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Einfach zu perfekt

Von Ruth Reichstein
Lange Zeit schien Cees van der Houven alles zu gelingen. Dann kam der Bilanzskandal. Jetzt droht dem Chef des niederländischen Handelskonzerns Ahold eine Strafe wegen Betrugs.
AMSTERDAM. Cees van der Houven sieht aus wie ein seriöser Geschäftsmann. Er trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd, eine lindgrüne Krawatte. Die runden Gläser seiner randlosen Brille lassen ihn noch harmloser erscheinen. Der 59-Jährige scheint nicht hierher zu gehören ? auf die Anklagebank eines Amsterdamer Gerichts. Und doch sitzt er dort, knetet seine Hände und schweigt.Aufmerksam hört er dem Staatsanwalt zu, der in einem mehrstündigen Plädoyer das zu beweisen versucht, was in den Niederlanden lange keiner glauben wollte: Cees van der Houven und drei weitere Ex-Manager des Supermarktkonzerns Ahold sind wegen Betrugs und Bilanzfälschung angeklagt.

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Mit dem Plädoyer des Staatsanwalts geht der Prozess in die Endphase. In den nächsten Wochen folgen die Ausführungen der Rechtsanwälte und eine der letzten Gelegenheiten für die Angeklagten, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Am 22. Mai will das Gericht sein Urteil verkünden. Es gilt in den Niederlanden als richtungsweisend für die Frage, ob Manager für ihr Handeln persönlich verantwortlich gemacht werden können oder nicht.Cees van der Houven stand von 1993 bis 2003 an der Spitze des niederländischen Unternehmens Ahold. In dieser Zeit lief lange alles bestens: Der Gewinn der Supermarktkette vervielfachte sich. Eine Übernahme folgte der nächsten. Insgesamt schob van der Houven mehr als 50 Ankäufe und Joint Ventures an.Das einstige Familienunternehmen wuchs mit rasender Geschwindigkeit in Amerika, China, Brasilien, aber auch in Polen und Spanien. Allein in der Zeit von 1996 bis 1999 verdoppelte sich der Umsatz, der ausgewiesene Gewinn verdreifachte sich. Cees van der Houven wurde als Held der ?Old Economy? gefeiert. Mehrmals wurde er in den Niederlanden, aber auch in den USA, zum ?Manager des Jahres? gewählt.Und in seiner Freizeit spielte er Golf und segelte. Mit seiner Frau ? der Ex-Moderatorin einer Schönheitssendung im niederländischen Fernsehen ? hat er drei Kinder.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Es war einfach alles perfekt an diesem Mann."Es war einfach alles perfekt an diesem Mann. Selbst Staatsanwalt Hendrik-Jan Biemond sagte am Dienstag, er hätte es ?kaum glauben können?, als er vor drei Jahren mit den Untersuchungen gegen den erfolgreichen Geschäftsmann begann.Und dann, Anfang des 21. Jahrhunderts, kam eine schlechte Nachricht nach der anderen. 2001 stellt die Ahold-Buchhaltung auf strengere US-Standards um. Der Gewinn fällt damit um 85 Prozent von 1,1 Milliarden auf 120 Millionen Euro. Zweimal muss Van der Houven 2002 Gewinnwarnungen herausgeben. Aber noch gibt er nicht auf. ?Ich bleibe, ob es ihnen gefällt oder nicht?, sagte er noch im November 2002.Einige legen ihm das als Größenwahn aus. ?Van der Houven fühlt sich größer, als er im realen Leben ist. Er wollte unbedingt ein Global Player sein?, kommentiert ein Analyst den Prozess.Und genau das wird ihm schließlich zum Verhängnis. Am 23. Februar 2003 muss das Unternehmen bekannt geben, dass seine amerikanische Tochterfirma US-Foodservice über Jahre hinweg fast eine Milliarde Dollar zu viel an Gewinn verbucht hat. Außerdem stellt sich heraus, dass die Gewinne einiger südamerikanischer Tochtergesellschaften vollständig in die Gesamtbilanz aufgenommen wurden, obwohl Ahold die Unternehmen nicht zu 100 Prozent besaß. Van der Houven und sein Finanzdirektor Michiel Meurs sollen dafür mehrere so genannte ?Side Letters? unterschrieben haben. Van der Houven behauptet, er könne sich daran nicht erinnern. ?Ich weiß nicht, wie viel Sie so unterschreiben. Aber ich habe bei Ahold manchmal hundert Schriftstücke am Tag unterschrieben?, sagte er dem Richter barsch während der Verhandlungen.Der Bilanzskandal hat 2003 einen dramatischen Kursverlust zur Folge. Die Ahold-Aktie fällt in dieser Zeit insgesamt von 30 auf einen Tiefstand von 2,02 Euro.Van der Houven muss gehen. Aber er hört nie auf, seine Unschuld zu beteuern. Davon ist er so überzeugt, dass er von Ahold sogar eine saftige Abfindung verlangt. Und nach der Anklage wegen Betrugs beantragt er, die Klage gegen ihn fallen zu lassen ? aus Mangel an Beweisen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Schlinge zieht sich enger.Aber er hat letztlich keinen Erfolg.Mit fast zweijähriger Verzögerung beginnt der Prozess Anfang März dieses Jahres ? wieder mit einer Unschuldserklärung van der Houvens: ?In meinem letzten Jahr als Ahold-Vorstandschef ist einiges schief gelaufen. Ich bin dafür verantwortlich. Aber ich habe immer nach Ehre und Gewissen gehandelt.?Seitdem schweigt er. Und die Schlinge zieht sich enger. Zeugenaussagen und die aufgetauchten Briefe an die Tochterfirmen belasten den Ex-Chef schwer. Doch der sitzt noch immer gelassen vor seinem Anwalt auf einem der blau bezogenen Stühle im Amsterdamer Gerichtssaal.Nur seine blonden Haare scheinen gelitten zu haben. Sie sind noch lichter und grauer geworden. Aber sonst lässt sich van der Houven nicht beirren. Er arbeitet wieder als Investmentberater bei der niederländischen Firma Boekhoorn. In den Verhandlungspausen trinkt er schnell einen Kaffee und telefoniert mit dem Büro. Sein Chef lobt ihn als ?Mann mit vielen Qualitäten?.Seit seinem Weggang rettete ein Bankenkonsortium den Ahold-Konzern mit einem Überbrückungskredit von 3,1 Milliarden Euro. Der Schwede Anders Moberg führte Ahold aus der Krise.Ende Mai soll das Amsterdamer Gericht sein Urteil verkünden. Prozessbeobachter rechnen mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung von einem Jahr für Cees van der Houven. Er kann nur hoffen, dass die Richter so milde gestimmt sind wie sein Nachfolger Anders Moberg. Der schlug als Strafe vor: zwei Wochen im Supermarkt arbeiten.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.04.2006