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Eine Klasse für sich

Christoph Stehr
Wie gut die deutsche Wirtschaft wirklich ist, weiß offenbar nur das Ausland. Auch 2005 holt Deutschland den Titel Exportweltmeister - dank zahlreicher mittelständischer Weltmarktführer, die nur Brancheninsider kennen. karriere hat sie aufgespürt.
Ein Containerschiff, 350 Meter lang, 50 Stundenkilometer schnell, pflügt durch die See. Majestätische Ruhe und Kraft, von oben betrachtet. Unten herrscht das reine Chaos. Der mit 90.000 PS angetriebene Propeller jagt das Wasser mit solcher Gewalt gegen das Ruderblatt, dass sich Dampfblasen bilden, die wie Kanonenschläge platzen. Zwei, drei Jahre hält das Ruder den Dauerbeschuss aus, dann ist ein neues fällig. Eigentlich

Die Ingenieure von Becker Marine Systems bieten eine andere Lösung an. Sie haben ein Ruderblatt mit optimierter Anströmkante entwickelt, das die Reparatur- und Treibstoffkosten senkt. Mega-Werften wie Hyundai in Korea oder Mitsubishi in Japan bestellen bei Becker Spezialruder für ihre größten und schnellsten Containerschiffe. Das Hamburger Unternehmen macht 95 Prozent seines Umsatzes im Ausland - und ist Weltmarktführer

Die besten Jobs von allen


Prima Exportklima
Becker gehört zu denen, die dafür sorgen, dass Deutschlands Wirtschaft überhaupt noch zulegt. Rechnet man den Exportbeitrag aus der Wachstumsrate von real 1,6 Prozent im vergangenen Jahr heraus, bleiben kümmerliche 0,4 Prozent übrig. Für 731 Milliarden Euro wurden Waren ausgeführt - internationale Spitze. Vor allem kleinen und mittelgroßen Unternehmen wie Becker ist es zu verdanken, dass Deutschland auch 2005 wieder Waren-Exportweltmeister wird

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet im Jahresdurchschnitt mit einer Zunahme der Ausfuhren um fünf Prozent, der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels veranschlagt sechs Prozent. Auch die Bundesbank verbreitet gute Laune in ihren Monatsberichten, der Exportklima-Indikator des Ifo-Instituts zeigt seit Mai nach oben. Die jüngsten Zahlen, die das Statistische Bundesamt veröffentlicht, liegen für August vor: 63,4 Milliarden Euro betrug in diesem Zeitraum das Ausfuhrvolumen - ein Plus von 13,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat

Die Welthandelsorganisation führt ihre Rennliste der Exportnationen in US-Dollar, "was Deutschland infolge der Euro-Aufwertung natürlich noch begünstigt hat", erläutert IW-Forscher Christof Römer. "Da müsste der Euro schon drastisch abwerten, um unsere Spitzenstellung in diesem Jahr noch zu gefährden." Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, ist genauso zuversichtlich, allerdings aus einem anderen Grund: "Die Auswirkungen des Wechselkurses werden überschätzt. Wichtiger ist das Wachstum der Weltwirtschaft, und das bleibt 2005 dynamisch. Vor allem die Asiaten mit ihrem starken Interesse an deutschen Investitionsgütern lassen bei uns die Exporte durch die Decke gehen.

Fix, forsch, flexibel
Unternehmen aus Maschinenbau, Elektro/Elektronik und Automobilzulieferung stehen international am besten da. Nicht Konzerne, sondern Mittelständler geben den Ton an - und schaffen Jobs. Die von karriere als besonders zukunftsträchtig ausgewählten Weltmarktführer aus fünf Innovations-Regionen Deutschlands wollen im kommenden Jahr insgesamt tausend Hochschulabsolventen einstellen (siehe Unternehmensprofile ab S. 20). Ruderspezialist Becker etwa sucht fünf Ingenieure, was für einen 85-Mann-Betrieb beachtlich ist. Um in gleichem Verhältnis aufzustocken, müsste ein Großunternehmen wie VW glatt 20.000 Absolventen anheuern - geplant sind 400 bis 500

