Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Einfach gut leben

Foto: Photocase
Jetzt schon mal was für die Rente beiseite legen - das ist einfacher als man denkt und tut viel weniger weh als befürchtet. Und es lohnt sich richtig. Später. karriere stellt Mittel und Wege der Altersvorsorge vor.
Warum ist am Ende des Geldes bloß immer noch so viel Monat übrig? Den Spruch hatte wohl jeder Teenie in den 80ern und 90ern irgendwann mal auf seinem Ledermäppchen oder dem ausgefransten Collegeblock stehen und konnte ein Lied davon singen, wie es ist, ab dem 20. eines Monats total pleite zu sein.
Damals rechnete wohl keiner damit, dass ihn diese Blödelfrage für den Rest seines Lebens begleitet. Und doch ist es so. Denn sie erfasst ziemlich genau das Kernproblem unserer künftigen Rentensituation: Was ist, wenn am Ende des Geldes noch so viel Leben übrig ist? Und bei uns - eigentlich schön - bleibt immer mehr Leben übrig: Im Schnitt werden schon heute Männer 86, Frauen 91 Jahre alt. Tendenz steigend. Jeder neue Geburtsjahrgang wird noch ein bisschen älter. Locker 20, 30 Jahre muss unser Geld also noch reichen, selbst wenn wir erst mit 67 in Rente gehen.

Am Anfang steht das Chaos
Obwohl Bundesfinanzminister Peer Steinbrück immer noch von der Bild-Zeitung die Hucke voll kriegt, wenn er ein bisschen Konsumverzicht zugunsten der Altersvorsorge fordert, ist die Erkenntnis, dass gutes Leben im Alter mit der gesetzlichen Rente allein nicht mehr zu stemmen ist, inzwischen bei den meisten Leuten angekommen. Mehr als zwei Drittel der Unter-30-Jährigen wollen ihre Altersvorsorge aufstocken, besagt eine aktuelle Studie von Postbank und Allensbacher Institut. Der Geist also ist willig, bleibt noch das schwache Fleisch.

Die besten Jobs von allen


"Die Leute wissen nicht recht, wie sie das Thema koordiniert angehen sollen", stellt Mark Ortmann fest, zertifizierter Finanzplaner und Gründer des neuen Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA). "Immer wenn sie sich sagen ?Ich müsste da mal was machen', springt ein Berater aus dem Gebüsch und wedelt mit dem perfekten Produkt." Und weil alle wedeln, steht der Anleger in dem Meer perfekter Produkte ein bisschen ratlos herum. Vor allem Berufsstarter sind sichtlich überfordert. Mehr als die Hälfte der Unter-30-Jährigen fühlt sich nicht ausreichend informiert und schiebt das Thema lieber einmal mehr auf die lange Bank, statt beherzt loszulegen. Zu komplex das Ganze, zu undurchsichtig. Wirklich? Nein.

Grundsätzlich lässt sich unsere spätere Rentenzahlung aus drei Vorsorge-Schichten speisen: Unter Schicht eins sind die gesetzliche Rente sowie die Basis- oder auch Rürup-Rente zusammengefasst. Schicht zwei beinhaltet alle Formen der betrieblichen Altersvorsorge und die Riester-Verträge, unter Schicht drei laufen alle Formen der privaten Vorsorge wie etwa Investmentfonds oder Rentenpolicen. Der Unterschied zwischen den einzelnen Schichten liegt in ihrer steuerlichen Behandlung: Beiträge für Produkte der Schichten eins und zwei werden heute ganz oder teilweise aus unversteuertem Bruttoeinkommen gezahlt, erst auf die späteren Renten werden dann Steuern fällig (mehr dazu siehe karriere 7/2006). Geld aus Produkten der privaten Altersvorsorge ist dagegen im Alter weitgehend steuerfrei, die Beiträge müssen aber aus dem Nettoeinkommen bestritten werden

Der Preis für die steuerliche Bevorzugung der Schichten eins und zwei: Rürup- und Riesterprodukte unterliegen allerlei Restriktionen und sind längst nicht so flexibel wie zum Beispiel ein herkömmlicher Fondssparplan in der privaten Altersvorsorge. Sie sind zwar bombensicher, werfen wegen der geforderten Kapitalgarantie aber weniger Rendite ab als wagemutigere Produkte. Steuervorteile allein sollten deshalb nie ausschlaggebend für oder gegen ein Produkt sein, eher das Zünglein an der Waage. Denn Steuerbonbons sind, wie schon oft erlebt, von Finanzministern schneller wieder einkassiert, als Wahlen vor der Tür stehen

