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Emergency Room

In einen blauen OP-Dress gehüllt, gehe ich den langen Gang zur Notaufnahme der Kölner Uniklinik hinunter. Alle, die nicht eingeweiht sind, halten mich für einen Arzt oder mindestens für einen Medizinstudenten ? ein tolles Gefühl. Es sieht nicht nur pedantisch sauber aus, es riecht auch so. Nach Seife und Desinfektionsmittel.
Christopher Neumann, 18 Jahre: Traumberuf Arzt

In einen blauen OP-Dress gehüllt, gehe ich den langen Gang zur Notaufnahme der Kölner Uniklinik hinunter. Alle, die nicht eingeweiht sind, halten mich für einen Arzt oder mindestens für einen Medizinstudenten ? ein tolles Gefühl. Es sieht nicht nur pedantisch sauber aus, es riecht auch so. Den intensiven Geruch nach Seife und Desinfektionsmittel werde ich so schnell nicht aus meiner Nase kriegen. ?Jeder Tag hier ist unberechenbar, das macht es so spannend?, erzählt mir der diensthabende Notarzt mit der Harry-Potter-Narbe auf der Stirn. Henning Fründt hat sich längst an den Geruch gewöhnt. Ihm folge ich heute auf Schritt und Tritt.

Von Hektik, wie ich sie aus der US-Serie Emergency Room kenne, ist nichts zu spüren. Im Aufenthaltsraum, dem Herzstück der Notaufnahme, warten wir auf unseren Einsatz.
Ausbildung: Studium plus mehrjährige Facharztausbildung im Krankenhaus
Gehalt: 38.000 ? 45.000 Euro/Jahr (Assistenzarzt), rund 54.000 Euro/Jahr (Stationsarzt), 70.000 - 95.000 Euro/Jahr (Oberarzt)
Chancen: Sehr gut. Die Absolventenzahlen sinken und der Bedarf in Kliniken und Praxen ist groß.
Die babyblaue Wandfarbe soll wohl beruhigen, genauso wie der andere Kitsch: Clowns und Vögel aus Pappmaschee hängen an der Decke, ein Vorhang mit Schmetterlingen im Türrahmen. All das erinnert mehr an ein Kinderzimmer als an ein Krankenhaus. Nur an der Wand steht ein langer Schreibtisch mit Computern, Einsatzplänen und drei Telefonen

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Schrilles Klingeln lässt mich hochfahren. Das Notfalltelefon. Herzstillstand auf der vierten Etage, Zimmer 19. Die Stimmung ändert sich schlagartig: Es wird hektisch, sehr hektisch. Oberarzt Fründt schnappt sich die Notfalltasche und rennt los. Ich hinterher, mein Herz rast. Im Aufzug sagt keiner ein Wort. Henning Fründt zieht sich sterile Handschuhe an, er wirkt angespannt. Mir ist flau im Magen

Im Zimmer der 72-jährigen Patientin scheint das völlige Chaos zu herrschen: Ärzte und Schwestern laufen durcheinander, Stimmengewirr. Fründt kämpft sich zum Bett der alten Dame durch, gibt kurze Anweisungen ? keine Zeit für Höflichkeiten jetzt

Ich verdrücke mich in die Ecke, will nicht im Weg stehen, schließlich geht es um ein Menschenleben. Die alte Dame ist schon ganz blass, hoffentlich kommen wir nicht zu spät. Fründt beatmet sie, intubiert, eine Ärztin macht Herzmassage. Ich starre wie gebannt auf den Monitor neben dem Bett. Minuten vergehen. Dann beginnt das Herz wieder zu schlagen ? und meins macht einen Sprung. Sie lebt. Der Job des Notarztes ist erledigt. Und ich freue mich auf die Auszeit im Aufenthaltsraum, bis zum nächsten Notfall. Irgendwie hat es dann doch was von Emergency Room

Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2005