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Eine Wurst bleibt eine Wurst

Das schlimmste Chef-Comeback des Jahres: Bernd Stromberg wird bei der Capitol-Versicherung rehabilitiert und läuft in der dritten Staffel der Kultserie zu neuer Hochform auf. karriere sprach mit Stromberg-Darsteller Christoph Maria Herbst über seine Erfolgsrolle, Komik, Tragik und den Staat im Staat Büro.


Guten Tag, Herr Herbst. Was würde Bernd Stromberg jetzt wohl sagen?

Da bin ich Gott sei Dank mit einer unglaublichen Fantasielosigkeit geschlagen. Ich kann mühelos in den sprachlichen und körperlichen Gestus von Stromberg verfallen, aber da hätten wir die Inhalte noch nicht. Die Drehbücher wirken zwar im günstigsten Falle wie improvisiert oder täuschend echt. Aber sie sind von uns wie Lateinvokabeln auswendig gelernt. Stromberg ist keine Standup-Figur, die ich so aus dem Ärmel schüttele

Wie würden Sie denn Strombergs Rhetorik beschreiben?

Man kann Stromberg beim allmählichen Verfertigen des Gedankens beim Reden zugucken - nur dass der Gedanke häufig fehlt. Radebrechend gakelt er drauflos, bricht gerne auch mal Sätze ab..

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Das sind dann die peinlichen Momente...

Diese peinlichen Momente, die dadurch entstehen, dass Stromberg sich plötzlich der Kamera bewusst wird und merkt: Das kann ich jetzt unmöglich sagen! Häufig genug hat er den Mechanismus ja auch nicht und redet in bester Stammtischlaune weiter. Seine vielen "Ähs" und "Öhs", das ist dem Volk aufs Maul geschaut. Und dieses "Mmmh?!" am Ende eines Satzes, das immer eine Bestätigung einklagt: Ist das nicht applauswürdig, was ich hier gerade tue? Das entspringt einem sehr kleinen Selbstbewusstsein

Hatten Sie mal einen Stromberg-Chef?

Ja, viele, viele. Ich habe in den 80er Jahren eine Banklehre gemacht, und es kommt nicht von ungefähr, dass die Serie Stromberg auch im Dienstleistungsgewerbe spielt. In der Bank liefen einige Strombergs herum, bis hin zur äußeren Erscheinung. Diese Halbglatzen mit Kinderschänderbart. Nach dem Motto: Die Gesamtzahl des Haares muss stimmen und wenn es oben fehlt, muss ich es unten dazupacken. Das ist alles so wurstig und so jämmerlich. Verbunden mit der Großmannssucht, wie Stromberg sie auch hat, ist das eine hochexplosive Mischung

Also die Banklehre als Schauspielschule?

Auf jeden Fall. Das ist eigentlich die denkbar längste Vorbereitung auf eine Rolle. 1985 habe ich die Banklehre gemacht und 20 Jahre hatte ich sie im Rücken, um sie dann mit Stromberg wegzutherapieren. Wobei ich diese Zeit jetzt schlechter rede als sie war. Aber ich bin schon froh, diese Art von Soziallegastheniker und Dienstleistungskrüppel nur zu spielen, statt selbst realiter zu einem solchen zu mutieren

Ist Stromberg eine lustige, schreckliche oder tragische Figur?

Ich glaube, jeder sieht den anders. Das Tragikomische beim Stromberg besteht in dieser ungeheuren Diskrepanz zwischen Schein und Sein. Und es ist natürlich auch formatbedingt: diese wunderschönen Momente, wo die Figuren in Interview-Sequenzen zu dem imaginierten Reporter sprechen und fast philosophische Statements abgeben. Gerade Stromberg äußert da unglaubliche Gedanken. Wie er sich das Leben vorstellt, dass die Bürogemeinschaft für ihn Familie bedeutet. Das wird dann unterschnitten mit den Szenen, wo Stromberg sich gerade nicht der Kamera bewusst ist und eindeutig der Kontrapunkt zu dem gesetzt wird, was er gerade postuliert hat. Das ist wahnsinnig komisch - und tragisch.

Manchmal muss er einem ja Leid tun.

Total. Dass ihm alles wegbröselt, seine Frau sich von ihm trennt, er vor die Tür gesetzt wird, er da in irgendwelchen Folgen mit drei Koffern in seinem Büro lebt - das ist wirklich schlimm. In einer Szene, wo er sich unbeobachtet glaubt, fängt er sogar an zu weinen. In der dritten Staffel wanzt er sich dann auf ganz jämmerliche Weise ans weibliche Personal ran. Weil er eben dieser Fleisch gewordene Schrei nach Liebe ist und einfach nur gemocht werden möchte. Und da wieder alles falsch macht. Von denen gibt es so viele

Warum ist das Büro so eine gute Schaubühne?

Es ist einfach der Staat im Staat, mit einer klaren Hierarchie. Es ist schön, von außen zu beobachten, wie Leute da mehr scheinen wollen als sie sind, Kompetenzen überschreiten, sich in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. Wir haben mal den Begriff des "Fremdschämens" geprägt. Dass man als Zuschauer in den besten Momenten denkt: Ich halte das nicht mehr aus, ich muss den Fernseher ausmachen.

