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Ein Weltmarktführer aus der Provinz bewegt Berlin

Mark C. Schneider
Hans Georg Näder hat den Orthopädie-Konzern Otto Bock zu einem unangefochtenen Weltmarktführer für Prothesen geformt. Nun baut der Chef und Firmeninhaber mitten in Berlin das erste Zentrum für Leben mit Behinderungen.
Hans Georg Näder setzt mit seinem Konzern fast eine halbe Milliarde Euro um. Foto: dpa
BERLIN. ?Die meisten Visionäre gehen baden?, sagt Hans Georg Näder. Visionen schätzt der Unternehmer deshalb wie Bauchweh. In dritter Generation lenkt der 46-Jährige den Weltmarktführer für Orthopädietechnik Otto Bock. Die bislang nur Fachleuten bekannte Firmengruppe aus dem niedersächsischen Duderstadt nahe Thüringen setzte im vergangenen Jahr fast eine halbe Milliarde Euro um: mit High-Tech-Prothesen, Rollstühlen und Spezialschaumstoffen.Für den Unternehmensberater Hermann Simon ist Otto Bock ein ?Paradebeispiel für einen heimlichen Weltmarktführer?. Landesvater Christian Wulff (CDU) sieht in Näder einen ?niedersächsischen Vorzeigeunternehmer?.

Die besten Jobs von allen

Als Chef von weltweit gut 4 200 Beschäftigten hält der Betriebswirt sich lieber an konkrete Missionen als an wolkige Visionen. Seine jüngste will er bis Anfang 2009 verwirklichen: Der bekennende Niedersachse (?Heimat ist für mich nicht kitschig, sondern gibt mir Bodenhaftung?) errichtet derzeit das ?weltweit erste Kompetenzzentrum, das die Bedeutung von Gehen und Greifen einem breiten Publikum erfahrbar machen soll? ? Gesunden und Körperbehinderten gleichermaßen.Den Mittelständler aus dem katholischen Eichsfeld drängt es mit Macht nach Berlin. Im 17. Stock des Beisheim Centers am Potsdamer Platz betreibt er als Firmen-Dependance eine komfortable Lounge, bewirtet vom feinen Hotel Ritz-Carlton. Nebenan residiert er in einem schicken Apartment. Privat schätzt Näder Kunst, Design, schnelle Autos und Segelboote. Seine Yacht ?Pink Gin? gehört zum Feinsten, was der Wind über die Weltmeere treibt.Eine Gehminute vom Beisheim Center entfernt feiert Näder an diesem Freitag gemeinsam mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Grundsteinlegung des geplanten Kompetenzzentrums an der Ebertstraße 15a, zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz.Lesen Sie weiter auf Seite 2: An der Fassade bahnt sich der "Walker" seinen Weg Der Ort ist gut gewählt: Jeden Tag laufen einer Studie zufolge 30 000 Menschen vorbei, 80 Prozent davon attraktionshungrige Touristen. Mitten im Herzen der deutschen Hauptstadt, zwischen der hessischen und der niedersächsischen Landesvertretung und der Zentrale der Arbeitgeberverbände Gesamtmetall entsteht in den nächsten Monaten ein anspruchsvoller Bau: Die Außenhülle der sechs Geschosse, Nutzfläche 1 600 Quadratmeter, soll den Aufbau menschlicher Muskeln abbilden.An zwei Seiten der Fassade bahnt sich nachts der ?Walker? seinen Weg ? eine patentierte Animation des menschlichen Gangs aus 15 leuchtenden Punkten. ?Dieses Kompetenzzentrum ist die Hardware für unsere Idee, den Menschen die Bedeutung der eigenen Mobilität näherzubringen?, sagt Näder. ?Die Gesellschaft ist im Umbruch. Bereits im Jahr 2020 werden 24 Millionen Menschen in Deutschland älter als 60 Jahre sein ? vier Millionen mehr als noch 2006?, sagt Näder. ?Diese Entwicklung wird zu einem ganz neuen Umgang mit dem Begriff Krankheit führen.? Für ihn ist klar, dass die Sozialsysteme die Anforderungen künftig nicht mehr bezahlen können. Für Unternehmen wie Otto Bock dürfte das Geschäft dann richtig attraktiv werden: Kranke werden zu kritischen Kunden, die wissen wollen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Image, Design und Qualität gewinnen an Bedeutung. Darauf will sich Otto Bock vorbereiten.Den Stellenwert der menschlichen Grundfunktionen ?gehen? und ?greifen? soll ein neues Ausstellungskonzept den Besuchern näherbringen. Verantwortlich dafür zeichnet ein Team um Sebastian Peichl, Chef des Berliner Gestaltungsbüros Art+Com, das schon die Dinosaurier des Naturkundemuseums in der Hauptstadt erfolgreich animiert hat.?Als Hans Georg Näder uns erklärt hat, was er will, war ich skeptisch, ob es gelingt, Besucher ausgerechnet mit dem Thema Behinderung zu packen?, sagt Peichl. ?Inzwischen bin ich sicher, dass es mit unseren sinnlich erfahrbaren Inszenierungen funktionieren wird.?Besucher können den menschlichen Gang am ?Walker?-Modell erforschen. Simulationen zeigen ihnen, wie es sich anfühlt, im Rollstuhl zu fahren. Drei der sechs Geschosse sind öffentlich zugänglich. Den Rest wollen Firmeninhaber Näder und Partner wie die Charité für Veranstaltungen, Fortbildungen nutzen und, um Patienten aus aller Welt zu betreuen ? Berlin-Tour inklusive.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.04.2008