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Eine Frage des Gewissens

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Sage mir, für wen du arbeitest, und ich sage dir, wer du bist. Das Image eines Unternehmens färbt auf seine Beschäftigten ab - im Guten wie im weniger Guten. Wie fühlen sich Mitarbeiter, wenn der Arbeitgeber Negativschlagzeilen produziert oder für sein Produkt öffentlich angegriffen wird? Bekenntnisse aus der Tabak-, Rüstungs- und Ölindustrie.
Als Steffen Jungclaus vor elf Jahren Abitur machte, gehörte er nach eigener Aussage zu den "Weltverbesserern": "Konflikte friedlich lösen, die Reichtümer der Erde gerecht verteilen, die Umwelt schützen - das waren unsere Ziele im Leistungskurs Volkswirtschaft", erinnert sich der 30-jährige Betriebswirt. Dass er heute als Projektmanager bei Rheinmetall arbeitet, einem der weltweit größten Anbieter von Panzern, Munition und Waffen, löst bei Klassentreffen schon mal Irritationen aus. "Wenn ich dann frage, wie sich die Bundeswehrsoldaten bei ihren Friedenseinsätzen in Kongo oder Kosovo ohne Waffen und Fahrzeuge schützen sollen, entspinnt sich meist eine ernsthafte und offene Diskussion.

Rüstungsindustrie, Tabakbranche, Öl-Multis - ihnen allen haftet der Ruf an, ihre Profite aus dem Elend anderer zu schöpfen: aus Krieg, aus tödlicher Nikotinsucht, aus Umweltzerstörung. Gerade erst steht Ölförderer BP wegen einer verrosteten Pipeline in Alaska und angeblicher Preismanipulationen unter Beschuss. Wer will sich da schon seine Finger schmutzig machen?

Die besten Jobs von allen


Doch anders als früher haben die geschmähten Branchen heute keine Probleme mehr, junge Mitarbeiter zu finden. Die neue Generation von Hochschulabgängern sei "pragmatischer als je zuvor" und wähle ihren Job vor allem nach der Qualität der Ausbildung und den gebotenen Perspektiven aus, sagt Hans Groffebert vom Hochschulteam der Bundesagentur für Arbeit. Daneben reagieren die Unternehmen inzwischen offensiver und professioneller auf die öffentliche Kritik und polieren ihr Image auf - sei es durch strengere Selbstkontrolle, sei es durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit. "Manchmal kommt das schon rüber, als seien das alles Wohlfahrtsverbände", sagt Volker Beck, der als Abteilungsleiter Prävention bei der Deutschen Krebsgesellschaft schon von Berufs wegen Gegner der Tabakindustrie ist

Zwischen Chance und Schande
Berufsstarter müssen abwägen zwischen den Chancen, die ihnen solche Unternehmen bieten, und der "Schande", in einer umstrittenen Branche zu arbeiten. Typisch ist der Bewusstseinswandel eines 30-jährigen Verfahrenstechnikers, der im Strategiebereich des Öl-Multis Shell arbeitet. Manchmal, so bekennt er, mache er sich schon Gedanken, weshalb die Leute in einigen Ländern, aus denen das Öl kommt, nur so wenig daran verdienen. "Aber deshalb schlafe ich nicht schlecht. So ist das eben im Kapitalismus. Andere Firmen machen auch Gewinne." Noch während des Studiums hatte er "eine ziemliche Abneigung gegen Fächer und Vorlesungen, die Wissen zur Ölverarbeitung vermittelten". Als er allerdings "die netten Leute, das gute Arbeitsklima und die Perspektiven" bei Shell (zum karriereurteil Shell) kennen gelernt habe, habe er schnell und gern umgesattelt.

Auch seine Kollegin Sabine Krug verspürte zunächst wenig Neigung zum Produkt Mineralöl. Während des Studiums sammelte sie zunächst Erfahrungen in anderen Industriezweigen. Durch Kontakte zu Graduates bei Shell bekam die heute 26-Jährige dann nähere Einblicke und ließ sich rasch einfangen von der "absolut internationalen" Atmosphäre dort: "Im Assessment-Center in Den Haag war ich die einzige Deutsche. Die Leute kamen wirklich aus aller Herren Länder - das ist gelebte Internationalität.