Tempo und Wendigkeit zeichnen die Exportweltmeister aus. Produkte und Verkaufsstrategien werden in denselben Köpfen erdacht. Beckers Schiffbauingenieure fühlen sich vor dem CAD-Bildschirm genauso wohl wie im Kundengespräch. "Auch wenn wir Weltmarktführer sind: Wir müssen immer wieder intensivste Überzeugungsarbeit leisten", sagt Henning Kuhlmann, 37, der den globalen Vertrieb leitet. Bei den Spezialrudern für die Super-Pötte konkurriert sein Unternehmen unmittelbar mit den Werften. Die möchten so viele Teile wie möglich selbst bauen, statt den Kuchen mit Externen zu teilen. Das letzte Wort haben die Reedereien, und dort setzt Beckers "Überzeugungsarbeit" an. Hauptargument: Auf lange Sicht rechnet sich High-Tech gegenüber einer billigeren Standardlösung

USA und Japan auf der Lauer
In Technik zu schwelgen, ist eine Sache. Das ökonomisch Machbare im Blick zu behalten, eine andere. Weltmarktführer wird, wer beides kann. Deshalb haben die Unternehmen nicht nur ansehnliche Forschungsbudgets, wie Carl Zeiss und Freudenberg, sondern achten auch auf Kostenvorteile, indem sie wie Böwe Systec und Kurtz Synergien aus unterschiedlichen Produktzweigen schöpfen. Oder indem sie wie Ekato und Schwanhäußer ihre Arbeitsabläufe und die Managementstruktur ständig verbessern.

Die Weltspitze ist kein Plätzchen zum Ausruhen. Die schärfste Konkurrenz lauert in den USA und Japan, den führenden Exportnationen hinter Deutschland. Wobei der Export nicht allein die Stärke eines Wirtschaftsstandorts ausmacht: "Für die Wettbewerbsfähigkeit der Zukunft ist entscheidend, in welchem Land die Investoren ihr Geld anlegen", sagt Professor Ansgar Belke von der Uni Hohenheim. Manche Dollar-Million zieht an Deutschland vorbei. "Das lässt darauf schließen, dass die Investoren stärker auf den Erfolg anderer Volkswirtschaften setzen.

Aber Belke sieht noch Potenzial. Von den 100.000 mittleren Unternehmen in Deutschland hätten acht Prozent - immerhin 8.000 - das Zeug, um auf den Weltmärkten die höchsten Wellen zu reiten. Innovativ, schnell wachsend, finanziell gesund - so läuft's, auch morgen und übermorgen. "Die besten Chancen haben Industrien, die bereits heute einen weit überdurchschnittlichen Teil ihres Gesamtumsatzes im Ausland erzielen", sagt Professor Axel Schmidt von der Uni Trier. Dazu zählten Automobil, Luft- und Raumfahrzeuge, Nachrichtentechnik, Chemie, Maschinen, Pharma, Medizintechnik, Mess- und Regeltechnik, Elektrotechnik

Neue Zielmärkte
Eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zeigt, welche Märkte deutsche Exportmanager dabei besonders ins Auge fassen: Russland, Indien, China und die EU-Beitrittsländer. Für den Führungsnachwuchs heißt das: Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Kompetenz müssen auf Regionen ausgerichtet werden, die man bislang eher vernachlässigt hat. "Das gilt nicht nur für Vertriebsingenieure, sondern auch für Konstrukteure, die ihre Aufgaben häufig in enger Kooperation mit ausländischen Kunden wahrnehmen", sagt Dieter Brucklacher, Präsident des Maschinenbauverbands VDMA. Gutes Englisch ist die Basis. "Und Flexibilität und die Bereitschaft zu Auslandsreisen werden sowieso vorausgesetzt.

Henning Kuhlmann, Vertriebschef von Becker Marine Systems, weiß das. Sechs bis acht Wochen pro Jahr hält er sich in China auf. Und Englisch ist natürlich die Weltsprache im Schiffbau. Die Zukunft macht Kuhlmann nicht bange. "Wir können noch expandieren", sagt er. 30 Prozent mehr Umsatz nimmt er sich für die nächsten zwei, drei Jahre vor. Sein Ziel: Jedes Jahr werden weltweit 3.000 neue Schiffe mit Standardrudern ausgerüstet. "In diesem Geschäft wollen wir wachsen." Ausgerechnet hier? Warum nicht. Der Weltmarktführer, der die S-Klasse der Schiffsruder herstellt, entdeckt die A-Klasse. Mercedes hat's auch nicht geschadet.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.12.2005