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Einmal im Jahr gibt?s Anerkennung

Von Frank Siering, Handelsblatt
Secretary Day ? Amerikas Bosse ehren eine Woche lang ihre Assistenten. Eine Freundlichkeit, die auch schon mal Sprengstoff birgt.
LOS ANGELES. Viel zu tun heute, begrüßte Alfred Poll, Projektleiter bei Boeing in Los Angeles, seine Assistentin. ?Darauf sah die mich an, als hätte ich sie gerade gefeuert. Ich hatte ja keine Ahnung vom Secretary Day?, erinnert sich der Münchner. ?Erst zwei Tage später habe ich dann begriffen, dass ich den Tag total unterschätzt hatte. Ich führe meine Assistentin jetzt jedes Mal groß zum Mittagessen aus ? und sie darf das Restaurant auswählen.?In der dritten Aprilwoche feiern Amerikas Bosse traditionell ihre Sekretärinnen. ?Secretary Day? steht noch in den vorgedruckten Jahreskalendern. Nur heißen diese im Land der politischen Korrektheit natürlich längst Administrative Professionals.

Die besten Jobs von allen

Eine ganze Woche lang ? in der Staff Appreciation Week ? dürfen sich die Angestellten dann von ihren Chefs verwöhnen lassen: mit bezahlten Urlaubstagen, Schokopräsenten, Blumen, kitschigen Stoffbärchen aus dem Internet ? und vor allem mit wenig Arbeit. ?Die Anerkennung der Assistenten durch den Boss wird sehr ernst genommen?, erzählt Farzad Noori, Finanzbuchhalter aus Santa Monica. Der 34-Jährige will seiner Sekretärin dieses Jahr ein Frühstück am Strand spendieren.Und Anwalt Steve Schuman aus Los Angeles lädt die gesamte Belegschaft an diesem Tag zum Mittagessen ins edle Ivy-Restaurant in Beverly Hills ein. ?Ich komme mir dabei schon ein bisschen komisch vor, weil es natürlich nicht nur dieser eine Tag im Jahr ist, in der wir unsere Wertschätzung gegenüber den Angestellten zeigen sollten?, so Schuman selbstkritisch.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Geschenk-Richtlinien, damit nichts daneben gehtDie Administrative Professionals Week wird seit 1952 ? also immerhin schon 33 Jahren ? in den USA zelebriert. Angeblich war es Harry F. Klemfuss, führender Mitarbeiter der Werbeagentur Young and Rubicam, der sich die ?Professional Secretary Week?, wie sie zunächst hieß, einfallen ließ. Warum, ist heute nicht mehr klar.Die Association of Administrative Professionals (IAAP), weltgrößter Verband von Büro-Assistenten, glaubt, dass es das Begehren der Unternehmen war, dadurch möglichst viele Leute in diesen Beruf zu locken. Aber die Angestellten selbst vermuten, dass es ?das schlechte Gewissen der Bosse? war, das diese Feiertage erweckte. Schlechtes Gewissen? Maggie Hauth, die als Assistentin in der Anwaltskanzlei Weinstock & Manion in Los Angeles arbeitet, erklärt: ?Wir verdienen wesentlich weniger als die Partner in einer Kanzlei. Da darf ein Chef doch zumindest einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen kriegen, oder??Und damit beim Präsent nichts daneben geht, veröffentlicht die IAAP Geschenk-Richtlinien. Getreu dem Motto: Ein in Leder eingebundenes Tagebuch geht allemal in Ordnung. Aber ein Abend zur Entspannung in der Spa ihrer Wahl könnte schon ?ein bisschen zu weit gehen? ? und als mögliche ?sexuelle Nötigung? im Gerichtssaal enden.Ein Ex-Versicherungsagent eines großen Unternehmens aus New Jersey erinnert sich nur sehr ungern an den Tag, an dem er seiner Assistentin einen Seidenschal um den Hals legte und das Geschenk mit einem Kuss auf die Wange besiegelte.Das war der entscheidende Fehler. ?Eine Woche später rief mich unser Hausjurist an und erklärte mir, das gegen mich eine interne Untersuchung wegen sexueller Belästigung eingeleitet worden sei?, so der 38-Jährige. Drei Monate später verließ er die Firma.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.04.2005