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Eliteland ist abgebrannt

Die Privathochschulen hängen am Tropf der Unternehmen. Doch die müssen sparen. Und die Berliner Business School der deutschen Wirtschaft saugt zusätzlich Geld ab. Bröckelt das Fundament der Eliteunis? Ein Finanzcheck.
Privatunis im Finanzcheck
Die Privathochschulen hängen am Tropf der Unternehmen. Doch die müssen sparen. Und die Berliner Business School der deutschen Wirtschaft saugt zusätzlich Geld ab. Bröckelt das Fundament der Eliteunis? Ein Finanzcheck.

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Das Telefon stand nicht mehr still. Als Junge Karriere die finanzielle Schieflage der Privaten Universität Witten-Herdecke aufdeckte, war es vorbei mit der Beschaulichkeit. "Das hat hier schon ziemliche Unruhe ausgelöst", gibt ein Betroffener zu. Was, wenn Witten-Herdecke nur die Spitze des Eisbergs ist? Fest steht: Für die Eliteunis werden die Gelder knapp. "Man kann die konjunkturelle Delle nicht ignorieren", sagt Andreas Schmidt, Kanzler der Handelshochschule Leipzig (HHL). "Alle müssen sich nach der Decke strecken."Denn anders als landläufig angenommen, finanzieren sich die großen Privaten nur zum geringeren Teil über die mitunter saftigen Studiengebühren. Ohne die finanzielle Unterstützung durch Unternehmen geht nichts. Ohne Bertelsmann und Deutsche Bank gäbe es überhaupt keine privaten Hochschulen in Deutschland.Die Zeiten jedoch, in denen Unternehmen freigebig fast jedes private Pflänzchen unterstützten, sind vorüber. Sparen ist angesagt, und das trifft die Hochschulen hart. Weiteres Ungemach droht von der European School of Management and Technology (ESMT), jener Super-Business-School, die Großkonzerne wie Deutsche Bank, Allianz, ThyssenKrupp und Eon letzten Herbst in Berlin ins Leben riefen. Allein in die Trägerstiftung der ESMT wollen deutsche Unternehmen 100 Millionen Euro einzahlen. Und der Finanzbedarf wird weiter steigen. Pech für die anderen: Geld, das nach Berlin fließt, fehlt anderswo.Wie abhängig die privaten Hochschulen von den Unternehmen sind, zeigt ein Blick in die Bücher. Erstmals haben alle privaten Top-Hochschulen gegenüber Junge Karriere ihre Finanzierung offen gelegt. Ergebnis: Nur zu einem geringen Teil finanzieren sich die Privaten aus Studiengebühren. Gerade einmal sieben Prozent sind es bei Witten-Herdecke, 25 bei der Gisma Hannover, 29 bei der WHU Koblenz, ein Drittel bei der Handelshochschule Leipzig (HHL). Deshalb müssen die Eliteunis jedes Jahr mehrere Millionen Euro bei den Unternehmen zusammenbetteln, um ihre laufenden Kosten zu decken.Wie stark die Konjunktur an den privaten Hochschulen nagt, hängt von ihren Finanzierungsmodellen ab. Relativ gut dran ist, wer eine finanzkräftige Stiftung im Rücken hat. In dieser glücklichen Situation ist die Bucerius Law School. "Bestandteil der staatlichen Anerkennung ist eine Finanzgarantie der Zeit-Stiftung", erklärt Geschäftsführer Markus Baumanns. Und deren Erträge liegen um ein Mehrfaches höher als der 8,5-Millionen-Euro-Haushalt der Juristenschmiede. Auch die stiftungsfinanzierte WHU Koblenz fühlt sich "nicht unmittelbar gefährdet", wie Rektor Klaus Brockhoff betont.Das Leben leichter machen auch Stiftungslehrstühle, deren Finanzierung meistens auf fünf Jahre gesichert ist. Noch vor einiger Zeit ideologisch umstritten, weil sie die Freiheit von Forschung und Lehre einschränkten, sind sie für viele private Hochschulen heute eine tragende Säule. An der Handelshochschule Leipzig etwa machen sie über ein Drittel des Haushalts aus. An der European Business School Schloss Reichartshausen (ebs) in Oestrich-Winkel ist man auf den Gedanken verfallen, einen Lehrstuhl durch mehrere Stifter finanzieren zu lassen. "Damit kann auch nichts passieren, wenn ein Unternehmen ausfällt."Auch die staatliche Unterstützung ist für manche private Hochschule derzeit bares Geld wert. Den Haushalt der Gisma finanziert das Land Niedersachsen zu 35 Prozent. Und wenn es hart auf hart käme, würde wohl auch die nordrhein-westfälische Landesregierung die Universität Witten-Herdecke nicht absaufen lassen.Um ihre Löcher zu stopfen, suchen die meisten Privaten ihr Heil in der Expansion. "Die Existenzgefährdung bestünde für unsere Hochschule darin, nicht zu wachsen", ist ebs-Chef Manfred Timmermann überzeugt. "Wir sind voll im Aufbruch." In den nächsten zwei bis drei Jahren will er den ebs-Umsatz verdoppeln. Seine Strategie: neue Master-Studiengänge und "mehr sich selbst tragende Forschungsprojekte".Viele haben den gewinnträchtigen Executive-Education-Markt im Auge, also Fortbildungsprogramme für Manager. Wie eine Junge-Karriere-Umfrage zeigt, sehen gleich mehrere private Hochschulen die Lösung ihrer Geldprobleme in den lukrativen Teilzeit-MBA-Programmen. HHL, ebs, Gisma drängen auf diesen Markt. Witten-Herdecke will sein Markenzeichen, das Studium Generale, zahlungskräftigen Managern unter dem Titel "Perspektivenwechsel" als Leadership Development-Seminar anbieten. Bis Jahresende sollen 20 bis 30 solcher ein- bis dreitägigen Workshops für jeweils 20 bis 25 Teilnehmer angeboten werden.Doch genau dies ist der Markt, auf dem sich auch die Berliner Super-Business-School positionieren will. So konkurrieren demnächst ESMT und Private sowohl um direkte finanzielle Unterstützung der Unternehmen als auch um (wiederum von Unternehmen gesponserte) Teilnehmer.Außerdem hat der Markt kaum auf die privaten deutschen Hochschulen gewartet. MBA und Executive Education sind heute ein internationales Geschäft, und europaweit spielt bislang kein deutscher Anbieter in der ersten Liga mit. Stattdessen drängt eine Vielzahl von ausländischen Business Schools auf den deutschen Markt."Die viel größeren Gefahren lauern aber mittelfristig", erklärt ein Vertreter des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, der kürzlich mit einer kritischen Beurteilung der privaten Hochschulen Aufsehen erregte. "Die privaten Hochschulen haben es versäumt, sich durch originelle Studienangebote von den staatlichen Universitäten zu unterscheiden. Ihr Marktvorteil liegt bislang nur in den günstigen Studenten-Dozenten-Relationen." Sobald aber, wovon die meisten Bildungsexperten ausgehen, auch die staatlichen Hochschulen Studiengebühren erheben, wird dieser Marktvorteil dahinschmelzen.Ohnehin wird in den nächsten Jahren durch die europaweite Umstellung auf ein Bachelor-Master-System eine völlig neue Konkurrenzsituation entstehen. Dann stehen die privaten deutschen Anbieter nicht mehr nur im Wettbewerb mit den staatlichen deutschen, sondern mit allen Top-Adressen in Europa.Bleibt die Schicksalsfrage der finanziellen Unterstützung durch die Unternehmen. Werden die sich durch "ihre" Berliner Business School so stark in die Pflicht genommen fühlen, dass sie hauptsächlich dorthin Geld und Teilnehmer senden werden? "Mittelfristig könnte die ESMT zum Problem werden", gibt man bei einer führenden privaten Hochschule zu. Doch insgeheim setzt man bei den meisten Privaten auf einen Flop in Berlin. "Das wird ein zweites Schloss Gracht", hofft ein Dekan. Diese Bildungsstätte der deutschen Wirtschaft war auch einmal mit allergrößten Ambitionen gestartet und dann in Mittelmäßigkeit versandet.Christoph Mohr