Vieles ergibt sich von selbst
Eine geschickte Mischung aus allen drei Schichten erhält ein Anleger, indem er sich sein Leben, seine Pläne und seine Bedürfnisse vor Augen führt. Tom Friess, Finanzplaner und Geschäftsführer des Münchener VZ Vermögenszentrums, empfiehlt, die einzelnen Vorsorgemöglichkeiten auf ihre individuelle Tauglichkeit abzuklopfen: Bin ich ein Freund von flexiblen Lösungen, werde ich eher bei der privaten Altersvorsorge fündig. Was wird an betrieblicher Altersvorsorge (BAV) angeboten? Was bedeutet das jeweils für mich? So wirft eine BAV durch die Förderung zurzeit noch eine gute Rendite ab, ist aber nur leidlich flexibel beim Übertrag auf einen neuen Arbeitgeber. Will ich die Rente im Ausland genießen, ist Riester keine gute Wahl, für alle anderen ist sie dagegen attraktiv, aber nur mit kleinen Summen besparbar, so dass auf jeden Fall noch ein weiteres Standbein her muss

"Oft geben die persönlichen Rahmenbedingungen den Fahrplan schon vor", ist Friess' Erfahrung. Wer zum Beispiel in einigen Jahren ein Haus bauen will, hat gar keine Luft für größere Sprünge. Da kann das Alterssparen zunächst mal nur klein und flexibel ausfallen und wird erst hochgeschraubt, wenn das Haus finanziell nicht mehr so belastet.
"Die ultimativ richtige oder falsche Lösung gibt es ohnehin nicht. Deshalb sollten Sie Ihre Altersvorsorge nicht unnötig verkomplizieren. Suchen Sie sich eine praktikable Lösung, die Ihnen auch noch den Spaß lässt", rät der Finanzplaner. "Das Motto lautet: Nichts überstürzt abschließen, sich aber nicht zu Tode grübeln oder die Lebensfreude wegsparen.

Nur das, was geht
Ebenso wie sich die Lieblingsproduktpalette oft von selbst ergibt, diktiert das Leben auch die monatlichen Beiträge, die für die Altersvorsorge übrig sind. Im Idealfall legt man natürlich gleich so viel zurück, dass die Lücke zwischen gesetzlicher Rente und dem Bedarf im Alter gestopft ist.
Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge muss zum Beispiel ein Mann, Jahrgang 70, mit einem Jahresbrutto von 61.000 Euro fast 3.000 Euro pro Jahr privat beiseite legen, um sich das jetzige Rentenniveau zu sichern. Ein 1980 Geborener bräuchte 1.800 Euro pro Jahr, um diese Lücke zu schließen, Frauen noch mehr, weil sie älter werden und das Geld länger reichen muss

Für solche Investitionen langt es bei vielen Berufseinsteigern noch nicht. Statt "Wie viel müsste ich?" liegt ihnen - nach einem kritischen Blick auf den Kontoauszug - die Frage "Wie viel kann ich überhaupt?" sehr viel näher. Finanzplaner Friess empfiehlt seinen Klienten eine Vier-Topf-Strategie, um alle Risiken abzusichern: "Für den Fall, dass Sie komplett ohne Geld dastehen, wenn der Job mal weg sein sollte, spart man zuerst eine gewisse Liquiditätsreserve an. Zweitens besteht die Gefahr von Berufsunfähigkeit und drittens, dass Ihre Kinder unversorgt sind, wenn Sie mal sterben." Für all diese Risiken bieten sich Versicherungslösungen an. Sind die Töpfe eins bis drei gefüllt, knöpft man sich das eigentlich schönste Risiko vor: das der Langlebigkeit. "Die Hälfte von dem, was Sie noch übrig haben, stecken Sie in die Altersvorsorge. Der Rest ist fürs Leben da. Denn wer sich heute alles verkneift und nur an später denkt, hat bald keinen Spaß mehr am Sparen.

Am Anfang werden noch keine exorbitanten Rücklagen dabei rauskommen, aber wer zum Beispiel die Hälfte jeder Gehaltserhöhung zum Aufstocken der Rate nutzt, baut sukzessive ein kleines Vermögen fürs Alter auf - und tut auch schon mal was gegen die Inflation, die über all die Jahre hinweg kräftig am Ersparten zehrt. So summiert sich ein 100-Euro-pro-Monat-Sparplan innerhalb von 30 Jahren zwar zu stattlichen 95.000 Euro, ist bei zwei Prozent Inflation pro Jahr aber real noch nicht mal mehr 70.000 Euro wert. "Ab 45, 50 können Sparer dann mal schauen, was ihnen noch zur Deckung der Rentenlücke fehlt. Dann ist auch der Bedarf im Alter besser abschätzbar und die finanziellen Mittel in der Regel größer, weil die Kinder aus dem Haus sind, und das Eigenheim langsam abbezahlt", weiß Tom Friess aus seiner Beratungspraxis.

