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Einer, der es noch einmal wissen will

Von Markus Hennes, Handelsblatt
Am Ende seiner beruflichen Laufbahn will es der 55-Jährige Thomas Ludwig noch einmal wissen. Er hat beim Duisburger Stahlhändler Klöco einen Feuerwehrjob übernommen.
HB DUISBURG. Ludwig wird noch eine Weile brauchen, bis er den Durchblick hat im neuen Amt. Es ist erst wenige Wochen her, dass er den seit mehr als einem Jahr vakanten Chefposten bei dem traditionsreichen Werkstoffhändler übernommen hat. Sein Büro im obersten elften Stock wirkt noch etwas karg, wie frisch bezogen eben.Am Ende seiner beruflichen Laufbahn will es der 55-Jährige noch einmal wissen. Ludwig hatte die Wahl zwischen einem vergleichsweise sicheren Managerstuhl bei Thyssen-Krupp und dem Feuerwehrjob bei Klöco. Der schlanke, etwa einen Meter achtzig große Mann hat auf Risiko gesetzt.

Die besten Jobs von allen

Ludwig sagt selbst, dass ?die größere Gelassenheit, die das Alter mit sich bringt?, für die neue Aufgabe ?sicher kein Nachteil ist?. Zweimal innerhalb von zwei Jahren hat Klöco einen neuen Eigentümer bekommen, der zwischenzeitliche Besitzer Balli hat das Unternehmen um 120 Millionen Euro betrogen, und die Geschäfte im wichtigen Markt Deutschland laufen schlecht.Ludwig muss nun eine Antwort finden, wie sich der mit vier Milliarden Euro Umsatz größte, herstellerunabhängige Stahlhändler in Europa neu positionieren will: Die Stahlhersteller haben sich inzwischen zu wenigen Riesen zusammengeschlossen. Auf der Seite der mittelständisch geprägten Händler gibt es hingegen enorme Überkapazitäten. Doch Ludwig will nichts überstürzen. ?Ich muss erst einmal ein Gefühl für die Organisation bekommen?, sagt er.Die Organisation stand für einen Moment Kopf, als er im August in sein neues Amt berufen wurde. Klöco-Vorstand Scott MacDonald, der gemeinsam mit Derrick Noe für mehr als ein Jahr eine gleichberechtigte Doppelspitze gebildet hatte, verließ enttäuscht das Unternehmen. Immerhin hatte das Duo den Stahlhändler erfolgreich durch die Balli-Krise und damit das Unternehmen durch seine bislang schwierigste Zeit gesteuert. Und immerhin sorgten die beiden dafür, dass Klöco nach einem satten Verlust in dreistelliger Millionenhöhe (2001) in diesem Jahr operativ wieder einen Gewinn erzielt.Doch die Düsseldorfer WestLB, die seit kurzem 94,5 Prozent der Anteile hält, ?wollte wieder einen Vorstandsvorsitzenden bei Klöckner & Co. haben?, sagt Ludwig lapidar. Dass Scott MacDonald vor diesem Hintergrund die Chance genutzt habe, sich beruflich neu zu orientieren, könne er verstehen. Ludwig lässt keinen Zweifel daran, dass er das Sagen hat: ?Ich glaube, es ist meine Aufgabe, das Unternehmen nach innen und außen sichtbar zu führen.?Als im Sommer ein Headhunter bei ihm anklopfte, musste er nicht lange überlegen. Er wusste, dass er bei Thyssen-Krupp als Folge einer internen Fusion zwar einen Platz im Vorstand behalten, seinen Chefposten aber bald verlieren würde. ?Ich wäre nicht überall hingegangen, nur um die Nummer eins zu sein?, betont Ludwig. Außerdem habe er eine ?gewisse emotionale Bindung an dieses Haus?. Von 1991 bis 1995 war er schon einmal im Klöco-Vorstand, damals allerdings noch als einfaches Mitglied. In der Branche heißt es, Klöco habe allerlei Probleme. Der Stahlhandel gilt als kapitalintensives, aber margenschwaches Geschäft. Von daher sei es Ludwig zu wünschen, dass die WestLB ihm genügend Zeit lasse, den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern, ist zu hören.Eines steht aber bereits jetzt fest: Lieber früher als später will die Bank ihre Klöco-Aktien wieder verkaufen. Ob über die Börse, an einen industriellen Partner oder einen Finanzinvestor, hält Ludwig eher für zweitrangig. Man müsse die Eigentümerfrage perspektivisch sehen, sagt er.Günstige Perspektiven für Klöco sieht Ludwig in neuen Partnerschaften mit den Stahlkonzernen in Europa. Großabnehmer wie die Automobilbauer belieferten die Stahlhersteller zwar direkt. Um aber auch die vielen kleineren Kunden in der Fläche bedienen zu können, bräuchten die Produzenten kompetente Distributionspartner. ?Mit sechs Millionen Tonnen Stahl im Jahr sind wir ein wichtiger Absatzkanal für die Hersteller?, sagt Ludwig selbstbewusst.Bei seinem früheren Arbeitgeber hält man große Stücke auf ihn. ?Ich traue ihm zu, dass er bei Klöco einen guten Job macht?, sagt der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats von Thyssen-Krupp, Thomas Schlenz. Als Ludwig vor acht Jahren ins Unternehmen kam, habe er sich schnell in die neue Materie eingearbeitet. Heute hält Schlenz ihn für einen ?Experten auf dem Gebiet industrieller Dienstleistungen?. Auch menschlich habe er hinzugewonnen, er wirke nicht mehr so ?cool? wie zum Start bei Thyssen-Krupp.Schlenz hält Ludwig für einen ?klassischen Sanierertyp?. Aber in den schwierigen Verhandlungen über neue Dienstleistungstarifverträge sei er ?der ruhende Pol? gewesen. Dank seines Fingerspitzengefühls habe man schließlich Lösungen gefunden, mit denen auch die Arbeitnehmer gut leben können.Die Kraft für solche Verhandlungen sammelt der verheiratete Vater dreier erwachsener Kinder ? die jüngste Tochter ist gerade aus dem Haus ? bei der abendlichen Buchlektüre und bei klassischer Musik, vor allem von Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart. Außerdem gehört er zu der Schar derer, die das Düsseldorfer Rheinufer als Joggingstrecke nutzen. ?Das macht den Kopf frei?, findet Ludwig.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.12.2003