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Ein Wunderknabe sucht seinen Stil

Von Caspar Busse, Handelsblatt
Die Erwartungen an den neuen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld sind groß. In den ersten 100 Tagen kann er wenig eigenes vorweisen. Morgen hat er seinen ersten großen Auftritt.
MÜNCHEN. Die Kisten mit den unzähligen Briefen lagerte Klaus Kleinfeld, 47, aus Platzmangel in der Garage. Geschrieben hat er sie spät abends oder an den Wochenenden. Nur da hatte er die nötige Ruhe und Zeit. Das war im Januar noch vor seiner offiziellen Ernennung zum Siemens-Chef. Vor allem eines hatte er sich damals vorgenommen: sich persönlich an die wichtigsten Siemens-Kunden zu wenden. ?Da soll einer sagen, im Management ist man Kopfarbeiter?, erinnert er sich. ?Ich dachte, mir fällt der Arm ab.?Der Inhalt jedes einzelnen Schreibens wurde mit den jeweiligen Siemens-Bereichen und Vertriebsmitarbeitern abgestimmt. ?Der Kunde ist König?, das sollte die Botschaft sein. Viele Kunden hätten sich daraufhin wieder bei Kleinfeld gemeldet, heißt es in München.

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Sicher eine Erfolgsmeldung am Rande. Mehr aber auch nicht. Denn sonst ist längst nicht alles glatt gelaufen in den ersten knapp 100 Tagen, seit der gebürtige Bremer an der Spitze des größten deutschen Technik-Konzerns steht. Zwar konnte er mit einigen Übernahmen glänzen, doch die waren meist schon vor seiner Amtsübernahme eingefädelt worden. Stattdessen: PR-Pannen, Renditeprobleme, Abstimmungsschwierigkeiten und ein schwacher Aktienkurs ? der Start war schwerer, als es der Top-Manager wohl gedacht hätte.Eingeleitet wurde alles von einer PR-Panne. Auf einem seiner ersten offiziellen Fotos, auf dem Kleinfeld lächelnd an einem Geländer lehnt, ließ der Chef die teure Rolex-Uhr am Handgelenk nachträglich wegretuschieren ? sie passte nicht zum zurückhaltenden Image von Siemens. Überhaupt kämpft Kleinfeld mit den Tücken der Öffentlichkeitsarbeit, bisher ist er außerhalb von Siemens kaum in Erscheinung getreten. ?Das Thema ist sicher unterschätzt worden?, heißt es selbstkritisch aus der Zentrale.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Lissabon kommt der erste große AuftrittAm Mittwoch kann Kleinfeld etwas für sein Image tun. In Lissabon wird er zusammen mit seinem Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger die neusten Zahlen präsentieren ? sein erster großer öffentlicher Auftritt. Laut Analysten hat sich der operative Gewinn verbessert.Wenn da nicht die Handy-Sparte wäre. Erneut gibt es schmerzliche Verluste ? im vierten Quartal in Folge. Auch Kleinfeld kämpft mit den Schwierigkeiten in diesem Geschäft. Auf der Hauptversammlung am 27. Januar verzichtete der neue Mann darauf, sich zu Wort zu melden und vorzustellen ? was die Kleinaktionäre gefordert hatten. Dafür gaben in der Folge Vorstandskollegen wie Rudi Lamprecht öffentlichkeitswirksam Tipps für die Sanierung der Handy-Sparte ? und fuhren dem neuen Chef damit in die Parade. Unter Kleinfelds Vorgänger Heinrich von Pierer wäre dergleichen undenkbar gewesen. In der Öffentlichkeit entsteht damit das Bild von Konfusion. ?Das war nicht glücklich?, sagt ein PR-Profi aus einem anderen Konzern.?Kleinfeld ist gefordert?, meinen Analysten. Das Handy-Geschäft macht Tag für Tag Verluste von einer Million Euro. Schnell muss etwas geschehen, die Unruhe nicht nur bei Investoren, auch in den anderen Konzernsparten wird größer. Denn diese müssen weiter ihre Renditeziele erfüllen. ?Sie können nicht den anderen