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"Eine Frau Bundeskanzler wäre toll"

Die Fragen stellte Martin Roos.
Heike Kunstmann ist die neue Chefin von Gesamtmetall, dem wichtigsten deutschen Arbeitgeberverband. Sie ist die erste Frau in diesem Amt.
Die promovierte Diplombetriebswirtin arbeitete von 1995 bis 2005 beim Münchner Automobilzulieferer Knorr-Bremse - zuletzt im Personalwesen.
karriere sprach mit ihr über Macht im Amt, dickbäuchige Funktionäre, italienische Frauen, Parteipolitik und die Art und Weise wie Mitarbeiter sie beeindrucken können. "Frauen sollten vor allem erst einmal Frau bleiben und nie den männlichen Führungsstil kopieren", sagt sie.
Frau Kunstmann: Wenn jemand im Vorstellungsgespräch vor Ihnen sitzt - was darf er nicht sein?Ich lehne Menschen ab, die versuchen, sich in irgendeiner Weise anzubiedern. Das fällt sofort auf.

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Womit kann Sie ein künftiger Mitarbeiter bei Gesamtmetall beeindrucken?Mit freiem, kreativem und verantwortungsvollem Denken und Auftreten. Offenheit ist wichtig. Und schnell sollte man sein.
Heike Maria Kunstmann, 39, ist seit dem 1. April 2005 Hauptgeschäftsführerin von Gesamtmetall in Berlin. Die promovierte Diplombetriebswirtin arbeitete von 1995 bis 2005 beim Münchner Automobilzulieferer Knorr-Bremse - zuletzt im Personalwesen.
Interessiert es Sie, ob ein Bewerber Mitglied einer Partei ist?
Nein. Für mich wird Parteipolitik erst dann interessant, wenn wir als Verband betroffen sind. Ich würde hinschauen, wenn ich den Eindruck hätte, jemand würde sich gegen die Interessen von Gesamtmetall verhalten. Und dann würde ich auch gegensteuern.Welche Partei würden Sie wählen, wenn heute Bundestagswahlen wären?(lacht) Das sage ich Ihnen nicht. Ein Kriterium bei der Entscheidung für mich war für Gesamtmetall, dass ich kein Parteibuch habe.Sie sind die erste Frau in diesem Amt. War Ihnen das anfangs unheimlich?Nein, überhaupt nicht. Bei meiner ersten Hauptgeschäftsführerkonferenz eröffnete ich die Sitzung mit den Worten: So meine Herren... und dann musste ich wirklich laut lachen. Aber wissen Sie, ich arbeite seit zehn Jahren in der Metallindustrie. Es ist keine neue Situation.Die Verbandswelt gilt als manchmal raue, manchmal spröde Welt.Nein. Ich arbeite gerne mit Männern.Passt denn das Klischee des dickbäuchigen Verbandstypen mit Ihnen, einer doch jungen, lebhaften Frau, zusammen?Da muss ich Sie enttäuschen. Die meisten meiner Kollegen sind athletisch. Und was das Alter angeht: Irgendwann muss der Generationswechsel losgehen. Was können Frauen besser?Frauen sollten vor allem erst einmal Frau bleiben und nie den männlichen Führungsstil kopieren. Frauen schlagen einen anderen Ton an, einen moderateren, sind aber deswegen nicht weniger durchsetzungsfähig. Frauen haben einen anderen Umgang mit Macht, einen entspannteren, und sie sind vielleicht überhaupt ein bisschen subtiler als die Männer.Sprechen Sie jetzt von sich?Ja, auch.Wie fänden Sie eine Bundeskanzlerin Merkel?Ich fände grundsätzlich eine Frau im Amt des Bundeskanzlers toll. Das würde unserem Land gut tun.
Kunstmann hat eine Faible für Farben. Sie ist heute in frischen hellen tönen gekleidet. Auf ihrem Schreibtisch stehen rechts Orchideen und links Rosen - diese ihrem Arbeitgeber entsprechend in einer Metallvase.
Muss jede Frau, die sich länger im Amt hält, früh oder später so versteinern wie Margret Thatcher?
Nicht unbedingt. Man kann Institutionen und Unternehmen durchaus auch mit Humor führen. Das Quantum an Stress sollte man aber nicht unterschätzen.Wird es bald mehr Positionen im Ihrem Verband geben, die von Frauen besetzt werden?Wir haben eine Frauenquote von 51 Prozent.Im Sekretariat. Und Führungskräfte?Wir haben eine Reihe hochqualifizierter Referentinnen bei uns. Wenn es zwei gleichwertige Kandidaten gibt und eine ist eine Frau, die ins Team gut passt, würde ich vermutlich die Frau nehmen.Wie wird man damit fertig?Arbeiten und Leistung bringen.Sind Sie frei davon, dass Sie sich als Frau immer wieder beweisen müssen?Ja. Das ist am Anfang vielleicht eine Frage. Aber spätestens nach der zweiten Konferenz und dem dritten Streit spielt das keine Rolle mehr.Wie nervig finden Sie Fragen über Frauen in Führungspositionen?Ich diskutiere gerne darüber. Frauen in Führungsposition haben eine besondere Vorbildfunktion. Ich war beruflich immer schon in einer Männerwelt. Und es gibt wirklich schlimmere Nachteile, als eine Frau zu sein. Erinnern Sie sich noch, wie das Zimmer der 15-jährigen Heike eingerichtet war?Ich war mehr so ein verträumter Typ - Strände, Meer, viele weiße Sachen, lange blonde Haare. Mein Zimmer war in Naturtönen gestaltet - ich hatte einen beigen Teppich, Holz an der Wand und viele Sonnenblumen.Ein Poster von Abba an der Wand?Nein. Eher Pferde.Waren Sie eine gute Schülerin?Ja. Ich war aber auch eine gute Sportlerin.Haben Sie ihre Mitschülerinnen abschreiben lassen?Klar. Meine Freundin im Mathe-Abitur auf einer Tafel Milkaschokolade.
