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Eine Rakete für Rewe

Von Christoph Schlautmann
Den russischen Handelsoligarchen Georgij Trefilow kennt außerhalb seiner Branche kaum jemand. Doch ohne seine Kontakte wären die deutschen Handelskonzerne in Russland aufgeschmissen.
KOELN. Robuste Statur, entschlossener Blick: Ein Lächeln entlockt man dem Mann mit dem dunkelblonden, leicht gewellten Haar nur mühsam. Für jeden Hollywoodstreifen, der als Darsteller einen typischen Russen sucht, wäre Georgij Trefilow die Idealbesetzung.Der strenge, fast grimmige Auftritt hält Westeuropas Konzernlenker indes nicht davon ab, mit dem 35-Jährigen Geschäfte zu machen. Gute Geschäfte. Sogar Hans-Joachim Körber, Vorstandsvorsitzender der Metro Group, müsste ohne ihn die Expansionsgeschwindigkeit der Konzerntöchter Media-Markt und Real in Russland deutlich drosseln. Der Kölner Wettbewerber Rewe hätte, gäbe es Trefilow nicht, womöglich nie einen Fuß auf russischen Boden gesetzt. Der Sportartikler Intersport vertreibt in Russland seine Ware über Trefilows Handelsimperium. Obi, Castorama, Adidas oder Salamander erobern den russischen Markt von Standorten aus, die Trefilow mit seiner Immobilienfirma RTM entwickelt hat.

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?Für einen großen Konzern wie unseren ist es schon ein wenig beängstigend, sich in eine solche Abhängigkeit zu begeben?, gibt Rewes Expansionsleiter Jan Kunath zu: ?Aber es bringt Vorteile.? Kein Wunder. Der Mehrheitsgesellschafter der Moskauer Marta-Gruppe gilt als der Strippenzieher im russischen Einzelhandel. Allein für die Metro-Tochter Real organisierte er in Russland 15 Standorte.Offiziell reden will er darüber nicht. ?Für ausländische Konzerne ist es wichtig, einen Partner zu haben, der die russische Sprache beherrscht und auch Land- und Marktkenntnisse hat?, spielt er seine Rolle herunter, ohne die Miene zu verziehen. Nein, mit Politik habe er nichts am Hut, davon halte er sich fern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jährliche Wachstumsraten von 50 ProzentGlauben mag man ihm das kaum. Während die Edeka-Tochter Marktkauf in Moskau weit mehr als ein Jahr brauchte, um ein Einkaufscenter aus dem Boden zu stampfen, besitzt Marta in Russland inzwischen 43 Shopping-Malls und betreut 15 weitere im Entwicklungsstadium. Dabei investiert die Firma, die vor 14 Jahren gegründet wurde, erst fünf Jahre lang in den Einzelhandel. Seit 1998 wächst die Marta-Holding jährlich weit über 50 Prozent. 2006 will Trefilow 650 Millionen US-Dollar umsetzen. Das US-Magazin ?Forbes? führt die Firma in seiner Liste der russischen ?Top 100?, die ansonsten von Banken, Öl- und Gaskonzernen dominiert wird.Der Aufstieg verlief kometenhaft. Mit einem Bankkredit über 15 000 Dollar ? zu einem jährlichen Zinssatz von 50 Prozent ? startet Trefilow mit Freunden 1992 eine kleine Möbelfirma. Eingeschrieben ist er zu dieser Zeit als Student der Technischen Staatsuniversität in Moskau, wo er eigentlich Raketen konstruieren und militärische Abwehrsysteme bauen soll. Doch das Stipendium von umgerechnet einem Dollar monatlich reicht hinten und vorne nicht. Die Firma dagegen floriert: Als er 1994 an seiner Uni den Ingenieurabschluss erhält, setzt er mit seinem Nebenjob bereits 20 Millionen Dollar um.Heute führt Trefilow ein