Bereichen hohe Margenziele aufdrücken und an einer Stelle Verluste tolerieren?, meint ein Insider. Für die großen Probleme des Konzerns ? neben den Mobiltelefonen vor allem die IT-Tochter SBS ? wird Kleinfeld wohl auch an diesem Mittwoch noch keine endgültige Lösung präsentieren. Dafür kursieren immer neue Namen von möglichen Partnern. Die Erwartungen sind groß, Kleinfelds Vorgänger hat sie noch angeheizt.?Kleinfeld ist in der Zwickmühle?, sagt dazu ein Aufsichtsrat. Zum einen muss er schnell einen Käufer oder einen Kooperationspartner für das Handy-Geschäft finden. Zum anderen muss er möglichst viele Arbeitsplätze retten. Sonst könnte das gute Image von Siemens schnell leiden.Denn wurde es eng, fand Vorgänger Pierer fast immer das, was im Siemens-Jargon ?tragfähige Lösungen? heißt, so vor allem die Gemeinschaftsunternehmen mit Fujitsu für das PC-Geschäft und mit Framatome für die Kernenergie oder den Börsengang der Halbleitersparte Infineon.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Verzwickte Lage bei IT-Tochter SBSVerzwickt ist auch die Lage bei der IT-Tochter SBS. Know-how in Informationstechnologie und Softwareentwicklung müsste für den Münchener Konzern eigentlich eine Kernkompetenz sein. Doch SBS dümpelt dahin, die Ergebnisse sind schlecht. Am Horizont tauchen neue Schwierigkeiten auf. Im Heimatmarkt läuft es nicht. Großkunden wie die Deutsche Bahn oder die Deutsche Telekom geben deutlich weniger Aufträge. Die grundlegende interne Neuorganisation des Deutschland-Vertriebs von Siemens hat für Unruhe gesorgt. Bei Siemens-VDO laufen harte Verhandlungen mit den Betriebsräten.Wohl selten ist ein neuer Vorstandschef mit solchem Vorschusslorbeer gestartet. Noch vor seinem Amtsantritt brachte das Manager-Magazin den ?Wunderknaben? auf dem Titelblatt. Von Kollegen und Aufsichtsräten gab es nur Gutes. Kleinfeld tat, als gebe es keinen Druck.Das gilt noch immer. Gut gelaunt, zu Scherzen aufgelegt, empfängt der hoch gewachsene Hobby-Sportler und Musikliebhaber Gäste. Die Anzugjacke hängt über der Stuhllehne, vieles erinnert an den Vorgänger. Der Schreibtisch steht wie bei von Pierer quer zum Fenster mitten im Raum. Davor findet sich noch immer ein runder Tisch für die Gäste. Zwei große Fotografien mit Meer und Wellen stehen an der Wand. Sie müssen noch aufgehängt werden.Die Kontinuität ist spürbar. Der Aufsichtsratsvorsitzende von Pierer ist Ende Januar drei Türen weitergezogen. Zwischen seinem Zimmer und dem seines Ziehsohns liegt nur ein großes Sekretariat. So ist es Tradition. ?Nicht stören ist auch helfen?, ist das Motto Pierers. Er ist dienstags, mittwochs und donnerstags in der Münchener Zentrale. Den Rest der Woche zieht er sich in sein zweites Büro in seiner Heimatstadt Erlangen zurück. Aber die Kontakte sind eng. Die beiden gehen zusammen zum Mittagessen, beraten die Probleme. ?Kleinfeld braucht Zeit, um sich freizuschwimmen?, meint Metall-Gewerkschafter Wolfgang Müller, Aufsichtsratsmitglied. ?Er muss ein eigenes Profil entwickeln?, mahnt Roland Pitz, Analyst bei der Hypo-Vereinsbank.Ein Anfang ist gemacht: Geändert hat sich der Führungsstil. Während von Pierer oft in persönlichen Kontakten Strittiges vorab klärte, setzt Kleinfeld, geprägt von seiner US-Zeit, in wichtigen Besprechungen auf Kontroversen. Außerdem führt der Neue im firmeninternen Intranet ein Weblog ? alle Mitarbeiter können da seine persönlichen Erlebnisse lesen. Aber er weiß auch: Mit Tagebuch- und Briefeschreiben allein ist es nicht getan.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.04.2005