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Eine Sklaventochter wird Millionärin

Von Helge Hesse
Aus tiefster Armut hatte sie sich zur ersten Millionärin der USA emporgearbeitet. Madame C. J. Walker wurde reich durch ihre Haarpflegeprodukte und kämpfte für die Sache der Farbigen.
In der wohl geordneten Idylle der Reichen und Superreichen, die sich im Städtchen Irvington-on-Hudson vor den Toren New Yorks niedergelassen hatten, kam im Sommer 1918 Unruhe auf: Nicht nur der Architekt der neuesten Villa im Viertel, Vertner Woodson Tandy, war ein Farbiger. Nein, auch sein Auftraggeber hatte schwarze Hautfarbe ? und war noch dazu eine Frau.Madame C. J. Walker hieß die selbstbewusste Millionärin, die in den Palast in der Nachbarschaft von Industriemagnaten wie Jay Gould und John Davison Rockefeller ziehen wollte. Sie war reich geworden mit Haarpflege- und Kosmetikprodukten. Aus tiefster Armut hatte sie sich zur ersten Millionärin der USA emporgearbeitet.

Die besten Jobs von allen

Das Haus baue sie nicht nur für sich selbst, sondern für alle Schwarzen, sagte sie damals. Sie sollten sehen, was sie mit harter Arbeit und Ausdauer erreichen können: ?Wenn ich etwas im Leben erreicht habe, dann nur, weil ich bereit war, hart zu arbeiten.? Musik wurde auf einem mit Gold überzogenen Piano gespielt; geweckt wurden Madame Walker und ihre zahlreichen Gäste von den Klängen einer 15 000 Dollar teuren Orgel.Solcher Luxus schien einst für sie unerreichbar. Als Sarah Breedlove erblickte sie 1867 in einer armseligen Hütte tief im Süden der USA das Licht der Welt ? als Tochter ehemaliger Sklaven, die auf den Baumwollfeldern Louisianas geschuftet hatten. Doch die Freiheit, in die sie nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs entlassen wurden, war für sie nicht der Beginn eines besseren Lebens. Im Gegenteil. Wie andere Ex-Sklaven mussten sie sich als abhängige Bauern verdingen. Harte Feldarbeit ruinierte ihre Gesundheit; ihr Lohn bestand aus einer erbärmlichen Unterkunft, ein paar Lebensmitteln und Gerätschaften.Statt zur Schule gehen zu können, musste Sarah ab ihrem fünften Lebensjahr auf den Baumwollfeldern arbeiten. Als sie sieben Jahre alt war, erlagen ihre Eltern dem Gelbfieber. Sarah und ihre ältere Schwester schlugen sich als Dienstmädchen durch. Mit 14 Jahren heiratete Sarah ? ?um ein Zuhause zu haben?, wie sie selbst sagte. Vier Jahre später kam ihre Tochter A?Lelia zur Welt. Als Sarah 20 war, starb ihr Mann bei einem Unfall. Um sich und A?Lelia zu ernähren, arbeitete sie als Wäscherin ? mehr als 18 Jahre lang.Die Wende kam durch eine Krise: Eines Tages begannen Sarah die Haare an den Schläfen auszufallen. Sie experimentierte mit verschiedenen Mitteln und Tinkturen ? bis sie eine Mixtur fand, von der sie überzeugt war, dass sie half.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Heißer Kamm" sorgt für Durchbruch In jenen Jahren arbeitete Sarah zeitweise für die schwarze Unternehmerin Annie Turnbo Malone als Verkäuferin von deren Haarpflegeserie. Von ihr hatte sich Sarah einiges abgeschaut, als sie 1905 mit ihrer Tochter und weniger als zwei Dollar Ersparnissen nach Denver ging und dort eine Verkaufsorganisation gründete. Afroamerikanische Verkaufsagentinnen sollten Sarahs eigene Haarpflegeserie an der Haustür anbieten. Um den Verkauf zu fördern, erzählte sie werbewirksam, ein großer schwarzer Mann sei ihr im Traum erschienen und habe ihr das ? aus Afrika stammende ? Rezept verraten.Den Durchbruch schaffte Sarah jedoch mit einer anderen Entwicklung: Mit Hilfe eines ?heißen Kamms? und eines Haargels fand sie eine Methode, das Haar afroamerikanischer Frauen zu glätten. Dem ?Walker-System? war der Verkaufserfolg garantiert, denn glattes Haar war das Schönheitsideal der farbigen Frauen jener Zeit, die unter erheblichem Druck standen, sich