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Ein Schwimmer unter Haien

Von Matthias Eberle, Handelsblatt
NOK-Chef Klaus Steinbach agiert bei Olympia wie ein Spitzenmanager, dessen Unternehmen in der Krise steckt. Der Wirbelwind ist wohl einigen Funktionärs-Kollegen suspekt.
ATHEN. Es ist Hochsommer in Athen, doch der schlanke Mann mit der sportlichen Figur kommt daher wie ein Model in einem Mode-Magazin. Der cremefarbene Anzug sitzt perfekt, darunter leuchtet ein hellblaues Hemd, das Klaus Steinbach an diesem warmen Morgen einen Knopf weit offen trägt. Er hat noch immer fast schwarze, volle Haare, dazu einen dünnen Schnauzer, seine Haut ist gewöhnlich dunkel getönt, nur in diesem Moment wirkt sie irgendwie fahl, fast schon blass. Vielleicht liegt es an dem Auftritt, den er nun zu absolvieren hat. Vor sich ist ein Podium aufgebaut, auf das er nun klettern muss. Er weiß, dass jetzt wieder unangenehme Fragen auf ihn warten. Fragen zum verpatzten Start des deutschen Olympia-Teams, dem er als Chef de Mission vorsteht. Fragen über Fitness, Form und Fehler im deutschen Spitzensport ? der ehemalige Weltklasseschwimmer kommt sich dann schon mal vor wie in einem ?medialen Haifischbecken?, in dem angriffslustige Journalisten auf jede Schwäche lauern.Tatsächlich verweisen die Medien in diesen Tagen ständig in aller Breite darauf, dass die einst führende Sportnation der Welt, 1992 in Barcelona noch mit 82 Medaillen dekoriert, nach einem Drittel der Entscheidungen nur auf Platz sechs der Nationenwertung liegt ? noch hinter einem Land wie der Ukraine.

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Und so wird es die erwartete Verteidigungsrede, zu der der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) vor laufenden Kameras im Deutschen Haus ansetzt: ?Ich möchte nicht in den Strudel der negativen Berichterstattung einstimmen?, betont er gleich zu Beginn. Was soll er auch sonst sagen? Einen Abgesang auf die Spiele anstimmen, wo sie doch für Reiter und Ringer, für Kanuten und Leichtathleten noch gar nicht recht begonnen haben? Er weiß, dass ihn jedes Gold ? egal ob Judo, Military oder laufende Scheibe ? ein bisschen aus der Schusslinie bringt. Nach Wettkampftagen ohne Medaille wie am Mittwoch ist er deshalb ?nicht bereit für eine Zwischenbilanz?. Deutschland liege ?nach 100 von 400 Metern zurück? ? mehr nicht.Klaus Steinbach agiert in Athen wie ein Manager, der an der Spitze eines kriselnden Unternehmens steckt. Er beschwichtigt, schaut lieber nach vorn als zurück. Behält dabei aber die Medaillenbilanz stets so genau im Auge wie Vorstände bei Dax-Unternehmen ihre Börsenkurse. Er weiß, er muss Ergebnisse liefern. Und ist dabei abhängig von seinem Personal. Also führt er Dauergespräche mit seinem Team, versucht ihm die Angst vor der nächsten Pleite zu nehmen und stellt sich vor seine Truppe, auch wenn Jan Ullrich, Franziska van Almsick & Co. mal wieder nicht geliefert haben. Steinbach als 24-Stunden-Brandlöscher: auf der Tribüne, im Olympischen Dorf, vor Fernsehkameras.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die ersten Funktionäre rücken schon wieder von ihm abDer Top-Funktionär kennt das alles schon. Noch bevor die Spiele überhaupt begonnen hatten, musste er sich schon als Krisenmanager beweisen. Da war die Rüge, die IOC-Präsident Jacques Rogge über die deutschen Nominierungskriterien bei Tennis-Profi Florian Meyer in Briefform ungewöhnlich scharf äußerte und die dann, womöglich von Steinbach-Kritikern, den Medien zugespielt wurde. Und da waren die Nacktbilder deutscher Athleten im ?Playboy?, auf die Steinbach immer wieder angesprochen wurde, und die er so kommentierte: ?Ich sehe die Sportlerinnen lieber auf dem Treppchen? ? ein Wunsch, der in der ersten Olympia-Woche viel zu selten in Erfüllung gegangen ist.?Steinbach ist noch keine zwei Jahre im Amt. Die Fehler, die jetzt zu Tage treten, sind lange vorher gemacht worden?, nimmt Herbert Hainer, Vorstandschef von Adidas, den NOK-Boss in Schutz. Im Grunde ist Steinbach ein ständiger Angreifer, ein Wirbelwind ? er ist es schon immer gewesen. Während der Schwimm-WM 1978 war er Tagespendler, kraulte in Berlin zu drei Medaillen und bestand in Saarbrücken sein Physikum. Jetzt, mit 50 Jahren, gehört der Mann zu jenen Typen, die ein Amt auf das nächste packen: Steinbach ist Vater von zwei Kindern, Direktor der Hochwald-Kliniken im Saarland, NOK-Präsident, Delegationsleiter der Olympiamannschaft und nebenbei leidenschaftlicher Ausdauersportler. Seine Bestzeit im Marathon ist vorzüglich: knapp unter drei Stunden.So viel Energie in einer Person ist der altgedienten Funktionärsriege zunehmend suspekt. Als Steinbach den 25 Jahre älteren NOK-Chef Walther Tröger im November 2002 nach einer Kampfabstimmung vom nationalen Thron stößt, sprachen alle noch von Aufbruch und Modernisierung. Kaum im Amt ging jedoch die Leipzig-Bewerbung für Olympia 2012 grandios daneben ? ein erster Dämpfer für den Novizen. Und beim Versuch, die gekappte Verbindung zum Deutschen Sportbund (DSB) zu kitten, ist der gelernte Sportmediziner bislang auch gescheitert. ?Der Machtkampf geht in aller Schärfe weiter?, berichtet ein Mitglied des Olympia-Teams.Deshalb tuschelt die Branche nicht erst seit Athen, einige Spitzenfunktionäre gingen längst wieder auf Distanz zu Steinbach ? auch jene, die ihm vor zwei Jahren ins hohe Ehrenamt geholfen haben. Der deutsche IOC-Vertreter Thomas Bach wird genannt, auch DSB-Vize Ullrich Feldhoff: Mit der Forderung nach Platz drei in der Nationenwertung hat Letzterer die Messlatte für das Team hoch gelegt. ?Es ist schon genügend Druck auf dem Kessel?, ärgerte sich Steinbach und gab Platz fünf als Ziel aus ? vor der Ukraine.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.08.2004