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Elite-Qualitäten für Hochschulen

Wolfgang A. Herrmann, geb. 1948, ist Professor für Chemie und seit 1995 Präsident der TU München. Der engagierte Streiter für eine bessere Hochschule ist auch Vorsitzender der Universität Bayern e.V.
"Elite-Universität" heißt der neue Schlachtruf einer Politik, die lange das Mittelmaß als Maß aller Dinge gewähren ließ. Nun ist zur Stelle, wer sich zu den Besten zählt. Hochschulrankings aller Art, ob seriös oder nicht, dienen als Beleg:
Publikationsleistungen, Zitations-Indices, Kongressauftritte, Drittmittelbilanzen, Nobelpreise. Große Universitäten bevorzugen schiere Summenangaben, kleine Universitäten kommen mit personenbezogenen Glanzlichtern besser weg.
"Elite-Universität" heißt der neue Schlachtruf einer Politik, die lange das Mittelmaß als Maß aller Dinge gewähren ließ. Nun ist zur Stelle, wer sich zu den Besten zählt. Hochschulrankings aller Art, ob seriös oder nicht, dienen als Beleg:
Publikationsleistungen, Zitations-Indices, Kongressauftritte, Drittmittelbilanzen, Nobelpreise. Große Universitäten bevorzugen schiere Summenangaben, kleine Universitäten kommen mit personenbezogenen Glanzlichtern besser weg. Wenn auch Äpfel mit Birnen, Archäologen mit Ingenieuren und Massen mit Klassen verglichen werden, so ist der Wettbewerb erfrischend. Die Öffentlichkeit nimmt wieder zur Kenntnis, dass Universität mit differenzierter Leistung und mit Spitzenleistung zu tun hat.
Nun sind Hochschulen, so hoch sie auch sein mögen, in erster Linie Schulen, die wissenschaftliches Schulwissen auf der Höhe der Zeit vermitteln und durch Forschung neues Wissen erschließen. Bisher wenig beachtet, kaum gemessen und gewiss auch nur ungenau messbar, gehört Spitzenlehre bei aller Bedeutung der Forschungsbilanz zum Ehrgeiz einer Spitzenuniversität. Hiervon ist bisher zu wenig die Rede

Die deutsche Hochschultradition geht ungebrochen von der Vorstellung aus, dass der exzellente Forscher auch der beste Lehrer sei. Diese Formel greift zu kurz, zumal nicht wie zu Humboldts Zeiten 5.000, sondern 1,3 Millionen Studierende an den Universitäten sind. Heute haben wir Qualitäts- und Mengenprobleme gleichzeitig zu lösen.
Hier hilft nur eine neue Form der Arbeitsteilung unter dem Dach der Einheit von Forschung und Lehre. Die gute Vorlesung muss ebenso hoch bewertet werden wie die wissenschaftliche Publikation. Wer Freude am wissenschaftlichen Unterricht und Geschick bei der Vermittlung von Zusammenhängen und Einsichten hat, trägt fundamental zur akademischen Qualität, aber auch zur Identitätsbildung der Hochschule und ihrer Studenten bei. Geforscht wird hauptsächlich in Spezialdisziplinen (wie an Forschungsinstituten auch), gelehrt werden muss hingegen aus der Gesamtschau der Disziplin, oft über ihre tradierten Grenzen hinaus - man denke nur an die modernen Biowissenschaften. Hier liegt die Alleinstellung der Universität.
Professoren sind berufen, um ihr Fach in der ganzen Breite den Studierenden nahe zu bringen. Es setzt keine Spitzenleistung in der Forschung voraus, um die Experimentalphysik didaktisch so zu gestalten, dass sie selbst auf hohem Niveau begreifbar ist. Die Freiheit von Forschung und Lehre, seit der Paulskirchenverfassung ein verbürgtes Grundrecht, verpflichtet auf die Ausgewogenheit des akademischen Unterrichts

Die besten Jobs von allen


Aller Erfahrung nach differenzieren sich die Neigungen und Talente "on the job" aus - auch bei Professoren. Deshalb werden sich Spitzenuniversitäten besonders dadurch auszeichnen, dass sie den begabten Lehrer ebenso fördern wie den brillanten Forscher. Hier besteht zweifellos Nachholbedarf. Leider nämlich sind beide Qualitäten in derselben Person eher selten vereinigt, so dass allein mit diesen Glücksfällen eine Universität nicht zu schaukeln ist. Es ist nicht realistisch, dem Professor Exzellenz in Forschung und Lehre, Nachwuchsförderung und Hochschulverwaltung beständig und gleichzeitig abzuverlangen.
Wer aber misst die Leistung der Lehrenden? In der Forschung ist das Peer-Review-System internationaler Standard. Wenngleich ungewohnt, bietet es sich auch in der Lehre an, laufend ergänzt durch das studentische Urteil. Passend zum Profil und Niveau des Studienangebots ausgewählt, werden die Studierenden unterhaltsame aber seichte Vorlesungen kaum positiv bewerten, vor allem nicht, wenn sie künftig Kostenbeiträge leisten und so als "aktive Kunden" mitreden. Auch mit noch so interessanten Spezialitäten werden sie sich nicht abspeisen lassen.
Überprüfte didaktische Standards werden künftig aus Professorenberufungen nicht mehr wegzudenken sein. Und der wissenschaftliche Nachwuchs wird sich in der Lehre besonders dann engagieren, wenn Forschung und Lehre gleichwertig zum Leistungs- und Ehrenkodex der Universität gehören. Das heißt aber auch, dass didaktisches Training in das Pflichtprogramm der Professorenlaufbahn gehört. Fazit: Die Auswahl der Studierenden und die Kostenpflichtigkeit des Studiums werden der Kultivierung der akademischen Lehre einen erheblichen Schub versetzen. Spitzenuniversitäten und solche, die es werden wollen, werden sich an Konzepten einer Spitzenlehre zu messen haben. Forschungsindikatoren taugen dafür nur zufällig. Spitzenuniversitäten sind langfristig nicht am Input nach Studentenzahlen, sondern am Outcome zu beurteilen: nach der Qualitätsmenge der Forschungsergebnisse und nach der Zahl erfolgreicher Absolventen, die einen ausbildungsadäquaten Job zu guten Konditionen gefunden haben.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.12.2004