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Eine Chinesin soll die Welt kurieren

Von Jan Dirk Herbermann
Die Chinesin Margaret Chan leitet ab dem heutigen Donnerstag die Weltgesundheitsorganisation WHO. Keine einfache Aufgabe für die 59-Jährige, denn trotz steigender Ausgaben lassen sich Killerseuchen wie Aids, Malaria oder Tuberkulose kaum stoppen.
GENF. Es war eine Meldung aus Vietnam, die Margaret Chan einen Tag vor ihrem Amtsantritt besonders interessiert haben dürfte: Die Regierung in Hanoi orderte am Mittwoch in China 500 Millionen Einheiten Impfstoff, um Geflügel gegen einen Ausbruch der Vogelgrippe zu wappnen. Der Kampf gegen die Tierseuche wird künftig ? noch stärker als bisher ? zu Chans Hauptaufgaben gehören, denn ab dem heutigen Donnerstag leitet die Chinesin die Weltgesundheitsorganisation WHO.Doch die 59-Jährige wird in ihrer Amtszeit, die bis Juni 2012 reicht, auch an anderen Fronten zum Einsatz kommen: Die drei großen Seuchen Aids, Malaria und Tuberkulose sind kaum zu bekämpfen, obwohl die WHO viel Geld in entsprechende Programme steckt. Auch an nicht ansteckenden Krankheiten wie Krebs sterben immer mehr Menschen. Die Weltbevölkerung ist nicht gesund ? und eine chinesische Ärztin soll helfen, sie zu kurieren.

Die besten Jobs von allen

?Die Gesundheit der Frauen und die Gesundheit der Menschen Afrikas werden ein Schwerpunkt meiner Arbeit?, umriss die verheiratete Frau und Mutter eines Sohnes ihre künftigen Prioritäten. ?Mein Herz gehört ihnen.? So weist die WHO in ihrem Weltgesundheitsreport 2006 darauf hin, dass in den südlich der Sahara gelegenen Ländern Afrikas Jahr für Jahr immer noch knapp 1,2 Millionen Neugeborene sterben. Auch den Kampf gegen die Beschneidung von Frauen hat sich die Organisation der Vereinten Nationen zur Aufgabe gemacht.Als WHO-Chefin muss Chan den globalen Kampf gegen die gefährlichsten Malaisen koordinieren. Das nötige Rüstzeug für ihren schweren Job bringt die bisherige beigeordnete Generaldirektorin, die 1997 in Kanada ein Medizinstudium abschloss, mit: 2003 fing sie bei der Weltgesundheitsorganisation an und bereits zwei Jahre später stieg sie zur Leiterin der Abteilung zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten auf. Auch das Programm gegen die Vogelgrippe leitete die Chinesin.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bereits bei ihrer Wahl demonstrierte Chan, wie unbeirrbar sie ist.Ihre erste große Feuerprobe bestand Chan 1997. Damals bekämpfte sie als Direktorin des Gesundheitswesens ihres Geburtsortes Hongkong resolut die Tierseuche: Zum ersten Mal befiel der aggressive H5N1-Erreger seinerzeit Menschen und Tiere. Chan ordnete die Notschlachtung von 1,5 Millionen Stück Vieh an. WHO-Experten bestätigen, dass sie damit die Weiterverbreitung der Seuche verhinderte. Im Jahr 2003 führte sie den Kampf Hongkongs gegen SARS ? wieder war sie erfolgreich.In der Abwehr gegen die Lungenkrankheit lernte Chan vor allem eins: ?SARS war ein exzellentes Beispiel dafür, wie wichtig Offenheit ist?, sagte sie in einem Interview mit dem WHO-Bulletin. ?Infektionskrankheiten setzen sich über Grenzen hinweg, einen lokal limitierbaren Ausbruch einer Infektionskrankheit gibt es nicht.?Schon heute ziehen WHO-Mitarbeiter Parallelen zwischen Chan und der früheren Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland: Die vormalige norwegische Regierungschefin hatte es mit enormem Sachverstand und der nötigen Härte ganz nach oben geschafft. Als WHO-Chefin prangerte Brundtland mit Vehemenz die Zigarettenindustrie an. Die internationale Anti-Tabak-Konvention aus dem Jahr 2003 gilt als einer der größten Erfolge der Weltgesundheitsorganisation.Wie unbeirrbar auch Chan ist, demonstrierte sie schon bei ihrer Wahl: Nach langem Kampf im WHO-Vorstand besiegte die Chinesin in der Endausscheidung die vier übrig gebliebenen Kandidaten für den WHO-Topjob, darunter den Favoriten der USA. China führte eine intensive Kampagne für seine Kandidatin und soll hinter den Kulissen andere WHO-Mitglieder mit finanziellen Hilfen gelockt haben.Chan ist die erste Person aus dem kommunistisch regierten Land an der Spitze einer Uno-Organisation, was den wachsenden Einfluss der Volksrepublik auf der internationalen Bühne symbolisiert. Sie löst den Schweden Anders Nordström ab, der die Weltgesundheitsorganisation nach dem Tod des letzten regulär gewählten Generaldirektors, des Südkoreaners Lee Jong-wook, im Mai 2006 kommissarisch leitete.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.01.2007