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Einer für die Handtasche

Von Joachim Hofer und Tanja Kewes
Der ehemalige Louis-Vuitton-Manager Jean-Marc Loubier löst Frank Rheinboldt an der Spitze der Luxusmarke für Damenmode ab. Die Strategie seines Vorgängers stand lange in der Kritik. Er soll sich jetzt das einträgliche Geschäft mit Accessoires wie Handtaschen und Portemonnaies voran bringen.
Frank Rheinboldt hat ein ungewöhnliches Hobby: Er sammelt seit über dreißig Jahren Plakate. Foto: dpa
Rustam Aksenenko hat sich durchgesetzt: Auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung hat der russische Investor gestern Escada-Vorstandschef Frank Rheinboldt zu Fall gebracht. Der 40-Jährige wird ersetzt durch Aksenenkos Vertrauten Jean-Marc Loubier, einen erfahrenen Mann, der lange für den französischen Luxusgüterkonzern LVMH gearbeitet hat. In einer Mitteilung begründete Escada den Wechsel mit unterschiedlichen Auffassungen über die künftige Ausrichtung der Damenmodemarke.In den vergangenen Monaten haben Reinboldt und Aksenenko erbittert miteinander gerungen. Die Auseinandersetzung gipfelte in einem Eklat auf der Hauptversammlung vor zwei Wochen. Dort stimmten Aksenenko und andere wichtige Aktionäre der Entlastung des Vorstands nicht zu und enthielten sich der Stimme. Aksenenko kontrolliert etwa ein Viertel der Stimmen und ist der größte Anteilseigner.

Die besten Jobs von allen

Sein Vorwurf: Trotz der wiederholten Ankündigung, Escada zur weltweit führenden Marke für Damenmode machen zu wollen, zum deutschen Chanel, komme der Konzern mit seinen mageren Zuwachsraten nicht voran. Der Russe kritisiert vor allem, Escada vernachlässige das lukrative Geschäft mit Accessoires.Dies soll Lubier jetzt ändern. Der 51-Jährige sitzt bereits seit vergangenem November im Aufsichtsrat, ist mit dem Münchener Unternehmen also bereits vertraut. Noch viel wichtiger: Der Unternehmensberater kennt die Spielregeln der Luxusbranche in- und auswendig. Von 1990 bis ins Jahr 2001 war der Franzose einer der führenden Köpfe hinter der Pariser Edelmarke Louis Vuitton. Dann übernahm er die Führung bei Celine, einem kleinen Luxuslabel des LVMH-Konzerns. Dort versuchte er, was ihm nun bei Escada gelingen soll: Dass einträgliche Geschäft mit Accessoires wie Handtaschen und Portemonnaies voran zu bringen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Markentaschen an Stars und Sternchen verschickenMit einer nicht ganz neuen Idee soll Lubier bei Celine die Wende eingeleitet haben. Er verschickte einige der teuren Markentaschen an Stars und Sternchen. Das brachte zwar kein Geld in die Kasse, sorgte aber für weltweite Aufmerksamkeit. Denn auf einmal ließen sich Popstar Madonna sowie die Schauspielerinnen Gwyneth Paltrow und Sarah Jessica Parker mit den kleinen Begleitern fotografieren.Die zahlenden Kunden lockte der Marketing-Spezialist mit einem Trick: Zunächst gab es nur Ledertaschen für mehr als 1 000 Dollar in den Läden. Später kam auch eine Version aus Jeans-Stoff für die Hälfte des Preises in die Geschäfte. Diese Variante wirkte wie ein Schnäppchen.Der geschasste Rheinboldt hatte erst im Februar vergangenen Jahres Unternehmensgründer Wolfgang Ley als Escada-Chef abgelöst. Zuvor leitete er die Tochter Primera. Insgesamt war er 16 Jahren bei Escada.Im Umfeld des Unternehmens gibt es allerdings Zweifel, ob Loubier, der nur gebrochen Deutsch spricht, die richtige Wahl ist. Denn Escada gilt trotz der globalen Ausrichtung als Firma, die von ihren deutschen Gründern stark geprägt wurde. Der Markenname geht etwa auf ein Rennpferd zurück. Beobachter fragen sich, ob es Loubier gelingen wird, in der Zentrale am östlichen Stadtrand Münchens Fuß zu fassen. Allerdings stehen offenbar auch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hinter ihm, denn er wurde einstimmig gewählt.Loubier hat sich in den vergangenen Wochen offenbar bereits gut auf seinen neuen Job vorbereitet. Gleich nach seiner Wahl kündigte er an, was sich jetzt alles ändern wird. So werde sich Escada künftig auf seine Kernmärkte konzentrieren. Ob damit der Verkauf von Töchtern wie Primera gemeint ist, ließ er offen. Darüber hinaus will er den Vertrieb neu organisieren und das Geschäft mit Lederwaren ausbauen.Angesichts der hohen Erwartungen von Großaktionär Aksenenko wird Loubier in den nächsten Monaten wohl wenig Zeit haben für sein ungewöhnliches Hobby: Er sammelt seit über 30 Jahren Plakate. Vor allem Werbung und politische Propaganda haben es ihm angetan.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.05.2007