Leiden wir alle unter Strombergs? Oder sind wir alle ein bisschen Stromberg?

Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Wir leiden an dem Stromberg in uns selbst. Nicht nur an dem Stromberg, den wir vielleicht in unserem Chef zu entdecken meinen. Ich glaube, jeder sollte erst mal den Bernd in sich suchen. Ich entwickle jedes Mal eine große Empathie, wenn ich Stromberg spiele. Auch wenn ich nach Monaten eine DVD noch mal reinschiebe, ertappe ich mich dabei, wie ich Stromberg zwischendurch in den Arm nehmen will: Mensch, nun lass es doch, du hast es nicht nötig... Er ist mir also nicht in Gänze unsympathisch. Das mag ich an dem Format auch so: Dass es nicht so schwarz-weiß gezeichnet ist. Wir versuchen hier, Menschen zu zeigen, eingebunden in ein Genre, das sich Komödie nennen will. Das ist uns - in aller Bescheidenheit - ganz gut gelungen. Wer die Serie mag, mag sie ja richtig. Es gibt wirklich fanatische Fans unter den Fans

Aber es gibt auch Leute, die sagen: Das kann ich mir nicht angucken, das habe ich jeden Tag selbst im Büro.

Solche Reaktionen kenne ich auch. Da muss man den Leuten zumindest "zehn Punkte für Wahrnehmung" erteilen, dass sie das noch sehen. Tut mir natürlich für die Leute auch Leid - denn es ist schlimm, sich täglich in solchen Strukturen bewegen zu müssen. Andere gucken sich die Serie gerade an, um den eigenen Alltag wieder besser zu ertragen. Da gibt es die unterschiedlichsten Effekte

Können Führungskräfte von Stromberg lernen?

Ich möchte jedem, auch Managern - die auch nur Menschen sind -, die Möglichkeit zugestehen zu lernen. Das fängt mit einer Bewusstseinsänderung an. Bevor ich mir bestimmte Mechanismen im Kopf nicht klar mache, kann ich sie auch nicht im Alltag umsetzen. Dafür ist alles bestens geeignet, was wahrnehmbar, zum Angucken ist. Vielleicht eine lustige Stromberg-DVD. Wenn uns da der ein oder andere Impuls gelingen würde, würde ich sogar noch ein Sendungsbewusstsein als Schauspieler entwickeln. Das hatte ich bisher nicht - aber herzlich willkommen.

Findet man die Strombergs klassischerweise im mittleren Management?

Gute Frage. Ich glaube, den Stromberg gibt es in unterschiedlichen Darreichungsformen und -dosen auf jeder Managementebene. Der Stromberg hat natürlich einen großen Vorteil: Der ist ja ziemlich beredt und nicht saudoof. Das hat er mit Politikern gemein. Wenn man seine Sätze zurückspult, stellt man fest: Das macht nicht wirklich Sinn - aber das ist fantastisch verkauft. Wenn ich mir die politische Landschaft angucke, reicht das schon, um ministrabel zu sein. Da muss man gar nicht so profundes Wissen haben - dafür habe ich meine Referenten. Aber das Ganze bei Sabine Christiansen charmant zu verkaufen, ist viel wesentlicher in unserer Mediokratie

Also gar nicht so schlecht, der Stromberg?

Ja, wenn der jetzt noch volles Haar hätte..

Tragen Sie beim Dreh Glatzenperücke?

Nein, nein, das ist dann richtig rasiert. In der Drehzeit muss ich auch privat so rumlaufen, das sind immer harte zwei, drei Monate. Aber das dient ja der Wahrheitsfindung - mir gelingt diese Figur nur mit diesem Äußeren. Dieses Ei habe ich mir selbst gelegt, das war meine Idee

Fluch oder Segen, mit Stromberg identifiziert zu werden?

Beides. Ich habe dem Stromberg viel zu verdanken und muss jetzt gucken, was ich mit dem anstelle. Auf keinen Fall will ich, dass er zu Tode gemolken wird. Aber weil Stromberg nur eine - wenn auch eine mir sehr ans Herz gewachsene - Aufgabe ist von vielen, sehe ich momentan keine Gefahr, dass der mir um die Ohren fliegt. Ich darf es nur nicht so weit kommen lassen, dass der Schatten übermächtig wird. Hier und da sagen Leute auf der Straße: Guck mal, da geht Stromberg. Aber das fühlt sich alles noch gut an. Keiner glaubt, ich sei das wirklich

Wird Stromberg in der dritten Staffel befördert und findet eine tolle Frau?

Nein, so wird es nicht enden. Da fällt mir nur das Bild der Wurst ein: Die Wurst, die links genauso aussieht wie rechts. Auch in der dritten Staffel passieren wieder in unterschiedlichen Amplituden die unglaublichsten Dinge. Und am Ende ist es dann wieder so, wie am Anfang: ziemlich wurstig. Es bleibt beim Stochern und Dümpeln. Alles andere wäre zu herbeigeschrieben

Die Fragen stellte Liane Borghardt
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2007