Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Ein zweiter Fall Ackermann

Von Silke Kersting, Madrid
Durch allzu großzügige Abfindungen soll Emilio Botín, Chef der Santander Central Hispano, Konzernvermögen veruntreut haben. Es geht um 164 Millionen Euro.
Die rote Krawatte ist eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur für den Präsidenten. Wenn Emilio Botín einmal im Jahr die Ergebnisse von Spaniens führendem Finanzdienstleister Santander Central Hispano (SCH) präsentiert, dann tragen auch die Führungskräfte Rot. Andächtig lauschen sie den Worten ihres Chefs, hinter dem auf einer Leinwand das Logo der Bank prangt: eine weiße Flamme auf rotem Hintergrund. Jede Abweichung von der Norm würde sofort registriert: Die Männer sitzen direkt vor dem heute 69-Jährigen ? für sie und für Botíns Tochter Ana Patricia, 43, sind in der Pressekonferenz die ersten Reihen reserviert.Gut gelaunt, aber immer eine Spur zu selbstbewusst, so legt Botín die Ergebnisse der Bank vor, seiner Bank. In dem Mann steckt ein über Generationen aufgebautes Selbstbewusstsein. Obwohl er und seine Familie nur rund ein Prozent des Aktienkapitals besitzen: Dass Santander seine Bank ist, gehört zum Verständnis dieses Finanzmannes, der einer alteingesessenen Banker-Dynastie entstammt.

Die besten Jobs von allen

Jetzt aber wird das Berufsleben für ihn rauer: Botín muss sich möglicherweise vor Gericht verantworten. Teresa Palacios, hartnäckige Ermittlungsrichterin am Nationalen Gerichtshof in Madrid, ließ eine Klage zweier Aktionäre zu und lud den ?Herrscher? (El País) sowie seine früheren Vorstandskollegen José María Amusátegui und Ángel Corcóstegui zu einer mündlichen Befragung vor.Gegen die drei besteht der Verdacht, durch allzu großzügige Abfindungen Konzernvermögen veruntreut zu haben. Es geht um 164 Millionen Euro. Eine Parallele zum Fall Mannesmann ist unverkennbar: Sollte es in Spanien tatsächlich zu einem Prozess kommen, stünde nach dem Deutschbanker Josef Ackermann der zweite europäische Geldfürst vor Gericht.Emilio Botín gilt als besessener Arbeiter. ?Zu Hause langweile ich mich?, sagte er jüngst dem spanischen Staatsfernsehen TVE. Letztes Jahr gab der Unermüdliche seiner Mannschaft auf den Weg, ?jeden Tag anderthalb Stunden länger zu arbeiten? . Er selbst hat durch risikofreudige Entscheidungen schon häufiger die Ibero- und Latino- Wirtschaft mit neuen Projekten durcheinander gewirbelt. Bislang, sagt ein Banker, ?hat er immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Das kann man nicht lernen, das ist Feeling.?Die Chance, dass er nun verurteilt wird, wird in Spanien als gering angesehen. Der Börsenkurs lag gestern leicht im Minus, ähnlich wie der Leitindex Ibex. Auch die Staatsanwaltschaft in Spanien, die anders als im deutschen Rechtssystem erst später im Verfahren eine Rolle spielen würde, will sich nicht engagieren. Und Analysten im In- und Ausland halten sich in ihrer Wertung zurück.Santander weist die Vorwürfe zurück und verweist auf eine Mitteilung des Verwaltungsrats vor einem Monat: Darin heißt es lapidar, dass die Abfindungen und Pensionszahlungen im Fusionsvertrag vereinbart worden waren und von Verwaltungsrat und Aktionären abgesegnet wurden.Botín repräsentiert das, was Gewerkschafter als ?die wirkliche Macht? bezeichnen. Egal, ob die Konservativen oder, wie jetzt, die Sozialisten an der Macht sind: Eine Verurteilung des Santander-Präsidenten mit ungewissen Folgen für das Geldhaus dürfte keiner Gruppierung gefallen. Schließlich gehört Santander mit einem Börsenwert von mehr als 44 Milliarden Euro noch vor der Deutschen Bank zu den großen Playern in Europa und ist einer der mächtigsten Finanzkonzerne in Lateinamerika.Botín ist alleiniger Präsident, seit er vor zwei Jahren mit zwei goldenen Handschlägen einen Grabenkampf beendet hatte. Genau darum geht es jetzt. Vizepräsident Amusátegui schied zuerst aus, wenig später trat der geschäftsführende Vorstand Corcóstegui zurück. ?Corcóstegui war ein sehr guter Manager. Sein Ausstieg gegen Millionen war sicherlich nicht im Aktionärsinteresse?, vermutet ein Analyst. Doch die Gegenmacht zu Botín sollte mundtot gemacht werden: ?Dafür wurde das Scheckbuch gezückt.?Amusátegui und Corcóstegui zählten zur Riege des Banco Central Hispano (BCH), mit dem Banco Santander Anfang 1999 fusionierte. Damals beschlossen deren Chefs, das neue Geldhaus gemeinsam zu führen. Abgesprochen wurde auch, dass Amusátegui im März 2002 mit Erreichen des 70. Lebensjahres seinen Posten räumt. Ein Jahr zuvor kam es zum Machtkampf, den Botín für sich entschied.Für das Geschäft der Bank, glauben Analysten, hätten eine Verurteilung und der darauf folgende Rücktritt Botíns nur geringe Folgen. ?Ein Machtvakuum entstünde sicherlich nicht?, meint ein Analyst. ?Das Feld ist bestellt.? Eine denkbare Nachfolgerin wäre Ana Patricia Botín, heute Chefin der SCH-Tochterbank Banesto.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.04.2004