Privatunis im Finanzcheck



Private Universität Witten-Herdecke
Rechtsform: gGmbH
Träger/Eigentümer: Gesellschafterversammlung, je zur Hälfte aus Wissenschaft und Wirtschaft
Stiftung/Stiftungskapital: 35 Mill. Euro
Haushalt (2003): 26,9 Mill. Euro
Haushalt (2004, geplant): k.A.
Finanzierung:
Spenden/Stiftungsbeiträge/Sponsoring: 32%
Landesförderung:17%
Umsatzerlöse Zahnklinik: 16%
Erträge aus Forschungsförderung: 15%
Sonstige Erträge: 13%
Studiengebühren: 7%
Wichtigste Firmensponsoren:
Witten-Herdecke wird von insgesamt rund 3.000 Stiftungen, Firmen und Personen unterstützt, u.a.von Aral, Bertelsmann, Deutsche Bank, Deutsche Beteiligungs AG, ThyssenKrupp, Robert Bosch Stiftung, Software AG Stiftung, Wittgensteiner Kliniken.
Studentenzahl: 1.132
Erhöhung geplant: nein
Erhöhung der Studiengebühren geplant: im Gespräch


Kassel International Management School
Rechtsform: GmbH
Stiftung: nein
Haushalt 2003: rd. 1,3 Mill. Euro
Haushalt 2004: rd. 1,4 Mill. Euro
Finanzierung:
Eigenmittel (Stiftungen): 0 %
Staatliche Zuwendungen: 0 %
Studien- und Weiterbildungsentgelte: rd. 50 %
Sponsoren: rd. 50 %
Wichtigste Firmensponsoren: IHK Kassel, B.Braun Melsungen, Dierichs Verlagsgruppe, Wegu und Viessmann.
Studentenzahl: 42
Erhöhung geplant: ja, auf mehr als 80 in 2004
Erhöhung der Studiengebühren geplant: nein


EUROPEAN BUSINESS SCHOOL Schloss Reichartshausen (ebs)
Rechtsform: gGmbH
Träger: Stiftung zur Förderung der European Business School
Haushalt (2003): 14 Mill.Euro
Finanzierung:
Studiengebühren: 60 %
Sponsoren: 30 %
Lizenzgebühren: 5 %
Landeszuschüsse: 5 %
Wichtigste Firmensponsoren: Deutsche Bank, DaimlerChrysler, Porsche, Boehringer Ingelheim, Procter & Gamble, Booz Allen & Hamilton, Saatchi & Saatchi, Accenture, Ernst & Young, Arthur D. Little
Studentenzahl: 830
Erhöhung geplant: nein
Erhöhung der Studiengebühren geplant: nein


HHL Leipzig Graduate School of Management
Rechtsform: gGmbH
Träger/Eigentümer: IHK zu Leipzig (45 %), Kramerstiftung (10 %), Gesellschaft der Freunde der HHL e.V. (45 %)
Haushalt 2003: 4,505 Mill. Euro
Haushalt 2004: 4,650 Mill. Euro (geplant)
Finanzierung:
Eigenmittel: 13,3 %
Staatliche Zuwendung: 7,4 %
Studiengebühren: 32,6 %
Lehrstuhl-Sponsoren: 38,7 %
Andere Sponsoren und sonstige betriebliche Erträge: 8 %
Wichtigste Firmensponsoren: IHK Leipzig, West LB, TUI, PWC Deutsche Revision AG, Sparkasse Leipzig, Sachsen LB, DtA
Studentenzahl: 261
Erhöhung geplant: ja, u.a. durch Aufnahme eines neuen Part-Time-MBA-Programms
Erhöhung der Studiengebühren geplant: nein


