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Einmal Newbury und zurück

Von Dirk Heilmann, Sandra Louven und Katharin Slodczyk
Beim Wandel des Vodafone-Konzerns vom reinen Mobilfunker zum Komplettanbieter spielte Thomas Geitner, der erste Deutsche im Vorstand des britischen Unternehmens, eine Schlüsselrolle. Jetzt gibt er seinen Vorstandsposten auf. Zu wenig Rückendeckung von Konzernchef Arun Sarin soll den Ausschlag dafür gegeben haben.
LONDON / DÜSSELDORF. Eigentlich ist es nur ein Symbol. Thomas Geitner zelebriert das Ereignis aber wie einen Staatsakt: Er schaltet einen neuen Schriftzug auf dem Dach eines 22-stöckigen Hochhauses am Düsseldorfer Rheinufer ein: Vodafone erstrahlt dort in kräftigem Rot. Einige Dutzend Gäste applaudieren, darunter Oberbürgermeister Joachim Erwin. Sie sprechen von einem historischen Tag. Eine Blaskapelle spielt Dixieland, Hostessen reichen Glühwein und Plätzchen.Geitner legt einen Schalter um und damit das Kapitel Mannesmann endgültig ad acta. Die Leuchtreklame des Traditionskonzerns mit dem stahlblauen Anfangsbuchstaben ist den Vodafone-Lettern gewichen, das Ende von Mannesmann besiegelt. Fast sechs Jahre ist das her. Geitner war damals Europa-Chef von Vodafone und der neue Herr im ehemaligen Mannesmann-Hochhaus.

