale in Karlsruhe statt. Ein großer, nüchterner Konferenzraum im grellen Neonlicht, ein Raum für Aufsichtsratssitzungen oder Bilanzkonferenzen. Filmkameras, Fotografen und über 50 Journalisten lauern auf den Neuen.Da entsteht nicht gerade eine heimelige Atmosphäre für den EnBW-Mitarbeiter mit der Ausweisnummer 500, um aus seinem Leben zu plaudern. Aber es gelingt ihm doch ein wenig, das Eis zu brechen. ?Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich ausgerechnet diese Nummer bekommen habe.? Locker geht er unangenehmen Fragen aus dem Weg: ?Ich weiß gar nicht, ob ich den Dienstwagen von Herrn Claassen übernommen habe.? Das Büro habe er nicht neu eingerichtet. Nur ein paar Bilder werde er an die Wand hängen, Bilder von seiner Frau, die selber male.?Aber ich glaube, das alles ist nicht so wichtig, oder?? fragt Villis locker. Daran, wann er zum ersten Mal Kontakt mit der EnBW hatte, will er sich aber partout nicht erinnern können. Diplomatisch versucht er, solche kniffligen Dinge zu umgehen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Spekulationen über Claassens AbgangIm Ländle hat der überraschende Abgang seines schillernden Vorgängers Utz Claassen noch gehörige Nachbeben hinterlassen. Aufsichtsratschef Claus Dieter Hoffmann springt bei der Beantwortung solcher Fragen ein. ?Gehen Sie davon aus, dass wir nicht innerhalb von 14 Tagen einen Nachfolger aus dem Hut gezaubert haben.?Das kann nichts anderes heißen, als dass Claassens Abgang nicht ganz aus freien Stücken, wie er selbst immer behauptet, gewesen sein kann. Oder zumindest, dass schon der Nachfolger gesucht wurde, bevor Claassen bekanntgab, er wolle seinen Vertrag nicht verlängern. Sei es drum.Aber Kritik am Vorgänger lässt sich aus dem Anforderungsprofil herauslesen, das der Aufsichtsratschef für den Chefposten gibt. ?Es ging uns auch um ein Persönlichkeitsprofil, das zu diesem Land passt?, sagt der Aufsichtsratschef. Und dabei komme es unter anderem auf Verlässlichkeit im Sinne von Berechenbarkeit und eine gewisse Zurückhaltung an. Dies erfülle Villis aus Sicht des Aufsichtsrates. Und man sei sich im Übrigen unter den beiden großen Anteilseignern einig gewesen.Der Umkehrschluss lässt Rückschlüsse zu, das sowohl dem französischen Großaktionär EdF als auch dem Interessenverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke Claassens Alleingänge in der Öffentlichkeit wohl mehr als nur ein Dorn im Auge waren. Die Sanierungserfolge des Ex-Chefs des mit 13 Milliarden Euro Umsatz drittgrößten deutschen Energieversorgers sind selbst bei Gegnern unbestritten.Villis erträgt das Nachkarten in der Vergangenheit mit Gleichmut. Es zeigt sich schnell, dass der mittelgroße Vater von zwei Söhnen, 14 und 18 Jahre alt, nicht zum Aufbrausen neigt, aber eben auch klare Vorstellungen hat. Er fordert eine Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken. ?Wenn 2020 abgeschaltet wird, haben wir ein Klumpenrisiko und wissen noch nicht, wo die Ersatzkapazität herkommen soll.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Warten auf die StrategieZur künftigen Strategie der EnBW, will er noch nichts sagen. ?Geben Sie mir da bitte noch etwas Zeit.? Aber ernsthaft hätte auch niemand erwartet, dass Villis bereits nach elf Arbeitstagen zum großen strategischen Schlag ausholen würde. Immerhin: In der Türkei will er es bei Partnerschaften belassen. Und er will vor allem in deutschsprachigen Ländern expandieren.Da deutet sich an, dass Villis doch sehr auf die Befindlichkeiten der Franzosen Rücksicht nehmen muss. Klar, Französisch will er lernen. Aber er hat sich auch für dieses Problem schon eine elegante Antwort zurechtgelegt. ?Man muss nicht die Sprache können, um eine andere Kultur zu verstehen.? Wenn man erfolgreich sei, bekomme man immer die Balance hin.Einen Gag hat er dann doch noch auf Lager. ?Meinen Namen spricht man Villis (wie mit f), nicht so weich wie Bruce Willis.? Aber mit dem Leinwand-Krawallbruder aus Hollywood hat der Sohn eines einfachen Bergmanns aus dem Ruhrgebiet nun wirklich wenig gemein.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die Vita des neuen EnBW-Chefs1958 Hans-Peter Villis wird im Ruhrgebiet geboren.1993 Der Diplom-Ökonom wird nach Tätigkeiten bei der Ruhrkohle und Veba Kraftwerke Ruhr Geschäftsführer bei den Städtischen Werken Magdeburg.2000 Als Finanzvorstand ist er beim Wasser- und Gasversorger Gelsenwasser auch für Verkauf und Marketing sowie Personal und Informatik zuständig.2003 Villis wird Geschäftsführer der Elektrizitätswerke Wesertal und soll die Fusion mit zwei anderen Versorgern zur neuen Eon Westfalen Weser vorantreiben, deren Vorstandschef er anschließend wird.2006 Im Juli wechselt er als Finanzvorstand zu Eons schwedischer Tochter und wird dort später auch Vize-Vorstandschef.2007 Am 1. Oktober wird er EnBW-Konzernchef.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.10.2007