In ihrem Büro liegt ein Fußball mit den Originalunterschriften der Spieler von Real Madrid. Kunstmann: "Den habe ich im Arm über den Flughafen getragen. Ich sage Ihnen - so viele Männer haben mir noch nie nachgeschaut."
Waren Sie Klassensprecher?
Ja, in der Unterstufe.Was wollten Sie immer werden?Ich wollte immer etwas Kaufmännisches machen. In der Abiturzeitung gab ich an: Management in der Modebranche.Nach der Promotion haben Sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni gearbeitet. Was hat Sie bewogen, in die Unternehmenswelt einzusteigen?Faszination. Ich wurde Assistentin eines Vorstandsvorsitzenden. Das war toll, so nah an den Entscheidungsprozessen dran zu sein.Wo gab es bisher Brüche in Ihrer Vita?Bisher habe ich keine erlebt. Allerdings habe ich auch gute Nehmerqualitäten. Ich jogge meine Probleme weg.Braucht man Härte für Ihren Job?Absolut. Grundlage ist aber eine fachlich einwandfreie Arbeit. Es ist nicht leicht, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bekommen.Welche Eigenschaften braucht man noch?Feinfühligkeit im Umgang mit Menschen schadet nicht. Gerade auf dem Berliner Parkett ist eine gute Sondierungsfähigkeit nützlich - da macht sich für mich bezahlt, dass ich die letzten vier Jahre im Personal gearbeitet habe. Themen müssen schnell erkannt und formuliert werden.Haben Sie jemals in Ihrem Berufsleben Momente der Angst erlebt?Angst nie. Angst ist ein schlechter Wegbegleiter, denn Angst lässt Sie nicht mehr klar denken. Aber vor großen Aufgaben habe ich Respekt. Neulich erst habe ich auf dem Kirchentag gesagt, ich habe Lampenfieber. Da war ich umzingelt von Gewerkschaftlern und SPD-Politikern und wenn Sie dann noch 2.000 Leute im Publikum vor sich sehen, wird man leicht nervös. Welches unnütze Wissen aus Schulzeiten tragen Sie heute mit sich herum?Nicht sehr viel. Im Gegenteil. Ich war auf einem sehr strengen humanistischen Mädchengymnasium und habe vieles gelernt, was mir noch heute zugute kommt.Mal auf dem Forum Romanum in Rom rumgelaufen?Logisch. Und zwar zwei Wochen in der Oberstufe. Das hat unser Schulpfarrer organisiert.Welche Talente konnten Sie wegen Ihrer Karriere noch nicht voll entwickeln?Ich würde mich gerne viel mehr mit moderner Malerei befassen. Auch selber malen.
Nach 100 Tagen im Amt hat Kunstmann die Spitze von Gesamtmetall strukturell verändert. Mehr Transparenz war ihre Forderung. Nach außen ist es ihr gelungen, bei den Verbandsmitgliedern den Eindruck einer berechenbaren Führungsperson zu hinterlassen. Und durch ihre Persönlichkeit ist Gesamtmetall dem Ziel näher gekommen, in der breiten Öffentlichkeit bekannter zu werden.
Wollten Sie jemals ein politisches Amt übernehmen?
Nein.Werden Sie es tun, wenn man Sie fragt?Da kann ich nur hoffen, dass mich keiner fragt.Weil Sie sonst gehen würden?Weil ich bei Gesamtmetall bleiben will. Der Job hier lässt mir viel mehr freien Gestaltungsspielaum, als es ein politisches Amt wohl tun würde.Spüren Sie Raffgier in der Gesellschaft?Ich spüre Neid. Und Pessimismus.Was halten Sie von der Kapitalismuskritik von Franz Müntefering?Ich kann diese pauschalierte Kapitalistenschelte überhaupt nicht nachempfinden.Was ist denn falsch gelaufen, dass viele Menschen der Wirtschaft gegenüber skeptisch sind?Die Menschen sind unsicher. Wir müssen ihnen viel besser klar machen, dass Reformen Zeit brauchen - viel mehr Zeit, als viele zu akzeptieren bereit sind.Das ist die Argumentation der SPD.Das ist ein allgemeiner Erkenntnisstand, der sich über alle Parteien hinwegzieht.Welche Werte sind kaputt gegangen?Wir müssen Solidarität und Subsidiarität neu austarieren. Es wird immer deutlicher, dass es in Zukunft auf die Eigenverantwortung und das persönliche Engagement ankommt.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.06.2005