Die besten Jobs von allen

Jetzt schließt er ein weiteres Kapitel: seine Zeit bei Vodafone. Frustriert gibt der Manager, der erste Deutsche im Vorstand des britischen Unternehmens, seinen Posten auf und setzt auch dieses Mal ein Zeichen ? dafür, dass es Vodafone offenbar nicht so ernst ist mit dem Plan, sich von einem reinen Mobilfunker zu einem Anbieter von Mobilfunk- und Festnetzdiensten zu wandeln.Erst im Frühjahr hatte Vodafone-Chef Arun Sarin dieses Ziel verkündet ? auf Druck von Finanzinvestoren ? und Geitner die neue Aufgabe übertragen. Der Deutsche habe aber wohl nicht den nötigen Rückhalt bekommen, um seine Pläne voranzutreiben, heißt es in Konzernkreisen. Geitner scheidet zum Jahresende aus.Vor wenigen Monaten quittierten bereits Technik-Chef Tim Miles und Europachef Bill Morrow ihren Dienst. Anfang des Jahres drängte Sarin Vodafone-Legende Chris Gent aus dem Amt des Ehrenpräsidenten und dessen alte Mitstreiter aus der Konzernspitze.Geitner sitzt seit sechs Jahren im Vodafone-Board. Der nüchterne Deutsche nimmt dort stets integrative Schlüsselrollen ein. Er steht im Mittelpunkt, aber selten im Rampenlicht ? so hat er es gerne. Er trägt entscheidend dazu bei, dass Vodafone zu einer weltweit bekannten Marke wird. Er erwirtschaftet in dem hastig zusammengekauften Vodafone-Weltreich schneller als geplant Synergien im zentralen Einkauf von Netztechnik und Mobiltelefonen. Auch für den erfolgreichen Start der mobilen Internetdienste ?Vodafone live? zeichnet er verantwortlich. Die einfache Bedienung der Geräte und das kluge Marketing bringen Vodafone europaweit die Spitzenposition in diesem Markt. Technisches Verständnis, Bodenständigkeit, aber auch Härte sind die Eigenschaften, mit denen Geitner sich in einem Konzern mit starken Länderchefs durchsetzt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Deutschland als Testlabor für einen neuen Vodafone-Konzern.Als Christopher Gent 2003 zur Überraschung vieler den weltgewandten Inder Arun Sarin zum Nachfolger wählt, wird Geitner Chief Technology Officer. Während Sarin unter dem Druck großer Aktionäre seine eigene strategische Linie sucht, trägt Geitner mit dem Effizienz-Programm ?One Vodafone? dazu bei, dass Vodafone seine internationale Reichweite besser in finanzielle Vorteile ummünzt.Obwohl ein Weltkonzern, herrsche bei Vodafone die Einstellung eines Start-up-Unternehmens, berichtete Geitner im Frühjahr in einem Interview mit der ?Wirtschafts-Woche?. Hierarchien seien nicht entscheidend, um etwas zu erreichen: ?Ich brauche keine Absicherung durch eine bestimmte formale Funktion.?Das ändert sich offenbar nach dem jüngsten Strategieschwenk, nachdem Sarin im Frühjahr ankündigt: Der Konzern wolle mit neuen Bündnissen und neuen Produkten auf das Zusammenwachsen von Internet, Festnetz- und Mobilfunktelefonie reagieren. Geitner soll diese Produkte entwickeln. Zu seinem Bereich gehört auch die deutsche Festnetz-Tochter Arcor. Lange Zeit eine geduldete Altlast, deren Verkauf nur eine Frage der Zeit schien, kommt ihr nun eine neue Bedeutung zu. Deutschland als Testlabor für einen neuen Vodafone-Konzern?Im kommenden halben Jahr strickt Geitner an der neuen Strategie. Der Konzern schließt erste Bündnisse mit Partnern im Festnetz. Anfang Oktober noch hält Geitner die Eröffnungsrede auf dem Innovationstag des Konzerns. Sein Thema ist Konvergenz, das Zusammenwachsen von Festnetz und Mobilfunk.Doch schon da muss er das Gefühl gehabt haben, dass er diesmal nicht genug bewegen kann. Die schnell hingehudelte Strategie und die neue Führungsstruktur hätten sich als nicht funktionsfähig erwiesen, heißt es in Firmenkreisen. Geitner habe Durchgriff auf strategische Entscheidungen in den Ländergesellschaften gefordert und sie nicht bekommen. Da habe er das Handtuch geworfen. Einen neuen Job habe er noch nicht.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Sarin will Vodafone erneut umstrukturieren.Jetzt will der seit Monaten unter Beschuss stehende Sarin den Konzern erneut umstrukturieren: Die Landesgesellschaften sollen nun Konvergenz-Produkte entwickeln. Die Folgen für das Deutschland-Geschäft: Die Festnetztochter Arcor wird erstmals an Vodafone-Deutschland-Chef Friedrich Joussen berichten. Eine gute Gelegenheit für den Manager, sich zu profilieren. Doch er wird auch darum kämpfen müssen, dass sich Geitners Abgang nicht zum Problem für Düsseldorf entwickelt. Schließlich hat der Deutsche gewährleistet, dass am Rhein Hunderte Mitarbeiter zentrale technische Aufgaben für den Konzern erledigen.
Thomas Geitner1955: Er wird am 14. März in Heidenheim geboren. Er macht an der TU München seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur und seinen MBA am Insead in Fontainebleau/Frankreich. Er beginnt seine Karriere bei Heideldruck.1992: Er wechselt als Vorstandsmitglied zur Leybold AG nach Hanau. 1996 wird er Vorstandschef der beiden RWE-Töchter Rheinelektra und Lahmeyer, die er fusioniert. Er wechselt in den Vorstand der RWE AG, wo er seit 1997 das Maschinenbau- und das Telekommunikationsgeschäft verantwortet. 1998 wird er zusätzlich Chef der Telekomgesellschaft Otelo.2000: Er wechselt in den internationalen Vorstand des britischen Mobilfunkkonzerns Vodafone. Dort ist Geitner für alle länderübergreifenden Projekte verantwortlich.2005: Er wechselt in die Vodafone-Konzernzentrale nach Newbury und ist für Technologie zuständig.2006: Seit April ist er für den Bereich ?Neue Geschäfte und Innovationen? verantwortlich, zu dem die Festnetztochter Arcor gehört.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.10.2006