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Eine Dreiecksbeziehung

Von Martin Buchenau
Die Entscheidung war eine Überraschung: Berthold Leibinger, langjähriger Chef des Laserherstellers Trumpf, ernannte seine Tochter Nicola zu seiner Nachfolgerin ? und überging scheinbar seinen Sohn Peter. Doch die Beziehung funktionierte weiter, gerade auch beruflich. Ein Beitrag aus der Handelsblatt-Serie ?Einsame Spitze?.
Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Weltmarktführers Trumpf, in einer Illustration.
DITZINGEN. Berthold Leibinger nimmt die Brille ab und wischt sich zwei Tränen aus den Augen. Selten hat man den charismatischen Chef der Trumpf-Gruppe so gerührt gesehen. Er hat 40 Jahre lang beim größten deutschen Werkzeugmaschinenbauer und Weltmarktführer für Lasertechnologie gesagt, wo es langgeht. Und nun übergibt er das Familienunternehmen aus Ditzingen bei Stuttgart an die nächste Generation.Und er geht mit einer faustdicken Überraschung : Seine älteste Tochter Nicola hat er für den Chefposten ausgewählt, nicht seinen Sohn Peter, Chef der Lasersparte, und auch nicht seinen Schwiegersohn und Nicolas Mann, Mathias Kammüller, Chef der Sparte Werzeugmaschinen. ?Ich glaube, dass das bei ihr gut aufgehoben ist?, sagt der Vater später.

