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Ein Reisender ins Krisengebiet

Von Lutz Beukert, Handelsblatt
Vural Öger ist von den Anschlägen in der Türkei doppelt betroffen: als Tourismusunternehmer und als Politiker. Als gestern die Bomben im Istanbuler Bankenviertel explodierten, saß er im Flugzeug. Sein Ziel: Istanbul.
HB HAMBURG. Die Landung war sanft, die Minuten danach waren es nicht. ?Ich habe gleich von den Anschlägen erfahren und bin dann zum türkischen Fernsehen gefahren, um mich über die Katastrophe zu informieren?, sagte der Manager. Der Chef des Türkei-Reisespezialisten Öger- Tours hat neuen, unangenehmen Stoff für die Jahrespressekonferenz seines Unternehmens, die heute in Istanbul stattfindet.Zurzeit betreut seine Firma in der Wirtschaftsmetropole 700 Touristen. ?Nur sechs oder sieben wollten gleich zurückfliegen, die anderen haben auch ein Angebot, sie nach Antalya zu fliegen, abgelehnt und bleiben in Istanbul?, wundert sich der Inhaber des sechstgrößten deutschen Reiseveranstalters. Durch die Anschläge könnte es zu einer kleinen Delle im Türkei-Tourismus kommen, meint Öger. ?Gott sei Dank beginnen die Buchungsmonate aber erst ab Januar?, sagt er und fügt hinzu, ?aus der Sicht eines Tourismusmanagers.?

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Doch nicht erst seit kurzem ist Öger mehr als nur ein Reiseunternehmer. Der 61-Jährige, lange schon in Stiftungen und beratend in der Politik tätig, soll nächstes Jahr ins Europaparlament einziehen. Die SPD hat ihn am Wochenende auf Platz 10 ihrer Wahlliste abgesichert.?Ich habe sehr lange überlegt?, sagt Vural Öger einen Tag vor den jüngsten Anschlägen und legt die Hände auf seinen großen, dunklen, akkurat aufgeräumten Schreibtisch. ?Sie gestatten, dass ich rauche?? fragt der über 1,90 Meter große ?Deutsche türkischer Abstammung?, wie er sich selbst nennt, den Gast. Dieser sitzt, an einem quer zu Ögers Schreibtisch gestellten Tisch. Distanz ist Öger wichtig.Anfang des Sommers hatte SPD-Generalsekretär Olaf Scholz bei Öger angefragt, ob er sich eine Kandidatur vorstellen könne. ?Ich habe mich monatelang schwer getan?, erinnert sich Öger. Aus der Zedernholzkiste auf dem Bord hinter seinem Schreibtisch greift er eine Zigarrenhülse, schraubt den Aluminiumzylinder auf. Das Mundstück der kubanischen Romeo y Julietta wird sorgfältig mit der vergoldeten Zigarrenschere geschnitten. ?Ich wechsele vom Zuschauer zum Akteur?, umschreibt Öger die Aufgabe zwischen ersten Zügen an der Zigarre.Zu den Gründen, warum der stets elegant in bestem Tuch gekleidete Unternehmer den Schritt ins Europäische Parlament wagen will, gehört auch seine Hoffnung, positiv zum Image der 9,5 Millionen Bürger ausländischer Herkunft in Deutschland beizutragen. ?Die SPD-Oberen werden sich hier einiges gedacht habe, als sie mich fragten.?Tatsächlich erhofft sich die Wahlkampfzentrale auch Stimmen türkischstämmiger Wähler, und sie ist froh um jeden renommierten Unternehmer in ihren Reihen. Olaf Scholz, auch Landeschef in Hamburg, nennt Öger ?eine Zierde für die Liste? zur Europawahl.Seit gut einem Jahr ist der Manager Parteimitglied. Mit Innenminister Otto Schily jedoch ist er seit Jahrzehnten befreundet. Als Öger 1967 zufällig in die Studentenrevolte geriet und von der Polizei niedergeschlagen wurde, erstritt der damalige Rechtsanwalt eine Bewährungsstrafe gegen den rabiaten Polizisten. Schily war es auch, der den Unternehmer als Mitglied in die Zuwanderungskommission holte.Öger sieht sich in Brüssel aber auch als Werbenden für den Wunsch der Türkei, in die EU aufgenommen zu werden. Gerade die gestrigen Attentate haben ihn in dieser Position bestärkt, wie er am Telefon sagt. Die Anschläge zeigten in ihrer Professionalität ?die Handschrift? der El Kaida, glaubt er und erklärt: Der Terrorgruppe sei die westliche Orientierung der Türkei ein Dorn im Auge. Deshalb hält er es für umso wichtiger, das Land fest an die EU zu binden.Einen Konflikt zwischen seiner Arbeit als Unternehmer und der Arbeit im Parlament kann Öger nicht erkennen. Aus dem operativen Geschäft des Veranstalters von Pauschalreisen hat er sich weitgehend ausgeklinkt und es delegiert, unter anderem an seine 29-jährige Tochter Nina. Ihr Bild ziert die Wand hinter Ögers Tisch, zusammen mit einem Foto, das Öger zusammen mit Fidel Castro anlässlich der Eröffnung der Route nach Kuba zeigt.Der ?Tatmensch Öger?, als den der Porsche-Fahrer sich selbst bezeichnet, stellt sich auf zwei bis drei Tage pro Woche in Brüssel ein. Per Handy ist er ohnehin stets erreichbar. Die Unruhe, die ihn treibt, lässt es ihn nach eigenem Bekunden auch nie länger als zwei Tage an einem Strand aushalten.Wäre er lieber als Vertreter einer türkischen Partei im Europäischen Parlament? ?Nein?, betont Öger ohne jedes Zögern. Seit er 18 ist, lebt er in Deutschland, hat eine deutsche Frau geheiratet, drei Kinder. 1990 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. ?Deutschland, das ist mein Land geworden.? In der Türkei sind ihm viele Ämter angeboten worden, bis hin zu Ministerposten, doch das wäre ein Abschied von Deutschland. ?Das will ich nicht.?Sein Unternehmertum macht ihm Freude, von seiner Arbeit als Abgeordneter erwartet er es. ?Ich bin mit einem Holzkoffer nach Deutschland gekommen, jetzt werde ich Abgeordneter dieses Landes. Das ist ein schöner Abschluss der aktiven Laufbahn.? Dass es eine ernste Aufgabe wird, weiß er seit gestern umso mehr.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.11.2003