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Eltern suchen optimale Lernbedingungen

Von Pia Weber, Handelsblatt
Privatschule ? das hört sich nach einer Bildungsanstalt für höhere Töchter und Elite-Söhne an. Wenngleich die Schulen in freier Trägerschaft ? so die offizielle Bezeichnung ? dieses Image nicht unbedingt lieben, so profitieren sie doch davon.
HB DÜSSELDORF. Gerade die Pisa-Studien scheinen die Vermutung der Eltern zu belegen, dass eine private besser als eine öffentliche Schule sei. Und tatsächlich liegen im Durchschnitt die Mathematik-Ergebnisse bei Schülern von Privatschulen in zehn OECD-Ländern und drei Partnerländern über denen der Schüler öffentlicher Schulen. Einzig in Japan, Luxemburg und Indonesien schneiden die öffentlichen Schulen besser ab.Das heißt allerdings nicht, dass die Privaten unbedingt die besseren Unterrichtsmethoden hätten. Werden die Pisa-Ergebnisse nämlich bereinigt um den familiären und sozioökonomischen Hintergrund der Schüler, so schneiden die Privatschulen nicht besser ab als die öffentlichen. Das heißt: Wesentlich mehr Kinder besuchen eine Privatschule, die auf Grund ihrer familiären Voraussetzungen sowieso einen guten Abschluss gemacht hätten.

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Genau dieser Effekt kann aber auch von den Eltern gewünscht sein. ?Für die Eltern gibt es viele Gründe für eine Privatschule, einschließlich die des sozioökonomischen Hintergrunds der Mitschüler?, betont Andreas Schleicher. ?Der Vorteil der Privatschulen ist ganz einfach ihr klares Wertegefüge. Denn sie müssen sagen, wofür sie stehen?, unterstreicht auch Bernhard Marohn vom Bundesverband Deutscher Privatschulen.Das deutsche Privatschulsystem ist gut ausgebaut. Ob sportlich oder musisch talentierte Kinder, ob hochbegabte oder besonders religiös lebende ? die Alternativen zur öffentlichen Schule sollen jedem Kind offen stehen. So sieht es das Grundgesetz vor. Deshalb gab es im Jahr 2003 2 592 Privatschulen, darunter 1 822 berufsbildende Schulen. Die größte Gruppe sind die religiösen Schulen, unter denen wiederum den Löwenanteil die katholischen Einrichtungen stellen, gefolgt von den evangelischen. Aber auch jüdische und islamistische Schulen gehören dazu.Um eine alternative Pädagogik geht es in den rund 200 Waldorfschulen und 400 Montessori-Schulen in Deutschland. Gerade letztere erleben zur Zeit einen wahren Boom. In den vergangenen fünf Jahren sind jährlich rund zehn Montessori-Schulen neu eröffnet worden.?Wir erleben zur Zeit eine wachsende Nachfrage?, betont der Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen, Walter Hiller. Pisa habe die Eltern sensibilisiert für Alternativen zum öffentlichen Schulsystem. Dabei sehen sich die Waldorf-Pädagogen im Trend der Zeit. ?Bei uns gibt es die zwölfjährige Einheitsschule seit Jahrzehnten, und sie ist eine zentrale Basis unseres Erfolges?, sagt Hiller. Waldorf-Schulen seien offen für jeden, der sich für diese Pädagogik interessiere. Allerdings müssten ?Eltern und Lehrer sich damit identifizieren und im Alltagsleben Vorbild sein?, erläutert Hiller.Offen für jeden sind Privatschulen im Prinzip sowieso. Und nach dem Privatschulfinanzierungsgesetz müssen die Bundesländer die Privaten finanziell unterstützen. Das gilt jedenfalls für den Vormittagsunterricht. Für die Nachmittagsbetreuung sorgt der Staat jedoch nicht, weshalb diesen die Eltern allein finanzieren müssen.Schulgeld scheint die Eltern indes nicht abzuschrecken. ?Die Nachfrage nach Plätzen an den Privatschulen kann in der Regel nicht befriedigt werden?, sagt Marohn. Viele Eltern, deren Kinder auf einer Montessori-Warteliste stehen, können das bestätigen.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Als Sonderform der Privatschulen profitieren nur die Internate nicht im selben Maß von der gestiegenen Nachfrage nach privater Schulbildung.Als Sonderform der Privatschulen profitieren nur die Internate nicht im selben Maß von der gestiegenen Nachfrage nach privater Schulbildung. ?Deutschland ist anders als Großbritannien nun einmal kein Internatsland?, klagt Hartmut Ferenschild von der Internatsberatung der 21 LEH-Internate, die nach eigenen Angaben die meisten Plätze in Deutschland anbieten. Eine Internats-Ausbildung komme hier zu Lande meist erst in Frage, wenn beide Eltern arbeiteten, Alleinerziehende eine Ganztagsbetreuung suchten oder ein Kind schulische Probleme habe.Dabei sind die Internatsschulen überzeugt, die bessere Alternative zu sein. ?Etwas provokativ gesagt sind wir mit unseren Internaten längst da, wo die Ganztagsschulen nie hinkommen werden?, sagt Ferenschild mit Blick auf die wachsende Nachfrage nach Ganztagsbetreuung.Abseits vom Lebenspraktischen ist der Grundgedanke der Internate der, dass weit mehr in einem Kind steckt, als über akademisches Lernen gefördert werden kann. Deshalb haben sich etliche Internate darauf verlegt, bestimmte Talente zu fördern. Ins Gymnasium der Regensburger Domspatzen zum Beispiel kommt nur, wer auch im Chor singt ? dafür ist dann auch nachmittags Zeit. Und Sportinternate fördern die schulische Leistung, können sich aber auch am Nachmittag und am Wochenende ums Training kümmern ? ohne extrem lange Anfahrtszeiten.Schwer ist allerdings für Eltern die Aufgabe, das richtige Internat zu finden. Neutrale Bewertungen gibt es über Privatschulen und Internate nicht. Einige kommerzielle Vermittler sind inzwischen auf den Plan getreten, manche davon aber auch schon unangenehm aufgefallen.Bleibt den Eltern nur, sich selbst zu informieren und genau hinzusehen, wie und von wem das Internat geleitet wird. Ein Indiz für ein gutes Internat ist zum Beispiel ein interessantes außerschulisches Programm. Auch sollte der Anteil externer Schüler im Vergleich zu den Internen gering sein. Und schließlich sollten genügend Betreuer für die Kinder und Jugendlichen vorhanden sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2005