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Einmal Sterne und zurück

Von Josef Hofmann
Wolfgang Bernhard wurde seine Kompromisslosigkeit zum Verhängnis. Der bisherige Zögling von Vorstandschef Jürgen Schrempp wird nicht mehr lange im Konzern bleiben.
HB FRANKFURT. Der Aufsichtsrat hat?s gegeben, der Aufsichtsrat hat?s genommen: Erst im Februar hatte das Gremium den bisherigen Chrysler-Vize zum designierten Nachfolger von Mercedes-Chef Jürgen Hubbert auserkoren. Zehn Wochen später gab man bekannt, dass er dieses Amt nicht antreten wird. Bernhard hat sich anscheinend im Geschwindigkeitsrausch gründlich verschätzt ? einmal Stern und zurück in zehn Wochen.Und nach dem Affront des Aufsichtsrats gegen ihn ist auch klar: Der bisherige Zögling von Vorstandschef Jürgen Schrempp wird nicht mehr lange im Konzern bleiben.

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Offiziell werden Meinungsverschiedenheiten zwischen Bernhard und Hubbert als Grund für die Demission genannt. Zwischen den beiden Managern soll es zu unüberbrückbaren Differenzen über die künftige Ausrichtung der Premiummarke gekommen sein.Mag sein. Doch die Front verlief laut Unternehmenskreisen anders: Zum Verhängnis wurde dem als Kostenkiller verschrienen bisherigen Chrysler-Vize Bernhard anscheinend seine Kompromisslosigkeit. Nach dem Motto: ?Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende? plädierte er dafür, kein weiteres Geld in den angeschlagenen Partner Mitsubishi Motors zu stecken. Sein Fehler: Er stellte sich damit offen gegen seinen Ziehvater Schrempp. Dem schien durch die Meinungsverschiedenheiten um Mitsubishi im Vorstand und Aufsichtsrat zwar die Luft auszugehen, doch Bernhard hat Schrempp unterschätzt. Denn der Konzernchef, obwohl sein Traum von der Welt-AG wankt, hat Steherqualitäten. Der 43-Jährige Sprinter hatte gegen den 59-Jährigen Ausdauermanager letztlich keine Chance.Der smarte Macher ist das Bauernopfer, das Schrempp vom Aufsichtsrat für die Meuterei gegen seine Mitsubishi-Pläne gefordert hat. Dass nun, nach der Schlacht, die Reihen wieder geschlossen werden, ist ein Zeichen für das Funktionieren des Systems Schrempp. Auch der stets zielstrebig und unerschrocken wirkende Bernhard wird der offiziellen Version nicht wiedersprechen. Denn Souveränität in allen Lebenslagen gehört zu seinen Pfunden, mit denen er in der nächsten Zeit wuchern muss.Bernhard, dem man zutraut, alles an die Frau oder den Mann bringen zu können, wird sich nämlich in den nächsten Monaten vor allem selbst verkaufen müssen. Beim Daimler- Chrysler-Konzern kann und wird er jedenfalls nicht bleiben.Sorgen muss sich niemand um den sportlichen, im Allgäu geborenen Weltmenschen machen. Es wird nicht lange dauern, und er wird bei einem der Konkurrenten in einer führenden Position auftauchen. Denn an seinen Managerqualitäten zweifelt kaum jemand. So gab es nach den Fortschritten bei der Chrysler-Sanierung jede Menge Lob aus der Finanzbranche. Als ?sehr fähig und aufgehenden Stern in der jungen Daimler-Chrysler-Führungsriege?, hatten Analysten der Commerzbank in London über die Ernennung von Bernhard als künftigen Mercedes-Chef jubiliert.Zuletzt war es dem Dynamiker sogar gelungen, die Zweifel der anspruchsvollen Arbeitnehmervertreter bei Mercedes zu beseitigen. Selbst von Gewerkschaftsseite wurden ihm unverhohlen Sympathien entgegengebracht. Diese scheint er zumindest bei den Belegschaftsvertretern im Aufsichtsrat verspielt zu haben: ?In der letzten Zeit sind Zweifel aufgetaucht, ob Bernhard zu einer konstruktiven Zusammenarbeit fähig ist?, kommentierte der stellvertretende Aufsichtsratschef und Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm gestern.Vielleicht erweist sich die Niederlage für den erfolgsverwöhnten Bernhard, der bereits als Nachfolger von Konzernchef Schrempp gehandelt wurde, im Nachhinein als Glück. Denn in seiner bisherigen Karriere, so zuletzt auch bei Chrysler, konnte Bernhard nur seine Qualitäten als konsequenter Sanierer beweisen ? bei Mercedes wären jedoch andere Qualitäten gefragt gewesen: Die Marke ist alles andere als ein Sanierungsfall.Auch gegenüber den Beschäftigten ist in Stuttgart eher eine ruhige Hand gefragt. Dabei hätte Bernhard sein unbändiger Vorwärtsdrang nicht gerade geholfen. Das Erreichte abzusichern, ist bei Mercedes genauso wichtig, wie neues Terrain zu erobern.Dass Bernhard der Branche treu bleibt, scheint gewiss: Er ist mit PS infiziert, in Amerika nennt man jemand wie ihn ?car-guy? ? einen Autoverrückten. Als er vor Anfang 2002 in Detroit im Easy-Rider-Look ein Dodge-Super-Motorrad präsentierte, leuchteten seine Augen ebenso wie auf der diesjährigen Motor-Show, als er in elegantem Schwarz mit einem Chrysler-Supersportwagen vorfuhr. Er pries die Rennmaschine gleich als ?neues Kapitel in der Sportwagengeschichte?.Das nächste Kapitel seiner eigenen Geschichte muss er nun bei einem Konkurrenten von Daimler- Chrysler schreiben. Vielleicht sind seine Möbel ja noch im Container. Und vielleicht muss er diesen Container nur wieder zurückschicken in den Großraum Detroit, wo neben Chrysler bekanntlich auch General Motors und Ford logieren ? zwei Unternehmen mit hohem Bedarf an frischem Wind.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.04.2004