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Elite am Stehtisch

Christoph Mohr
Foto: Universität St. Gallen
Während anderswo Studenten auf die Barrikaden gingen, probte 1968 eine St. Gallener Studenteninitiative den Dialog: Sie rief das ISC-Symposium ins Leben. Heute ist das kritische Gespräch zwischen Studenten und den Mächtigen der Welt eine Institution.
Die Schweiz ist anders. Als 1968 die Studenten in Paris, Frankfurt und Berlin auf die Barrikaden gingen, probten die in St. Gallen nicht die Auflehnung gegen das Establishment, sondern den Dialog: Auf Initiative einer Hand voll Studenten kamen Vertreter aus Wirtschaft und Politik zum kritischen Gespräch an die namhafte Hochschule

Über die Jahre und Jahrzehnte entwickelte sich die Begegnung von Topmanagern, Politikern und Studenten zur Institution, unterstützt von einer eigenen finanzkräftigen Stiftung. Heute gilt das ISC Symposium als die "kleine Schwester von Davos". Doch während auf der alljährlichen Veranstaltung des World Economic Forum die Mächtigen dieser Welt - allenfalls gestört von ein paar wütenden Demonstranten - unter sich bleiben, lebt St. Gallen von der informellen "Begegnung der Elite von heute mit der Elite von morgen" (ISC-Eigenwerbung) am Stehtisch.

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Auch die Auflage 2001 des ISC Symposiums brachte wieder eine ganze Reihe von Bigshots nach St. Gallen: die österreichische Außenministerin, der estländische Staatspräsident, der ehemalige Vize-Präsident der EU-Kommission Lord Brittan, die Bosse von Nestlé, Wal-Mart, Zurich Financial Services zierten die Teilnehmerliste zum Thema "New Balance of Power". Doch in einer seltsamen Umkehrung der Verhältnisse zeigten sich diesmal gerade die Vertreter der Old Economy wie beispielsweise Zurich-Chef Rolf Hüppi als überzeugte Vertreter der Internet-Revolution, während die Helden der New Economy bescheidener geworden sind. Jack Ma, der in Davos zum "Global Leader of Tomorrow" geadelte, chinesische Internet-Star erläuterte vor allem seine "Überlebensstrategien".

Auch die programmierten Konfrontationen, wie etwa zwischen Greenpeace und Nahrungsmittelmulti Nestlé blieben merkwürdig blass. Trotz der brillanten Moderation von Wall-Street-Journal-Europe-Herausgeber Fred Kempe verpuffte der Dialog zwischen Ex-Greenpeace-International-Geschäftsführer Thilo Bode und Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe, der in bekannter Manier als Mann auftrat, der nicht von Zweifeln befallen ist, im freundlichen, nicht einmal mehr ausgetragenen Dissens. Welche Lehren lassen sich aus den diesjährigen Vorträgen und Diskussionen ziehen? Lord Griffiths of Fforestfach, Vice Chairman von Goldman Sachs und wiederholter Gast in St. Gallen, unterstreicht im Gespräch mit dem Handelsblatt: "Unternehmen können nicht ohne Werte agieren. Die Idee, dass Business und Moral nicht zusammengehören, ist unhaltbar. Aber wenn man über solche Werte spricht, dann müssen wir über ihren Ursprung nachdenken und ihre religiöse und philosophische Grundlegung." Gerade dazu bietet St. Gallen die "multikulturelle Gelegenheit"

"Das Herz des ISC Symposiums ist ohnehin der internationale Aufsatzwettbewerb", sagt Gilbert J.B. Probst, Management-Professor an der Universität Genf und selbst eine tragende Säule der Veranstaltung. Dieser international durchgeführte Wettbewerb bedeutet für 250 handverlesene Studenten aus aller Welt das Flugticket nach St. Gallen. "Mittlerweile gibt es mehr Wettbewerbsteilnehmer aus Indien als aus Deutschland", sagt Probst, und unterstreicht damit, wie sich auch geographisch die Gewichte bei der globalen Leistungselite verschieben. Unter den 20 Universitäten, deren Studenten die besten Beiträge eingereicht haben, befindet sich mit der TU Darmstadt nur noch eine einzige deutsche

Auch die Wettbewerbssieger selbst könnten für die neue "Weltordnung" stehen: Während Uwe Seibel (TU Darmstadt) den "Verlust der Mitte" im Internet-Zeitalter beklagte und damit wohl unwissend das kulturpessimistische Thema eines erfolgreichen Nachkriegsbuches variierte, legte der erst 18-jährige Gerald Tan Chuang Win aus Malaysia, der am Swarthmore College in den USA sein Studium aufgenommen hat, in einer bewegenden Rede ein flammendes Bekenntnis ab: "Das Internet bedeutet Befreiung und Freiheit - und Chancen, die es nie zuvor gegeben hat." Chancen, die die "Elite von heute" zu nutzen weiß, wie Tan mit seiner eigenen in St. Gallen preisgekrönten Web-Site www.thrivecast.com unter Beweis stellt.

"Ich kann morgen nach Silicon Valley gehen, aber auch meine eigene Firma in Indien gründen", umreißt ein indischer Student aus dem High- Tech-Zentrum Bangalore die Bandbreite seiner persönlichen Optionen. Wie selbstverständlich verstehen sich die in St. Gallen vertretenen Top-Studenten aus Asien als "global citizen", die wissen, dass sie auch international gesucht sind und auf dem globalen Arbeitsmarkt bestehen können. Solches Selbstverständnis ist bei deutschen Studenten kaum anzutreffen. Schlimmer noch: Deutschland selbst erscheint für die jungen internationalen Leistungseliten als vernachlässigenswerte Größe. Eine vom Meinungsforschungsinstitut Emnid durchgeführte Befragung der 755 Teilnehmer des diesjährigen ISC-Wettbewerbs kommt zu einem vernichtenden Ergebnis: Deutschland ist für die junge internationale Elite nicht interessant - weder um dort zu studieren noch um dort zu arbeiten. Dabei drängt es die High Potentials aus vielen Ländern, ob Osteuropa oder Indien, aus ihrer Heimat

Aus solchen Befunden hat die Universität St. Gallen ihre ganz eigenen Schlüsse gezogen. Unter der Ägide ihres Rektors Peter Gomez hat sie einen radikalen Umbau des renommierten Wirtschaftsstudiums begonnen, um im internationalen Wettbewerb um die besten Studenten ihre Spitzenstellung halten zu können

Als erste staatliche Hochschule im deutschsprachigen Raum wird die Universität St. Gallen ab Herbst dieses Jahres auf das angelsächsische Bachelor-/Master-System umstellen. Zukünftig wird man dann in St. Gallen mit einem Master of Business Administration (MBA) abschließen können, womit sich die Hochschule auch dem internationalen Vergleich stellt. Aber nicht nur das: Gomez und sein kleines Team krempeln das gesamte St. Galler Studium um, wollen es zurückführen zu einem ganzheitlichen Ansatz, was beweist: Selbst in der Schweiz sind Revolutionen möglich

Wer 2002 am Dialog mit den Mächtigen teilnehmen möchte, kann sich bei Junge Karriere.com online bewerben. Ein Bewerbungsformular und weitere Informationen zum ISC-Symposium 2002 gibt es ab Anfang September hier.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.07.2001