dem Aussehen der Weißen anzupassen.Im Jahr nach ihrer Ankunft in Denver heiratete Sarah den Zeitungsmann Charles J. Walker. Der neue Name sollte auch ihrem Unternehmen ein edles Flair verleihen ? fortan nannte sie sich Madame C. J. Walker und vermarktete unter diesem Label ihre Produkte. Bald gab es ihre wachsende Palette an Pflege- und Kosmetikprodukten nicht nur in den USA, sondern auch in Jamaika, auf Kuba und in Panama an.1915 ließ sich Sarah wegen persönlicher und geschäftlicher Differenzen scheiden. Unermüdlich baute sie Schönheitsschulen auf und förderte die Ausbildung ihrer Agentinnen. Sie selber wurde nicht nur die erste Schwarze, die es aus eigener Kraft zur Millionärin schaffte, sondern sie war die erste Frau überhaupt in Amerika, die das erreichte. Ihr Vermögen wusste sie durch kluge Investitionen in Immobilien zu mehren. Große Summen stiftete sie für die Verbesserung der Lebensbedingungen und für die Bildung der afroamerikanischen Bevölkerung.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Josephine Baker schwor auf "Walker StyleAls 1917 in Philadelphia die ?Madame C. J. Walker Hair Culturists Union of America? stattfand, war das vermutlich das erste große nationale Treffen geschäftlich tätiger Frauen der USA. Walker nutzte die Veranstaltung nicht nur, um ihre Verkäuferinnen für ihre Erfolge zu belohnen, sondern um sie zu ermutigen, sich politisch zu engagieren. Schon 1912 auf der von dem farbigen Bürgerrechtler Booker T. Washington abgehaltenen ?National Negro Business League Convention? hatte sie mit einer flammenden Rede ? einem Lob auf die Eigeninitiative ? die Herzen der Delegierten gewonnen.1919 ? wenige Monate nachdem sie in ihre Villa eingezogen war ? stieß sie an ihre physischen Grenzen. Mehrfach hatten sie ihre Ärzte aufgefordert, kürzer zu treten. Sie hatte nicht auf sie gehört. Sie starb im Alter von 51 Jahren. Nach eigenen Angaben standen in ihrer Verkaufsorganisation zuletzt 20 000 Agentinnen in Lohn und Brot.In ihrem Testament verfügte sie, dass ihr Unternehmen nur von Frauen geführt werden darf. Als ihre Nachfolgerin setzte sie ihre Tochter A?Lelia ein. Die führte das Anliegen ihrer Mutter weiter, schwarze Kultur und schwarzes Unternehmertum zu fördern. A?Lelia wurde die bedeutendste Mäzenin der Harlem Renaissance, jener goldenen Zeit afroamerikanischer Kultur im New York der 1920er-Jahre. Zur gleichen Zeit stieg im fernen Europa die Tänzerin Josephine Baker, die ihre Haare im ?Walker-Style? trug, in Paris zum Star auf. Die ?C. J. Walker Manufacturing Company? bestand noch bis 1985. Dann wurde sie verkauft.Chronik1867: Sarah Breedlove wird am 23. Dezember als Tochter ehemaliger Sklaven geboren.1882: Sie heiratet mit 14 Jahren. Vier Jahre später bekommt sie eine Tochter.1888: Sarah Breedlove wird Witwe. Sie arbeitet von nun an vor allem als Waschfrau. Wenn sie kann, besucht sie nachts eine Schule, um sich ein wenig Bildung anzueignen.1900: Sie bekommt Haarausfall und experimentiert, um dagegen ein Mittel zu finden. Bald beginnt sie, Haarpflegeprodukte von Haus zu Haus zu verkaufen.1905: Sie zieht nach Denver und gründet eine eigene Verkaufsorganisation.1906: Sie heiratet zum zweiten Mal. Nach ihrem Gatten, dem Zeitungsmann Charles J. Walker, nennt sie sich nun Madame C. J. Walker. Dies wird auch das Label ihrer Produkte ? es soll vornehm klingen. Ihr Mann übernimmt für sie die Werbung in afroamerikanischen Zeitungen.1910: Madame Walker errichtet ihre Firmenzentrale mit Produktionsstätte in Indianapolis.1918: Bei New York lässt sie in der Nachbarschaft Rockefellers eine herrschaftliche Villa für sich und ihre Tochter errichten.1915: Sarah lässt sich wegen persönlicher und geschäftlicher Differenzen scheiden.1919: Sie stirbt am 25. Mai in New York.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.06.2005