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Ein Strauss voller Ideen

Von Georg Weishaupt
Peter Geringhoff macht mit seiner Ladenkette Strauss Innovation mächtig Tempo im deutschen Einzelhandel. Bald geht er ins Ausland.
LANGENFELD. Welcher Konzernchef würde hier gerne arbeiten? In einem Büro, das er sich mit zwei Kollegen aus der Geschäftsführung teilen, mit ihnen Schreibtisch an Schreibtisch sitzen muss. Während sich der Chef in einer Ecke des Raumes mit dem Mann von der Zeitung unterhält, bearbeitet ein Geschäftsführerkollege am PC seine E-Mails.Peter Geringhoff hat damit kein Problem. Das Großraum-Chef-Büro ist ganz nach seinem Geschmack. ?Wir brauchen die direkte Kommunikation?, sagt der Mann, der ebenso schnell denkt wie er spricht. ?So können wir sofort entscheiden.?

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Der hagere 36-Jährige im blauweiß-gestreiften, offenen Hemd ist der Kopf hinter Strauss Innovation, einer der ungewöhnlichsten Einzelhandelsketten Deutschlands. Während der Umsatz vieler Unternehmen in der Branche stagniert, andere aufgeben oder sich in wilde Rabattaktionen flüchten, wächst das Unternehmen aus Langenfeld bei Düsseldorf ? mit einer Mischung aus Bettwäsche, Kleidung, Kleinmöbel und Lebensmittel. In diesem Jahr soll der Umsatz von 262 auf 280 Millionen Euro steigen.Gerade hat Geringhoff in Wolfsburg den 100. Laden eröffnet. Weitere zehn bis 15 Filialen sollen Jahr für Jahr hinzukommen, bald auch die ersten ?im deutschsprachigen Ausland?. Mehr verrät er nicht. Gleichzeitig arbeitet er an einem Franchisekonzept, testet einen speziellen Ladentyp für Wohnungseinrichtung und, und, und.Er hat viele Ideen. Das gehört zum Geschäftskonzept. ?Alle zwei Wochen bringen wir 50 Prozent neue Ware in unsere Läden?, sagt der Mann, der zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt Anfang 2004 ein Interview gibt. Die Ware wird zu verschiedenen Themen zusammengefasst. Da gibt es zum Beispiel das Motto ?Grand Hotel? ? mit silbernen Warmhalteglocken fürs Essen und dicken Frotteetüchern fürs Bad.Geringhoff ist Verkäufer durch und durch. ?Sehen Sie, ich trage selbst unsere Sachen?, sagt er und hebt seinen linken Fuß über die Tischkante, um den rahmengenähten Lederschuh von unten zu zeigen, den es ebenso bei Strauss gibt wie seinen Nadelstreifenanzug. Geringhoff lebt Strauss. Er macht in seinem Haus gerne mal Platz für Möbel aus den eigenen Läden, lässt Teakholzstühle für den Werbeprospekt in seinem Garten fotografieren und bringt Neues von seinen Reisen mit. Der Mann mit der etwas aufmüpfigen Kurzhaarfrisur und der unauffälligen Brille hat viel Drive von seinem Vater geerbt. Peter Geringhoff senior machte das inzwischen 104 Jahre alte Unternehmen groß.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Damit alles schnell geht, bleibt bei Strauss vieles im Hause.Er kommt als Angestellter in die biederen Düsseldorfer Textilläden mit Abteilungen für Bettwäsche und Handtücher, wird Chef und Gesellschafter und erweitert das Angebot um Pasta, Weine, Kleinmöbel und Drogerieartikel. Er lockt Schnäppchenjäger mit Sonderposten von Armani bis Joop. Als er später an die Restposten nicht mehr herankommt, setzt er auf Eigenmarken wie Jan Paulsen.Seine vier Sprösslinge müssen schon als Kinder mal ?im Lager Ware auszeichnen?. Sohn Peter, der wie seine Geschwister ein katholisches Internat in der Eifel besuchte, darf dafür mit dem Vater schon mal mit auf Geschäftsreise in die USA und bekommt seine ersten Rollerblades, als es die hier zu Lande noch nicht gibt.Nach dem Abitur macht er eine Lehre als Einzelhandelskaufmann bei C&A. Danach arbeitet er bei Strauss und kümmert sich um die damals neuen Läden in Berlin, als Strauss zum ersten Mal seine angestammte Region im Rheinland und Ruhrgebiet verlässt.Doch Mitte der neunziger Jahre, als er gerade bei einem großen deutschen Importeur für Handelskonzerne arbeitet, kriselt es in Langenfeld. Der Vater hat eine andere Strategie als ein Alt-Gesellschafter. Die Geringhoffs sind aber nicht in der Lage, die anderen Gesellschafter auszuzahlen. Sie erhöhen ihren Anteil auf 50 Prozent. Die andere Hälfte übernimmt der befreundete Kölner Rechtsanwalt Jürgen Pelka. Sohn Peter kehrt ins Unternehmen zurück und teilt sich später den Posten des Einkaufschefs mit dem Vater. Der überrascht ihn mit dem Plan, ihm Anfang 2004 die Hauptverantwortung zu übergeben. Der Junior schafft erst einmal neue Strukturen. ?Das Unternehmen war stark auf meinen Vater zugeschnitten, der sieben Tage die Woche im Einsatz war.?Seitdem kümmert sich Peter in der Geschäftführung um den Einkauf und Bruder Philipp, 30, mit Alt-Geschäftsführer Arnold Stolper um den Vertrieb. Schwester Marie-Louise, 37, betreut den Innovationsclub, wo Strauss als Großhändler noch 70 andere Einzelhändler beliefert. Bruder Sebastian, 27, arbeitet in der Kanzlei von Jürgen Pelka.Geht das gut? ?Wir sind eine sehr emotionsgeladene Familie?, räumt Bruder Philipp ein. ?Peter ist im Zweifelsfall das Zugpferd.? Aber alle hätten letztlich ein Ziel: ?Wir wollen eines der interessantesten Kaufhäuser Deutschlands werden und Luxus bezahlbar machen.? Wie schafft er es, Cashmere & Co. günstig anzubieten? ?Wir arbeiten schon lange mit vielen kleinen Spezialunternehmen in aller Welt zusammen. Mit denen planen wir frühzeitig und nehmen ihnen große Stückzahlen ab.?Damit alles schnell geht, bleibt bei Strauss vieles im Hause: Die Prospekte entwirft die eigene Werbeabteilung, ein anderes Team plant exakt, wie die Ware in der Filiale präsentiert wird.Ob Strauss mit seinem Luxus-Konzept auf Dauer erfolgreich sein kann? ?Strauss ist mit seinem Themen- und Lifestyle-Konzept auf dem richtigen Weg?, findet Handelsexperte Ulrich Eggert von der Beratung BBE in Köln. Andererseits jagen Ketten wie ?Das Depot? und ?Butlers? im Kleinmöbel- und Dekobereich Strauss Kunden ab. Edelmarken bringen ihre Waren inzwischen auch mit hohen Rabatten an den Mann. In der Branche ist außerdem zu hören, das Familienunternehmen Strauss sei nicht stark genug, um schnell zu wachsen. ?Wir können unser Wachstum aus eigener Kraft stemmen?, hält Geringhoff dagegen. Das Logistikzentrum habe Kapazität für 180 Filialen.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.09.2006