Mix dir den Rentenpott
Steht die mögliche Sparrate erst mal fest, fehlt nur noch das passende Vehikel, das einen zum Wunschziel "Mordsrente" bringt. Natürlich könnte man auch 30 Jahre lang auf ein Zwei-Prozent-Sparbuch einzahlen und bliebe damit wunderbar flexibel und risikoarm. Den für die "Mordsrente" dringend benötigten Zinseszinseffekt müsste man allerdings mit der Lupe suchen.
Den kriegt der Sparer nur mit einer gesunden Mischung aus Rendite, Risiko und Flexibilität. Wer zu vorsichtig anlegt, braucht riesige Summen, um am Ende das gleiche Kapital herauszubekommen wie ein risikofreudiger Sparer. Allzu viel Wagemut kann sich aber auch rächen. Nicht wenige Anleger haben in den letzten Jahren bei hochspekulativen Aktien- oder Anleihendeals nur noch auf die Rendite gestarrt. Wäre das Geschäft gut gegangen, wären sie jetzt wohl die Helden im mallorquinischen Rentner-Urlaubsdomizil. So aber fällt die Rente nun doch ein bisschen kleiner aus als geplant

Wie riskant oder beweglich Anlagen sein sollten, hängt nicht zuletzt von der eigenen Persönlichkeit ab. Berater Tom Friess ist beispielsweise ein Anhänger großer Flexibilität und würde Fondssparplänen den Vorzug vor privaten Rentenpolicen geben. Die Disziplin, das schnell verfügbare Kapital nicht vorzeitig für einen anderen Zweck zu verknuspern, hat allerdings nicht jeder, stellt Kollege Mark Ortmann vom ITA fest. "Rentenversicherungen sind zugegebenermaßen unflexibler, werden aber viel stärker als Altersvorsorge wahrgenommen. Da geht man nicht so schnell ran wie an einen Investmentfonds." Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der cleveren Kombi von Produkten: Riskantere Teile erwirtschaften die nötige Rendite, andere bewahren vor Totalverlust. Mit wachsendem Einkommen lässt sich die Palette dann ausbauen. Gerade die Schicht drei, die private Altersvorsorge, bietet eine ganze Reihe von Produktarten, mit denen sich die eigenen Wünsche perfekt nachbauen lassen: Fonds jeglicher Couleur, Zertifikate, klassische oder Fonds-Rentenpolicen für konservative bis offensive Anleger (mehr dazu auf den folgenden Seiten)

Beliebt ist nicht gleich gut
Die gefragteste Form der privaten Vorsorge sind nach einer Allensbach-Studie nach wie vor die eigenen vier Wände: Für zwei Drittel aller Befragten ist das Eigenheim die ideale Form der Altersvorsorge. Erst mit weitem Abstand folgen Sparbriefe, festverzinsliche Wertpapiere und Aktien. Doch obwohl die eigene Immobilie bei vielen - Bausparkassenwerbung sei Dank - als der Renner für die Rente gilt, ist sie in der Praxis ein problematischer Kandidat. "Sie bindet ungeheuer viel Kapital", stellt VZ-Berater Friess fest. "Und der vermeintliche Vorteil ?mietfrei im Alter' geht nie auf. Die Instandhaltung frisst viel Geld. Ein eigenes Haus verbessert die Lebensqualität, aber nicht die Vorsorge - oder zumindest nur marginal."

Fakt ist allerdings, dass Häuslebesitzer diszipliniertere Sparer sind und mehr auf die Seite schaffen als Mietwohner. Wer sich dann noch mit dem Gedanken anfreunden kann, seine Hütte im Alter wieder zu verkaufen, hat letztlich doch was fürs Alter getan. Auch ein weiteres Lieblingskind der Deutschen, die Kapitallebensversicherung, hat ihren Reiz für die private Altersvorsorge verloren. Die Steuervorteile gestrichen, die Verzinsung im Keller - für junge Leute gibt es keinen triftigen Grund mehr, so etwas für die Rente zu besparen - außer sie erliegen den Überredungskünsten so mancher Versicherungsvertreter.?

Ulrike Heitze
Dieser Artikel ist erschienen am 27.11.2006