Mittlerweile arbeitet sie als Young Graduate im Bereich Finanzen und ist beeindruckt, wie gründlich der Shell-Konzern in seinen Umsetzungsstudien auf ökologische Themen eingeht: "Da werden unabhängige Gutachter damit beauftragt, den Einfluss eines Öl- und Gasexplorationsprojektes auf die Wanderroute der Wale zu bestimmen, und es gibt viele Kooperationen im Bereich erneuerbare Energien - das imponiert mir." Selbst diejenigen Bekannten, die der Öko-Bilanz von Shell kritisch gegenüberstünden, reagierten auf ihre Argumente überrascht und positiv

Durch Forschungsprojekte zu erneuerbaren Energien und nachhaltigem Wirtschaften bemüht sich der Shell-Konzern, etwas für seinen Ruf zu tun - nicht zuletzt eine Reaktion auf vergangene Auseinandersetzungen mit der Kritik von Umweltschützern und Menschenrechtlern. Selbst Greenpeace-Sprecherin Svenja Koch räumt ein, dass der Umgang mit dem Öl-Multi offener geworden sei. "Das ändert aber nichts daran, dass Shell nach wie vor zum Beispiel in Nigeria die Umwelt verschmutzt und die Menschenrechte verletzt."

Auch auf Karriereveranstaltungen des Konzerns sind Umweltschutz und Energiepolitik immer wieder Thema. Zu den Fragen der Studenten und Absolventen nehme Shell offen Stellung und informiere detailliert über Aktivitäten und Maßnahmen, berichtet Recruitment-Managerin Anja Flatken. "Da hat der Konzern viel dazugelernt." Bei Öl-Diskussionen in ihrem Freundeskreis hingegen, so die 29-Jährige, gehe es eher um die hohen Spritpreise als um die Shell-Förderpolitik in Nigeria.

Gesinnung war gestern
Früher hätten Absolventen über solche Themen lebhaft diskutiert, erinnert sich Berufsberater Groffebert. Heute erlebe er dagegen kaum noch moralische Bedenken wegen eines Arbeitgebers: "Ab und zu murmelt noch jemand ?Ich bin aber bei attac'. Der bewirbt sich dann eher bei Mittelständlern als bei internationalen Biotech-Multis." Die heutigen Abgänger seien flexibel geworden. Nicht nur bei ihren Gehaltsforderungen, sondern auch was ihre Gesinnung angeht. "Man merkt, dass sie in einem wirtschaftlich raueren Klima studiert haben als ihre Kommilitonen vor zehn oder 15 Jahren.

Doch auch umstrittene Arbeitgeber wie der Zigarettenhersteller Philip Morris (zum Karriereurteil Philip Morris) wollen keine Mitarbeiter, die aus reinem Pragmatismus zu ihnen kommen. Wenn die Kandidaten im Assessment-Center die allgemeinen Vorbehalte gegen die Tabakindustrie nicht von sich aus ansprächen, tue sie es, sagt Cindy Wedler aus dem Personalmarketing des Konzerns - "denn es ist wichtig, dass wir hinter unserem Produkt stehen". Nur sehr selten entscheide sich ein Bewerber nach solch einem Gespräch gegen Philip Morris.

Die Haltung des Konzerns formuliert Wedler glasklar: "Zigaretten rauchen macht süchtig und kann tödlich sein, dazu stehen wir. Es ist aber legal, Tabak zu verkaufen, und die Käufer sind erwachsene Leute, die das aus freien Stücken tun." Weil die Konzernleitung um die schädlichen Folgen des Rauchens wisse, engagiere sie sich sehr im Bereich Jugendschutz und Aufklärung. Auch wenn derartige Projekte nach Meinung des Krebspräventionsexperten Volker Beck nichts als "clevere Werbestrategien" sind, die dem Unternehmen "ein soziales Mäntelchen" verpassen sollen, räumen selbst die Kritiker ein, dass sie wesentlich dazu beigetragen haben, das Firmenimage zu heben

Klar gebe es Diskussionen, wenn er erzähle, für wen er arbeite, sagt Kristian Imhof, Leiter Customer Relations bei dem Tabakproduzenten. "Ich versuche dann aber nicht, mein Gegenüber von meinem Standpunkt zu überzeugen oder die Gefahr von Zigaretten kleinzureden." Das gute Arbeitsklima lasse das Produkt im Joballtag ohnehin in den Hintergrund treten, erzählt der 29-Jährige: "Mir gefällt es, dass wir intern sehr offen miteinander umgehen und das leben, was wir nach außen sagen.

