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Ein typischer Tag im Leben eines aiic-Dolmetschers

6.30 Uhr. Der Wecker klingelt und ich bin noch so müde, ich mag gar nicht aufstehen. Das Abendessen gestern, bei dem ich die Tischrede zu dolmetschen hatte, dauerte bis 23.00 Uhr und ich war erst kurz vor Mitternacht zu Hause. Aber was beschwere ich mich? Als Freiberufler ist man für jeden Auftrag dankbar. Heute steht die Aufsichtsratssitzung eines großen Unternehmens auf dem Programm... Wie es weitergeht? Wie hektisch das Leben eines Konferenzdolmetschers ist? karriere hat es aufgezeichnet.
6.30 Uhr. Der Wecker klingelt und ich bin noch so müde, ich mag gar nicht aufstehen. Das Abendessen gestern, bei dem ich die Tischrede zu dolmetschen hatte, dauerte bis 23.00 Uhr und ich war erst kurz vor Mitternacht zu Hause. Aber was beschwere ich mich? Als Freiberufler ist man für jeden Auftrag dankbar. Heute steht die Aufsichtsratssitzung eines großen Unternehmens auf dem Programm.

Am Frühstückstisch überprüfe ich erneut, ob ich alles für den heutigen Einsatz eingepackt habe: Das Opernglas hatte ich am Vortag bereits rausgelegt (um die Folien und die darauf abgebildeten Statistiken und Zahlen aus der Ferne besser lesen zu können, da die Kabinen, in denen wir arbeiten, häufig hinter den Konferenzteilnehmern am Ende des Konferenzsaals aufgebaut sind), die Terminologieliste, die ich im Laufe der Jahre mit firmeninternen Begriffen zusammengestellt habe, liegt ebenfalls vor mir auf dem Tisch sowie auch das Wirtschaftswörterbuch in beide Richtungen (D-E,E-D). Jetzt brauche ich nur noch meine Halsbonbons und einen Müsliriegel. Nun ab ins Bad.

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Unter der Dusche höre ich BBC World Service, denn ich bemühe mich, stets auf dem neuesten Stand zu sein. Ach, da fällt mir ein, dass ich nicht vergessen sollte, meine englische Tageszeitung aus dem Briefkasten zu holen bevor ich gehe! Ich springe in meinen schwarzen Hosenanzug und verlasse das Haus. Zur Sicherheit überprüfe ich noch mal, ob ich meinen Personalausweis dabei habe, denn da hier alles "top secret" ist, muss ich mich eventuell am Eingang ausweisen.

Ich stelle bei meiner Ankunft im Unternehmen fest, dass eine Teilnehmerliste vorliegt, auf der auch die Namen der Dolmetscher angegeben sind. Ohne Probleme gewährt man mir Zugang zum Konferenzzentrum. Wie erwartet steht die Kabine am hinteren Ende des Saales, der Techniker ist bereits vor Ort. Ich bin sehr froh darüber, dass das Unternehmen bereits seit vielen Jahren mit einer renommierten, uns bekannten und vertrauten Konferenztechnikfirma zusammenarbeitet, denn wenn es Probleme mit der Übertragung gibt und die Techniker nicht wissen, was sie zu tun haben, kann das böse enden. Unsere Kabinen sind schallisoliert, deswegen hängen wir und damit auch unsere Leistung unter anderem von einer guten Tonübertragung ab. Zur Sicherheit mache ich mit dem Techniker eine kurze Tonprobe, alles ist in Ordnung.

Kanal eins für die Verdolmetschung ins Deutsche, Kanal zwei für Englisch, so steht es für die Teilnehmer auch auf einer großen Tafel neben dem Rednerpult. Die Räuspertaste funktioniert, das ist wichtig, denn den Zuhörern würde beinahe das Trommelfell platzen, wenn wir ihnen unverhofft ins Ohr niesten oder husteten. Aber das wird hier ja nicht passieren. Der Techniker hat uns bereits jeweils zwei große Wasserflaschen (ohne Kohlensäure, damit man nicht plötzlich aufstoßen muss!) in die Kabine gestellt, und wir sind startklar.

Die Teilnehmer treffen ein, platzieren sich um den großen Konferenztisch herum und setzen sich die Kopfhörer auf, die mit den Empfängern zusammen vor ihnen auf dem Tisch liegen. Wir selbst werden in unserer Kabine kaum wahrgenommen. Meine Kollegin und ich sprechen uns kurz ab: Wir werden uns gegenseitig helfen, Zahlen aufschreiben, im Notfall füreinander Vokabeln nachschlagen und in der Hitze des Gefechtes auch gegenseitig darauf achten, dass wir immer auf dem richtigen Sprachkanal sind und nicht vergessen, das Mikrofon einzuschalten.

Es geht los: erst die Begrüßung und dann Zahlen, Zahlen, Zahlen. Umsätze, Prognosen und immer wieder der Ebit. Aber das kennen wir ja schon. Die Kollegin und ich wechseln uns nach jedem Vortrag ab. Nach zwei Stunden wird die Kaffeepause eingeläutet, die Temperatur in der Kabine ist stark angestiegen. Eine Studie der aiic zur Analyse der Arbeitsbelastung von Dolmetschern hat ergeben, dass in den Kabinen bereits nach drei Stunden die Temperatur auf über 22 Grad Celsius ansteigt und der CO2-Gehalt bereits nach anderthalb Stunden ein fast inakzeptables Niveau erreicht hat (über 1000 ppm). Auch die Luftfeuchtigkeit führt in den Kabinen nach sechs Stunden mit 48 % zu einem unangenehmen Arbeitsumfeld für Dolmetscher. Aber damit müssen wir uns nun leider abfinden. Wir verlassen die Kabine, lassen die Tür offenstehen und lassen uns und unseren Arbeitsplatz einmal gut durchlüften.

Nach der Pause folgen drei weitere Vorträge, dann gibt es eine Diskussion. Dabei wechseln die Kollegin und ich uns nach jeweils 20 Minuten ab, denn das Tempo der Redner steigt mit den zu erwartenden Umsätzen für das nächste Quartal. Nach gut vier Stunden ist die Konferenz beendet. Die Organisatorin bedankt sich bei uns, es sei alles gut gelaufen. Und so soll es ja auch sein.

Ich mache mich auf den Heimweg, denn ich habe noch einen Berg an Redemanuskripten und PowerPoint-Präsentationen durchzuarbeiten und muss auch noch im Internet recherchieren für eine Konferenz zum Thema Umwelttechnologien in der nächsten Woche. Da erfordert die Vorbereitung mehr Zeit als die Konferenz selbst. Aber so ist dieser Beruf, und er macht mir großen Spaß! Also setze ich zu Hause das Teewasser auf und mache mich wieder an die Arbeit.

Quelle: Pressemappe des Internationalen Verbands der Konferenzdolmetscher (aiic), Region Deutschland
Dieser Artikel ist erschienen am 28.09.2004