veritables Konglomerat, zu dem unter anderem ein Produktionsbetrieb für Verpackungsfolien (60 Millionen Dollar Umsatz), ein Baumaterialanbieter (80 Millionen) und drei Online-Kaufhäuser zählen ? was Marta zum größten Internetshop Russlands macht.Geparkt sind die Gesellschafteranteile ? Trefilow hält 75 Prozent, sein Partner Boris Wasiljew den Rest ? bei der österreichischen Marta Unternehmensberatung GmbH. Sie kontrolliert 100 Prozent der Moskauer Marta-Holding, die in die Sparten Einzelhandel, Immobilienentwicklung und Produktion investiert.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Schon bald könnte Trefilow Bekanntschaft mit dem Aktienmarkt machenSchon bald könnte Trefilow zudem Bekanntschaft mit dem Aktienmarkt machen: ?Möglicherweise bringen wir unser Immobiliengeschäft an die Börse.? Die Einnahmen sollen den Finanzbedarf für das boomende Shopping-Center-Geschäft decken. Dafür benötigt Marta in den kommenden zwei Jahren 1,5 Milliarden Dollar. Eine Entscheidung zum Börsengang steht aber noch aus. Bislang kam das Geld für die Expansion von einheimischen Banken und vom US-Pensionsfonds Apollo Group. Parallel dazu verstärkt sich Marta im Einzelhandel selbst. Einen 25-Prozent-Anteil besitzt sie am Geschäft von Billa Russia, einem Gemeinschaftsunternehmen mit Rewe, das dazugehörige Immobilienvermögen gehört Marta zu 75 Prozent. 37 Läden sollen bis Ende des Jahres eröffnet sein, 80 bis 100 in zwei Jahren.?Wir haben auch zwei Jahre nach der Gründung des Gemeinschaftsunternehmens zu Marta immer noch ein sehr gutes Verhältnis, sogar ein freundschaftliches?, lobt Rewe-Topmanager Kunath die Zusammenarbeit.Grund der Sympathie mag vor allem sein, dass Trefilow die schleppende Entscheidungsfindung in der Kölner Rewe-Zentrale mit einem Trick umgeht. Denn dort hat man für die Russland-Expansion zwar für die ersten vier Jahre 500 Millionen Euro bereitgestellt, abgerufen worden ist davon nach zwei Jahren aber weit weniger als die Hälfte. ?Bei jeder Filialeröffnung diskutieren die in der Zentrale von neuem, ob sie denn wirklich in Russland weiter expandieren wollen?, lästert ein Wettbewerber, der sich bei Rewe gut auskennt. Vielleicht ändert sich das jetzt, nachdem der Franzose Alain Caparros in Köln das Ruder übernommen hat.Mit den Querelen seines genossenschaftlichen Partners hält sich der gelernte Raketenmonteur nicht lange auf. In den vergangenen Monaten hat er auf eigene Rechnung 18 Supermärkte unter dem Namen ?Grossmart? eröffnet, 15 weitere sollen noch in diesem Jahr folgen. Ein geschickter Schachzug: Schon jetzt rechnet Trefilow damit, dass Rewe ihm später einmal das komplette Filialnetz abkaufen wird. Denn: ?Erfolg hat in Russland nur, wer sehr schnell Entscheidungen trifft.?
GEORGIJ TREFILOW1971
wird er am 1. Juni geboren.
1992
gründet er nach fünf Jahren Studium an Moskaus Technischer Staatsuniversität MGTU die Möbelfirma Marta.
2001
investiert er zum ersten Mal in den Einzelhandel: Die ersten eigenen Märkte öffnen.
2004
unterzeichnet er in Anwesenheit von Wladimir Putin und Gerhard Schröder einen Vertrag mit dem damaligen Rewe-Chef Ernst Dieter Berninghaus. Die Expansion der Supermarktkette Billa Russia startet.Trefilow ist verheiratet, hat drei Töchter und liebt Fotografie, Tennis und Skifahren.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.09.2006