Mit Argumenten gerüstet
Wohl am deutlichsten zeigt sich der veränderte Umgang mit den langjährigen Buh-Branchen in der Rüstungsindustrie. "Vor 20 Jahren war es schwierig für uns, junge Ingenieure zu bekommen, heute nicht mehr", sagt Heinz Peckmann, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Panzerbauers Krauss-Maffei-Wegmann. Mit den internationalen Bundeswehr-Friedenseinsätzen sei die Wahrnehmung des Militärs differenzierter geworden. "Während des ersten Golfkrieges haben bei uns in Kassel bis zu 10.000 Schüler vor den Fabriktoren demonstriert und die Belegschaft beschimpft, beim zweiten Golfkrieg waren es höchstens noch 150." Die wirtschaftlich nicht eben rosigen Perspektiven der letzten Jahre hätten ihr Übriges getan. "Es gibt natürlich Kandidaten, die gegen diese Branche Bedenken haben", sagt Kienbaum-Personalberater Wolfgang Lichius. "Trotzdem nehmen noch genügend gut qualifizierte Leute die Jobs gerne an. Gerade die Ingenieure stehen inhaltlich oft sehr dahinter.

Für die 29-jährige Betriebswirtin Franka Schielke war vor allem die Ausbildung entscheidend, als sie sich mit Rheinmetall (zum Karriereurteil Rheinmetall) für einen Arbeitgeber aus der Rüstungsindustrie entschied. Die Managerin Investor Relations hätte sich "ansonsten auch gut eine Bank vorstellen können". Im Bekanntenkreis wird ihre Berufswahl akzeptiert: "Wenn jemand überhaupt erstaunt ist über meinen Berufsweg, dann eher darüber, dass ich als Frau in so einer traditionell männlichen Domäne arbeite."

Dass mit den Produkten ihres Arbeitgebers Menschen getötet werden, bereitet ihr keine Gewissenskonflikte. Niemand wünsche sich Kriege, "aber die Welt ist eben nicht perfekt". Auch Rüstungsexporte sind für Schielke kein heikles Thema: "Wir haben in Deutschland eine der strengsten gesetzlichen Regelungen weltweit, alle Exportvorhaben sind genehmigungspflichtig. Und in Krisengebiete dürfen wir überhaupt nicht liefern."

Trotzdem würden immer wieder Waffen und andere Rüstungsgüter mit Genehmigung in bedenkliche Empfängerländer geliefert, sagt Mathias John, Rüstungsexperte bei der Menschenrechtsorganisation amnesty international: "Zum Beispiel Kleinwaffen nach Saudi-Arabien oder ganze Munitionsfabriken nach Nepal oder Usbekistan.

Abwägen ohne Scheuklappen
Argumente hin, Gegenargumente her - ob man sich für oder gegen einen umstrittenen Arbeitgeber entscheidet, bleibt letztlich eine Frage des Gewissens. "Führen Sie sich offen die Pro- und Contra-Aspekte vor Augen - und überlegen Sie ohne Scheuklappen, welche für Sie persönlich am wichtigsten sind", sagt Karriereberaterin Monika Birkner. "Besprechen Sie Ihre Situation möglichst auch mit einem Freund", rät Birkner. "Wenn Sie danach ehrlich sagen können: ?Aus diesen Gründen wähle ich den Job', dann ist das gut so.

Die Grenzen zwischen den Industriezweigen sind ohnehin fließend, bemerkt die Maschinenbauingenieurin Nicole Salzmann von Rheinmetall Landsysteme in Kassel, die mit ihrem Team den Panzer Puma zusammenbaut: "Die Leute wären erstaunt, wenn sie erführen, von welchen zivilen Automobilzulieferern die Teile kommen, die wir für unsere Panzer brauchen.

Barbara Erbe

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Dieser Artikel ist erschienen am 02.11.2006