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Einzelkämpfer und Provokateur

Von Matthias Eberle, Handelsblatt
Alltours-Chef Willi Verhuven ist in der Krise erfolgreich und ärgert die großen Reisekonzerne. Im Gegensatz zu den Branchenführern Tui und Thomas Cook hat es der Mittelständler aus dem rheinischen Kleve mit knappen Mitteln sehr weit gebracht.
DUISBURG. Er startet 1974 von seinem Esszimmer aus und vermittelt Reisen zur Kykladeninsel Mykonos. Heute ist seine Alltours Flugreisen GmbH die Nummer vier im Land. Der Umsatz hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 2002/03 erstmals die Milliardengrenze übersprungen. Groß genug, um die Branchen-Riesen zumindest im Heimatmarkt zu ärgern. Und eigentlich längst zu groß, um in der Öffentlichkeit unterzutauchen.Verhuven aber schafft das seit fast 30 Jahren. Selbst erfahrene Touristikmanager zucken nur mit den Schultern. ?Ich habe höchsten Respekt vor seiner geschäftlichen Leistung, ohne ihn wirklich zu kennen. Er kommuniziert kaum und meidet die Branchentreffs?, sagt der Geschäftsführer eines Wettbewerbers. Für fast alle in der Branche ist Verhuven allgegenwärtig und trotzdem ein großer Unbekannter. Ein Einzelkämpfer ? unverheiratet, kinderlos ?, der permanent die Konkurrenz provoziert, weil er sie bei den Urlaubspreisen unterbietet. Als Firmengründer und Alleingesellschafter verspürt er nicht den Druck der Aktionäre ? anders als die Marktführer.

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Dass Alltours dennoch munter wächst und laut Verhuven ?im operativen Geschäft seit Jahren Geld verdient?, verfolgt die Branche mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis: Das Umsatzplus der Duisburger lag zuletzt bei 7,5 Prozent ? trotz Irak-Krieg, trotz Konsumflaute, trotz Branchenkrise. Damit schneidet Alltours weit besser ab als die Großen, die mit den Spätfolgen ihrer europaweiten Expansion kämpfen und von Wachstums- auf Schrumpfkurs gegangen sind.Verhuven, so ist es schwarz auf weiß im Archiv hinterlegt, hat die Malaise kommen sehen: ?Alle Mitbewerber aufkaufen, damit sie nicht mehr stören, ist kein sinnvoller kaufmännischer Gedanke?, argwöhnte er bereits im Boom-Jahr 2000. Während die Konzerne mit ihrem integrierten Geschäftsmodell die Reisewelt aus den Angeln heben wollten und Tui-Chef Michael Frenzel Milliarden allein für den britischen Reiseveranstalter Thomson Travel hinblätterte, verließ sich Verhuven mehr auf sein Bauchgefühl und auf die Rezepte der mittelständisch geprägten Touristik: hart in Verhandlungen mit Hoteliers und Airlines, schlank in der eigenen Verwaltung und deshalb gnädig gegenüber der Kundschaft.Für ihn gilt noch heute das, was ihm schon immer wichtig war: ?Allein der Verbraucher hat das Sagen.? Der Kunde könne im Moment nicht mehr Geld für Urlaub ausgeben ? ?nicht nach all den Steuererhöhungen, gestiegenen Lebenshaltungskosten und Börsenverlusten?.Die Konkurrenz findet das frustrierend. Dass sich die chronisch schwachen Margen der Touristiker auch in guten Jahren kaum nach oben bewegen ließen, warfen ihm Tui und Co. bis heute vor. ?Wir wurden angefeindet und niedergeschrieben?, blickt Verhuven zurück, lässt aber nach außen nicht eine Spur Bitterkeit aufkommen. Ehemalige Alltours-Mitarbeiter berichten indes, wie nachtragend der Firmenpatron sein kann. Wie zum Beweis nimmt er sich die Firmenpolitik der Großen vor, spricht von ?katastrophal falschen Weichenstellungen? und davon, dass die Aufräumarbeiten allen noch große Schmerzen bereiten werden: ?Da wurden erfolgreiche Firmenstrukturen zerschlagen, Mitarbeiter demotiviert. Von den hohen Schulden ganz abgesehen, deren Tilgung nicht in Sicht ist.?Verhuven ist unberechenbar, passt in keine Schublade: Er will nicht Diplomat sein und nicht Politiker. Und im Grunde hat er auch mit der Denke von Managern nicht viel am Hut. Auf die Frage, ob er sein Unternehmen nicht irgendwann an die Börse bringen will, sagt er: ?Was soll ich mit dem vielen Geld machen?? Um im Hotelbereich zu expandieren, sei genügend Kapital da.Die letzte größere Investition kam den eigenen Mitarbeitern zugute: 18,5 Millionen Euro steckte er in den Verwaltungsneubau direkt am Duisburger Innenhafen ? mit Palmen, Wasser sprudelnden Felsen und einem firmeneigenen Fitness-Studio im Erdgeschoss. Die Aufzüge sind gläsern, auf den Fluren läuft Popmusik: Radio Duisburg. Verhuven mag es gemütlich ? ein bisschen Wellness für alle. Er selbst trägt Hemd und Pullover, Krawatten sind ihm ein Gräuel. ?Mal Workaholic, mal Schöngeist?, so beschreibt ihn ein Branchenkollege, der ihn zu kennen glaubt. Ein einziger Widerspruch. Ein Gefühlsmensch, der die Massenkonzerte von Robbie Williams und Santana liebt, ?aber auch die klassische Musik?. Ein Reisesüchtiger, der mal einen Monat am Stück schuftet und sich dann Auszeiten gönnt, um für Wochen nach Skandinavien oder Sylt zu entfliehen.Damit ihm das Geschäft mit fast 1,4 Millionen Gästen nicht über den Kopf wächst, will er in 2004 zwei Geschäftsführer einstellen ? ?für ein bisschen mehr Freiheit?. Ob er dann loslassen kann von seinem Lebenswerk? Einige zweifeln. ?Ich will mich operativ weiter bewegen, ohne zu stören?, sagt er und liefert den nächsten Widerspruch. Was eigentlich will der Alltours-Chef? fragt sich die Branche. Sie wird es wohl nie erfahren. Nicht von Verhuven.Vita: Willi Verhuven1950 wird er in Kleve geboren.
1974 steigt der gelernte Maschinenkonstrukteur ins Touristikgeschäft ein. Gemeinsam mit seiner Schwester gründet er Alltours ? zunächst als Veranstalter von Reisen auf die Kykladeninsel Mykonos.
1988 weitet Alltours sein Flugnetz auf alle großen deutschen Flughäfen aus. Die Zahl der Alltours-Urlauber steigt rasant.
1999 zählt Alltours erstmals über eine Million Gäste. Branchenriesen wie Tui und Thomas Cook haben inzwischen nahezu die komplette deutsche Reiseindustrie aufgekauft. Alltours ist der größte Mittelständler, der auf Solo-Kurs bleibt.
2001 investiert Verhuven kräftig in einen neuen Firmensitz in Duisburg. Während die Branche eine Krise beklagt, wächst Alltours weiter.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.11.2003