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Elefant im Porzellanladen?

Stefanie Scharbau
Sprachkenntnisse und ein offenes Gemüt reichen leider nicht aus, um in Südamerika Karriere zu machen. Gerade Menschen, die zwar gute Sprachkenntnisse haben, aber nie im entsprechenden Land lebten, setzen sich bei den ersten Kontakten mit Einheimischen oft in die Nesseln.
¿Habla usted español? Sí, muy bien. – Tja, prima, aber Sprachkenntnisse und ein offenes Gemüt reichen leider nicht aus, um in Südamerika Karriere zu machen. Gerade Menschen, die zwar gute Sprachkenntnisse haben, aber nie im entsprechenden Land lebten, setzen sich bei den ersten Kontakten mit Einheimischen oft in die Nesseln.

Als Annett Fibian zu Daimler-Chrysler nach Buenos Aires kam, ging es anfangs um alles andere als ums Geschäft. ?Kontaktpflege ist hier ein ganz wichtiges Thema“, hat die Marketingmanagerin erfahren. ?Zuerst wird miteinander gegessen, getrunken – man schaut sogar Hochzeitsvideos zusammen an, bevor es um schwierige Verhandlungen geht.“

Die besten Jobs von allen


So etwas können Mitteleuropäer nicht ahnen – aber sie können es lernen. Mit interkulturellem Training lassen sich die schlimmsten Fettnäpfchen im Ausland vermeiden. Die Seminare sind jedoch nicht billig. Eine eintägige Schulung kostet mindestens 1.000 Mark, nach oben sind kaum Grenzen gesetzt. Wer von seinem Arbeitgeber ins Ausland geschickt wird, sollte bei Vertragsverhandlungen unbedingt darauf achten, dass dieser die Kosten übernimmt.

Der Markt der Anbieter ist schwer zu überschauen. Es gibt weder einen Verband noch Qualitätsstandards. Größter Anbieter ist das Institut für Interkulturelles Management (IFIM) in Rheinbreitbach bei Bonn mit einem Angebot für nahezu jeden Kulturkreis. Kleinere Agenturen wie das Institut für Industriesprachen und Unternehmenskultur in Hannover oder China Partner in Kronberg/Taunus sind auf ein oder wenige Länder spezialisiert.

Als besonders hilfreich bewerten Teilnehmer die Kurse, wenn sie sowohl von einem Deutschen als auch einem Angehörigen der fremden Kultur gehalten werden. Die ideale Vorbereitung dauert zwei bis fünf Tage und findet schon ein Vierteljahr vor der Abreise statt. Ein Kurs sollte aus maximal zehn bis zwölf Teilnehmern bestehen.

Noch nicht alle Arbeitgeber haben die Notwendigkeit von interkulturellem Training erkannt. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen investieren allenfalls in Sprachkurse. Größere Konzerne dagegen übernehmen die Kosten, animieren ihre Mitarbeiter zur Teilnahme und stellen sie für die Trainings frei.

So bietet die Volkswagen Coaching AG ihrer Belegschaft Seminare wie ?Interkulturell erfolgreich“ an, Siemens Qualifizierung und Training (SQT) schult die Mitarbeiter in ?Interkultureller Kompetenz – die Schlüsselkompetenz für den globalen Markt“.

In der Regel werden die Kursteilnehmer erst einmal für ihre eigene Kultur sensibilisiert. ?Deutsche und Schweizer sind oftmals ordnungsliebend und penibel, arbeiten strukturiert und sind auf die planmäßige, transparente Umsetzung eines Projektes bedacht“, erzählt Daniela Fehring von China Partner. ?Das kann sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche sein, nur ist es den meisten unserer Landsleute gar nicht bewusst, dass sie so gestrickt sind.“

Im Anschluss an die Selbstreflexion werden die Erkenntnisse auf die fremde Kultur übertragen. In Rollenspielen arbeiten die Teilnehmer die Besonderheiten einer Kultur heraus. ?Wer nach China kommt, muss sich bewusst sein, dass der Chef eine große Autorität hat. Dort wird einem als Vorgesetzten nicht widersprochen – auch wenn man den größten Blödsinn erzählt“, sagt Fehring.

Zu einem Basiskurs gehören Infos zur Begrüßung, zur Gesprächsführung und zur Etikette, aber auch zur Mitarbeiter- und Verhandlungsführung. Tiefergehende Seminare geben Einblicke in die Wirtschaftsstruktur oder die Rechtsprechung eines Landes.

Außerdem sollten interkulturelle Trainings auf die Situation des mitreisenden Partners eingehen. Während Kinder sich meist gut integrieren, fallen die Lebenspartner nach der Ankunft in ein tiefes Loch. Der Seminaranbieter sollte das Paar für diese Problematik sensibilisieren und Lösungsvorschläge machen. Ehrenamtliche Tätigkeiten sind eine Möglichkeit, sich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Trainer raten auch dazu, sich nicht in deutschen ?Ghettos“ niederzulassen, sondern Kontakt zu Einheimischen zu suchen. Nur so kann der Auslandsaufenthalt zu einer echten Bereicherung werden – für alle Beteiligten.

Internet:
www.ifim.de
www.china-partner.de
www.sqt.siemens.de
www.usaforum.de
Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2001