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Ein Schuljahr in China

Ein Schuljahr in den USA zu verbringen ist schon fast normal. Aber China? Simon Liang und sein Freund Johannes haben es gewagt. Für karriere abi hat Simon ihre Erlebnisse aufgeschrieben.
Ich schaue auf die Uhr, es ist punkt 13.30 Uhr. Etwas unsicher schalte ich das Mikro an und spreche mit wackeliger Stimme hinein: "Hallo, mein Name ist Simon Liang. Wie einige von euch vielleicht wissen, bin ich für ein halbes Jahr aus Deutschland gekommen, um hier zu lernen. Heute ist mein letzter Tag und ich darf das Radioprogramm in der Mittagspause moderieren."

Irgendwie muss ich schmunzeln. Denn gerade ich sitze jetzt im Radioraum meiner chinesischen Senior-High-School und beobachte auf zehn Bildschirmen, was meine Mitschüler in ihrer Mittagspausen so machen. Sogar die Überwachungskameras darf ich steuern, obwohl ich doch eigentlich gar nichts von dieser Big-Brother-Mentalität halte.

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Bevor die Nervosität mich ergreift, drücke ich schnell auf den Play-Knopf und lasse The Hives für mich sprechen. "Das Lied heißt ?Walk Idiot Walk'. Ich denke mal, dass einige von euch das gerne zu mir sagen wollen: ?Hau bloß ab, du Blödmann!'. Naja, keine Sorge, heute Abend bin ich weg." Als meine Klassenlehrerin mir anbot, einen Tag lang den Radiomoderator zu spielen, stimmte ich sofort zu. Schließlich hatten mich Backstreet Boys, Westlife & Co ein halbes Jahr lang, Pause für Pause gequält. Gedankenverloren wippe ich zum Beat der Hives mit, schon jetzt, wo ich doch noch in China bin, vermisse ich schon die Leute, die sich für ein halbes Jahr um mich gekümmert hatten: die Schulleitung, die Lehrer, die Mitschüler, und sogar den CD-Händler um die Ecke.

Doch wieso konnte ich mich so schnell in diese fremde Umgebung integrieren? Weil es die Schule meiner Eltern? Weil ich einen "Ausländer-Bonus" hatte? Weil ich auf eine der besten Schulen Shanghais gegangen bin? Oder weil Chinesisch meine Muttersprache ist? Nun, es hat wahrscheinlich viele Gründe, warum mir nicht dasselbe widerfahren ist wie Johannes

Johannes geht in Deutschland auf dieselbe Schule in Neuss wie ich und hatte sich ebenfalls für einen Auslandsaufenthalt in China entschieden. Als Deutscher! Gerade angesichts der Alternativangebote USA, England, Australien & Co, wo es quasi eine "Spaßgarantie" gibt, ist es eine unglaublich mutige Entscheidung. Schließlich spricht er kein Wort Chinesisch und muss sich bei wichtigen organisatorischen Dingen auf sein Schüleraustausch-Institut verlassen.

Nach zwei Monaten rief er mich zum ersten Mal an. Chinesisch konnte er noch kein Wort. Die Schule hatte keinen Chinesisch-Kurs für die sechs Austauschschüler vorbereitet. Abgesehen von sprachlichem Austausch sei man Peking auch nicht an kulturellem Austausch interessiert, erzählte Johannes. Er wurde einmal getadelt, weil er seine chinesischen Mitschüler am Freitagabends zum Burger-Essen eingeladen hatte: "Das kannst du doch nicht machen! Die Schüler in China brauchen diese Zeit zum lernen!".

Als Johannes dann dieses Problem mit der Schulleitung ausdiskutieren wollte, gab es nur ein arrogantes "Wir sind hier nicht in Deutschland." Als ich davon hörte, war auch ich enttäuscht. Aber vielleicht hatte Johannes auch einfach nur Pech mit seiner Schule, denn ich habe genau das Gegenteil erlebt. Die Lehrer haben sich weltoffen erwiesen, den Schülern wurden für chinesische Verhältnisse sehr viele Freiheiten eingeräumt.

Mittlerweile läuft schon der letzte Song, passenderweise "Song to Say Goodbye" von Placebo. Meine Stimme zittert ein wenig, teilweise angesichts der Tatsache, dass mir 1500 Menschen zuhören, teilweise weil der unweigerliche Abschied nicht mehr lange auf sich warten lässt: "So das war's dann von mir, ich hoffe eure Ohren haben keinen allzu großen Schaden aufgrund der lauten Musik erlitten. Ansonsten möchte ich euch auf diesem Wege sagen, es war echt eine super Zeit mit euch. Goodbye!

Diese Organisationen vermitteln Auslandsaufenthalte für Schüler in China:

www.eurovacances.de
www.afs.de (Stipendium möglich)
www.gls-berlin.com
www.yfu.de
www.ie-ev.de
Dieser Artikel ist erschienen am 04.06.2007