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Elite braucht Werte

Alexander Dibelius, 45, ist Deutschland-Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs. Der promovierte Chirurg gilt als einer der mächtigsten Einflüsterer der deutschen Wirtschaft.
Dass sich etwas bewegt in Deutschland, zeigt sich nicht nur an Hartz IV, sondern auch daran, dass über Elite zunehmend ohne Scheu gesprochen werden kann. Inzwischen wird der Ruf nach Elite-Hochschulen und echter Leistungsförderung auch bei denen lauter, die bisher wenig Sympathie für den Elite-Gedanken erkennen ließen.
Dass sich etwas bewegt in Deutschland, zeigt sich nicht nur an Hartz IV, sondern auch daran, dass über Elite zunehmend ohne Scheu gesprochen werden kann. Inzwischen wird der Ruf nach Elite-Hochschulen und echter Leistungsförderung auch bei denen lauter, die bisher wenig Sympathie für den Elite-Gedanken erkennen ließen. Tatsächlich hat sich der gesellschaftliche Diskurs in der Bundesrepublik damit lange Zeit ausgesprochen schwer getan. Das hatte natürlich mit dem politischen und menschlichen Versagen der Eliten im Nationalsozialismus zu tun, aber auch mit einer starken egalitären Grundströmung in Deutschland: Nach Auffassung mancher Kritiker ist der Elite-Gedanke im Kern antidemokratisch und dient in erster Linie der sozialen Abgrenzung und Sicherung von Privilegien. Auffällig daran war, wie massiv diese Vorbehalte hierzulande waren - und wie wenig sie in Ländern mit großer demokratischer Tradition geteilt wurden. Weder in den angelsächsischen Ländern gibt es solche Berührungsängste, noch in Frankreich, wo die Auslese der Besten gerade im Bildungssystem fest verankert ist. Im angelsächsischen Raum spricht man zwar lieber von Leadership, aber auch für Amerikaner und Briten ist es selbstverständlich, dass eine Gesellschaft nicht nur Funktionseliten hat, sondern vor allem Leistungseliten im Sinne von Ludwig (nicht Herbert) Marcuse braucht: "Es ist immer die Leistung, die bestimmt, wer zur Elite zählt." Das ist ein modernes emanzipatorisches Konzept und die Grundüberzeugung einer selbstbewussten Bürger-Gesellschaft, die nicht auf feste Hierarchien, sondern auf soziale Mobilität und die Kraft des Tüchtigen setzt: Leistung (und nicht etwa Geburt und Herkunft) zählt und entscheidet darüber, wer aufsteigt.Ganz im Sinne dieser Überzeugung wird die systematische Auswahl und Förderung besonders begabter junger Menschen etwa in den USA ganz groß geschrieben. Eine Universität wie Harvard - mit ihren 40 Nobelpreisträgern geradezu die Inkarnation einer modernen Elite-Hochschule - steht für diese Überzeugung und nötigt auch eingefleischten Elite-Skeptikern Respekt ab. Aber natürlich lässt sich eine solche Erfolgsgeschichte nicht einfach kopieren (und schon gar nicht dekretieren), weil dazu außer Geld und den richtigen Strukturen auch gemeinsame Überzeugungen und Werte nötig sind.

Die besten Jobs von allen

Entscheidend ist zunächst ohnehin etwas anderes:
dass sich endlich auch in Deutschland die Einsicht durchsetzt, dass wir auf Spitzenleistungen nicht verzichten können und gut beraten sind, sie systematisch zu fordern und zu fördern. Ob Wissenschaft oder Wirtschaft, Politik oder Kultur - in allen Bereichen benötigen wir Menschen, die willens und in der Lage sind, Überdurchschnittliches zu leisten und damit zukunftsträchtige Entwicklungen anzustoßen und voranzutreiben - kurz, die etwas bewegen. Aber Bewegung ist nicht genug, auch die Richtung muss stimmen. Um dauerhaft auf Kurs zu bleiben, braucht man Orientierung, erst recht in Zeiten, die von rasendem Wandel, Multioptionalität und Unübersichtlichkeit geprägt sind. Zu den wichtigsten Fixpunkten gehören fundamentale Werte wie Integrität, Zuverlässigkeit und Fairness. Neben einem ausgeprägten Leistungsethos sind sie integraler Bestandteil eines vernünftigen Konzepts von Elite, die sich durch Leistung und Verantwortung auszeichnen soll - und keinesfalls durch Privilegien und Dünkel.

Was unsere Gesellschaft braucht, sind nicht nur Hochleister, sondern erwachsene Persönlichkeiten (in jedem Alter und Bereich), die bereit sind, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, Menschen, die nicht nur die eigenen Interessen im Auge behalten, sondern auch auf die der anderen und das gesellschaftliche Ganze achten. Erst das macht sie zum Vorbild.Ein Unternehmen, das Erfolg haben will, sollte deshalb nicht nur auf hervorragende fachliche Kompetenz und Engagement Wert legen, sondern genauso auf menschliche Qualitäten und gelebte Werte. Erst ihr Zusammenspiel bietet die Gewähr dafür, dass die größten Güter eines Unternehmens - Menschen, Kapital, Reputation - nachhaltig geschützt werden. Das Geschäftsprinzip "Clients first" verträgt sich nicht mit rücksichtsloser Fixierung auf eigene Interessen und kurzfristiger Denkweise. Nachhaltigkeit muss zentraler Aspekt wirtschaftlichen Handelns sein, sowohl nach außen als auch nach innen, sowohl im Bereich der Generationengerechtigkeit als auch bei individuellen unternehmerischen Entscheidungen. Wer auf Teamarbeit setzt, braucht Menschen, die zuhören können, die sich auch einmal zurücknehmen und dem Gegenüber mit Achtung begegnen und nicht dem Missverständnis huldigen, am schnellsten komme man mit den Ellenbogen voran. Ein solches Missverständnis untergräbt die Loyalität und den Corpsgeist, die für ein Unternehmen unverzichtbar sind. Das hat Konsequenzen für das Konzept einer auf Leistung ausgerichteten universitären Ausbildung: Die Hochschule muss ein Ort sein, wo neben Wissen und Kompetenzen auch ein Leistungs- und Verantwortungsethos vermittelt wird und junge Menschen zu selbstständigen und verantwortungsvollen Persönlichkeiten herangebildet werden. Erst dann leistet sie einen echten Beitrag zur Zukunftssicherung unserer Gesellschaft.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.01.2005