Stuttgart Institute of Management and Technology (SIMT)
Rechtsform: gGmbH
Träger/Eigentümer: Gesellschafterversammlung der SIMT, bestehend aus Vereinen der Freunde und Förderer von SIMT sowie den Universitäten Hohenheim, Tübingen, Stuttgart
Haushalt (2003): k.A.
Haushalt (2004, geplant): k.A.
Finanzierung:
Eigenkapital: 20,5 Mill. Euro Kapitalstock (50 % Unternehmen, 50 % Land Baden-Württemberg und Landeshauptstadt Stuttgart). Die Verwaltung des Kapitalstocks erfolgt durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.
Staatliche Zuwendungen: 5 %
Studiengebühren: Plan 2003: 53 %, Plan 2004: 63 %
Verbleibende Finanzierung: Zinserträge/Sponsoren/Spenden
Wichtigste Firmensponsoren: Bosch, DaimlerChrysler, Hewlett-Packard, Siemens, Trumpf
Studentenzahl: rd. 140 (zwei Jahrgänge) im Fulltime-MBA-Programm, 10 Studierende im Part-time-Programm MBA International Sourcing, 5 Studierende im berufsintegrierten MBA-Programm, zusätzlich weitere Studierende im künftigen International-Executive-MBA-Programm.
Erhöhung geplant: k.A.
Erhöhung der Studiengebühren geplant: k.A.


WHU Koblenz
Rechtsform: keine eigene Ges.
Träger/Eigentümer: Stiftung WHU
Stiftungskapital: 29,64 Mill. Euro
Haushalt (2003): 10,56 Mill. Euro
Haushalt (2004, geplant): noch nicht verabschiedet
Finanzierung:
Eigenmittel (Stiftung etc.): 8 %
Staatliche Zuwendungen: 0 %
Studiengebühren: 29 %
Sponsoren: 40 %
Sonstige Erträge: (Schulungen, Drittmittel für Projekte) 23 %
Wichtigste Firmensponsoren: Altana, Metro, SAP, Telekom
Studentenzahl: Diplom-Programm: 319; Executive MBA: 120
Erhöhung geplant: nein
Erhöhung der Studiengebühren geplant: ja


GISMA Business School
Rechtsform: gGmbH
Träger/Eigentümer: Gisma-Stiftung (zzt. 28 Förderunternehmen)
Haushalt (2003): 6,6 Mill. Euro
Haushalt (2004): 6,6 Mill. Euro (geplant)
Finanzierung:
Staatliche Zuwendungen: 35 %
Studiengebühren: 25 %
Sponsoren: 40 %
Wichtigste Firmensponsoren: Volkswagen, TUI, NordLB, Dow Chemical, Georgsmarienhütte, Louis Dreyfus
Studentenzahl: 100
Erhöhung geplant: ja
Erhöhung der Studiengebühren geplant: ja, in Abhängigkeit von der Marktentwicklung


Bucerius Law School - Hochschule für Rechtswissenschaft
Rechtsform: gGmbH
Träger/Eigentümer: Zeit-Stiftung, Ebelin und Gerd Bucerius
Haushalt (2003): 8,5 Mill. Euro
Haushalt (2004, geplant): k.A.
Finanzierung:
Stiftungskapital, Erträge der Zeit-Stiftung in 2001: 27,5 Mill. Euro
Eigenmittel: 60 %
Staatliche Zuwendungen: 0 %
Studiengebühren: 20 %
Sponsoren: 18 %
sonstige Einnahmen: 2 %
Wichtigste Firmensponsoren: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Stiftung Mercator GmbH, Hengeler Mueller, Freshfields Bruckhaus Deringer, Heinz Nixdorf Stiftung, Linklater Oppenhoff & Rädler, Deutsche Bank, Commerzbank-Stiftung, Lovells, CMS Hasche Sigle, Beiten Burkhardt Goerdeler Rechtsanwaltsgesellschaft
Studentenzahl: 400
Erhöhung geplant: nein
Erhöhung der Studiengebühren geplant: nein
Dieser Artikel ist erschienen am 30.05.2003