Die besten Jobs von allen

Nicola Leibinger-Kammüller beginnt ihren ersten großen Auftritt im Oktober 2005 mit einem kleinen Gag. ?Als ich im Auto hierher gefahren bin, habe ich im Radio gehört, dass vor genau 265 Jahren Maria Theresia den Thron bestiegen hat. Das passt ja zu diesem Tag. Aber ansonsten unterscheide ich mich sehr von der österreichischen Kaiserin.? Mit ein bisschen Selbstironie gelingt es ihr, die Stimmung aufzulockern und ihre Nervosität zu überspielen. Das ist typisch für sie und funktioniert.Die neue Chefin ? ein sportlicher Typ, der sich gern elegant kleidet ? ist die erste Frau in der 85-jährigen Firmengeschichte. Sie führt einen Konzern mit 8 000 Beschäftigten und knapp zwei Milliarden Euro Umsatz. Eine große Verantwortung für die promovierte Philologin, die sich bisher um Marketing und PR kümmerte.Die Geisteswissenschaftlerin hat ihre Position auch der besonderen Familienarithmetik zu verdanken. Wenn sie scherzhaft von ?meinen Männern spricht?, dann meint sie ihren Ehemann und ihren Bruder. Und schon sind wir mitten in einer Dreiecksbeziehung, die nach außen stabil erscheint, aber deshalb noch lange nicht unkompliziert ist. Genau genommen handelt es sich um ein Viereck ? bezieht man Vater Berthold Leibinger als Aufsichtsratschef mit ein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wir sind ein Team, mit mir an der Spitze.?Führungs- und Sozialkompetenz sind da mehr gefragt als technisches Know-how. Der vierfachen Mutter traut Berthold Leibinger am ehesten zu, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Nicolas kleinen Bruder auf den Chefsessel zu heben hätte wohl Schwiegersohn Kammüller kaum ertragen. Und den Schwiegersohn dem eigenen Sohn vorziehen, das wollte Berthold Leibinger auch wieder nicht. Blieb also die große Schwester.Bislang hat Nicola Leibinger-Kammüller alles gut im Griff. Die 48-Jährige hat in ihren ersten beiden Jahren mit Rückenwind von der Konjunktur einen Traumstart mit zweistelligen Wachstumsraten hingelegt. Aber sie bereitet sich schon auf den drohenden Abschwung vor. ?Wir rechnen mit einem Rückgang der konjunkturellen Dynamik. Das ist uns zwar nicht recht, aber es erschreckt uns auch nicht, es ist Normalität in unserem Geschäft?, analysiert sie nüchtern bei einer Pressekonferenz im Oktober. Trumpf sei gut vorbereitet und könne mit den wirtschaftlichen Zyklen atmen. So einfach klingt das, wenn die Chefin komplexe Sachverhalte verständlich rüberbringt.?Es hat etwas gedauert, bis sich alles eingespielt hat. Aber wir haben das ganz gut hinbekommen?, sagt sie selbst, und ihre schwäbische Heimat ist nicht zu überhören. Sie führe anders als ihr Vater. Bruder und Ehemann könnten sich doch etwas mehr entfalten als vorher. ?Wir sind ein Team, mit mir an der Spitze.? Sie sieht sich selbst eher als Moderatorin denn als Galionsfigur. ?Die Führungskräfte müssen bei ihr mehr Eigeninitiative bringen?, bestätigt ein Mitarbeiter. Es werde durchaus kontroverser diskutiert als unter dem Seniorchef, auf dessen Person früher alles zugeschnitten war.Berthold Leibinger setzte mit seiner Tochter einen Trend im Reich der schwäbischen Patriarchen. Würth, Dürr und Aurenz zogen mit ihren Töchtern nach. Helga Breuninger, der ihr Vater vor über 30 Jahren trotz Wirtschaftsstudium nicht zutraute, die gleichnamige Kaufhauskette zu führen, begrüßt den Wandel: ?Es wird höchste Zeit, dass so etwas wie bei Trumpf häufiger passiert.?Aber nicht überall wird der Aufstieg der Töchter so positiv gesehen. ?So schön es ist ? man muss sich immer fragen, ist da tatsächlich die fähigste Person an der Spitze und hätte sie es auch in einem fremden Unternehmen geschafft?, sagt ein 70-jähriger mittelständischer Unternehmer aus der Region, der diese Frage mit Nein beantwortet. Der wahre Belastungstest komme für Nicola erst, wenn der Patriarch ganz abtrete.Lesen Sie weiter auf Seite 3:?Ich habe auch noch eine Familie mit vier Kindern.? Längere Erfahrungen in einem anderen Unternehmen der Branche fehlen der Tochter. Den Chefposten habe sie überhaupt nicht angestrebt, stellt sie klar. Aber die Entscheidung sei das Ergebnis eines sehr langen Prozesses gewesen, in den die gesamte Familie eingebunden war.Sie vertraut unterdessen auf ihre Erfahrungen in Japan, wo sie mit ihrem Mann zwei Jahre lebte: ?Man muss immer so führen, dass niemand sein Gesicht verliert.? Sie schätzt sich selbst als ?kollegial, aber auch streng ein, wenn es notwendig ist?. Es sei sehr wichtig, jedem Beschäftigten mit Respekt zu begegnen. ?Wenn Sie das vorleben, können Sie von Ihren Mitarbeitern auch mehr verlangen?, kann Leibinger-Kammüller ihr streng pietistisches Elternhaus nicht verhehlen.In fachlichen Dingen vertraut sie ?ihren Männern?. Aber die Richtlinienkompetenz beansprucht sie für sich. So lehnte sie eine Übernahme ab, weil sie das Konzept nicht überzeugte.Andere Frauen in Familienunternehmen fordert sie auf, sich zu trauen, ihre Ansprüche geltend zu machen und nicht demütig im Hintergrund zu bleiben. ?Frauen sind da meist noch zu zurückhaltend?, sagt sie. Sie selbst hilft Frauen bei Trumpf, Karriere und Beruf unter einen Hut zu bringen: mit flexiblen Arbeitszeiten. Doch es ganz nach oben mit zwischenzeitlicher Teilzeitbeschäftigung zu schaffen bleibe ?sehr schwer?.Fragen nach ihren Hobbys mag sie gar nicht: ?Ich habe auch noch eine Familie mit vier Kindern.? Aber sie engagiert sich im Verein Wildwasser. Der betreut Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Darüber hinaus unterstützt sie das Literaturhaus in Stuttgart. Lesen ist ihre Leidenschaft, die ?Buddenbrooks? von Thomas Mann ihr Lieblingsbuch. Jedes Mal, wenn sie den Roman über die Lübecker Kaufmannsfamilie lese, entdecke sie Neues. Den Untertitel ?Verfall einer Familie? will sie nicht auf ihre Verwandtschaft bezogen wissen. Sie tut alles, um dem entgegenzuwirken ? bislang mit großem Erfolg.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.02.2008