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Ein Rebell macht sich rar

von Olga Grimm Weissert
Emmanuel Perrotin ist das Enfant terrible der Pariser Galeristenszene. Mit provokanten Aktionen setzt er Trends und schaffte es zu internationaler Berühmtheit. Den Erfolg musste er sich hart erarbeiten.
PARIS Der Mann will provozieren: Als rosaroter Penis verkleidet springt er auf einer Art Schachbrett herum ? am Kopf Hasenohren. Fünf Wochen dauert die Aktion des Künstlers Maurizio Cattelan. Aber nicht etwa Cattelan selbst schlüpfte vor elf Jahren in das Kostüm mit dem Titel ?Errotin, der echte Hase?, sondern sein Galerist Emmanuel Perrotin.Der heute 37-Jährige ist das Enfant Terrible der Galeristenszene in Frankreichs Metropole. ?Mit seinen unkonventionellen Marketingideen und seinem engagierten Einsatz hat er es in die erste Reihe der Pariser Galerien geschafft?, sagt sein Konkurrent Thaddäus Ropac.

Die besten Jobs von allen

Perrotin hat sich an einem kalten Wintermorgen zum Gespräch verabredet. Mit fünfzehnminütiger Verspätung trifft er ein. Er kommt lässig nur in Jeans, Pullover und kurzer Jacke in ein Bistro in unmittelbarer Nähe zu seiner Galerie im Marais, dem angesagten Galerienviertel von Paris.?Ich werde als arrogant bezeichnet?, redet er offen und kommt einer möglichen Kritik zuvor. ?Tatsächlich ist es in diesem Beruf schwierig, menschlich zu bleiben. Ich habe einfach keine Zeit, um mit allen Künstlern zu Mittag zu essen. Ich kümmere mich lieber darum, ihre Werke mitzufinanzieren und sie in Spitzensammlungen oder Museen zu platzieren.?In den drei Sälen eines Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert, wo Perrotin seit einem Jahr seine 700 Quadratmeter große Galerie führt, trifft man ihn kaum. Er ist meist im Büro, wo poppige Fluorfarben, filigrane Mobile-Kunstwerke und High-Tech-Konsolen eine psychedelisch-futuristische Atmosphäre erzeugen. Über Video kann Perrotin vom Büro aus verfolgen, wer die Galerie aufsucht. Wenn sein Topkunde François Pinault kommt, eilt Perrotin aus dem Büro in die Ausstellungsräume. Der französische Milliardär und Mitinhaber des Luxuskonzerns PPR ist nach den amerikanischen Brüdern Lauder der weltweit zweitgrößte Sammler zeitgenössischer Kunst.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Perrotin pflegt das junge Image.Emmanuel Perrotin versteht es, das betont junge Image seiner Galerie und seiner Künstler zu vermitteln. Er lancierte den heute hoch gehandelten Briten Damien Hirst und vertritt seit Mitte der neunziger Jahre den japanischen Neo-Popkünstler Takashi Murakami, der mit einem schrägen Entwurf für Louis-Vuitton-Taschen bekannt wurde. Neben dem italienischen Bildhauer Maurizio Cattelan gehört auch die französische Fotografin Sophie Calle zu Perrotins Künstlerpool.Seit der Eröffnung der Zweitgalerie in Miami im vergangenen Dezember macht er sich noch rarer. Er kaufte dort ? für 1,5 Millionen Dollar ? ein Industriegebäude der fünfziger Jahre mit 1 300 Quadratmetern plus 360 Quadratmetern Garten. Dort veranstaltete er im Dezember 2004 zur Messe ?Art Basel Miami? eine 24-Stunden-Ausstellung. Danach ließ er die Riesenräume umbauen. Mit seiner Partnerin Cathy Vedovi, Tochter des legendären Pariser Kunsthändlers Hervé Odermatt und Ehefrau des Brüsseler Galeristen Paolo Vedovi, will er in Miami fünf Mal pro Jahr je drei Künstler zeigen.Die US-Kunden kennt er von seinen vielen Messeauftritten in New York, Miami, Chicago. Ein Drittel seines Umsatzes erzielt er im Ausland. Den Umsatz von 2004 gibt er mit sechs Millionen Euro an. 2003 waren es 3,9 Millionen Euro. In den beiden Galerien arbeiten etwa zwölf Mitarbeiter, die im Schnitt um die 35 Jahre alt sind. Die Galerie-Künstler und viele potenzielle Kunden sind im ähnlichen Alter oder noch jünger. Die tummelten sich beispielsweise auf einer Vernissage im Januar. Die Räume waren an diesem Abend so voll wie zu den Stoßzeiten in der Metro.Den Erfolg musste sich Perrotin hart erarbeiten. Der im Jahr 1968 Geborene bricht die Schule vor dem Abitur ab und jobt im Alter von 17 als Assistent in einer Galerie. Dann beginnt er 1989 selbst kleine Ausstellungen zu veranstalten. Dazu lädt er Kunden in seine Wohnung ein.Schon drei Jahre später macht er sich mit Hilfe der Galeristin Marie-Hélène Montenay selbstständig. Die Anfänge sind bescheiden. Jahrelang dient seine Galerie auch als Wohnung. Fünf Jahre später folgt er den experimentellen Galerien in die damals trendige Rue Louise-Weiss im 13. Pariser Arrondissement, wo er nach wie vor eine kleine Filiale unterhält. Anfang 2005 schließlich zieht er in seine großen Räume im Marais-Viertel um. ?Die werde ich in diesem Jahr um 275 Quadratmeter erweitern?, erzählt er zufrieden.Philippe Montenay, der Witwer der jung verstorbenen Madame Montenay, hält immer noch zehn Prozent an Perrotins Galeriegesellschaft mit beschränkter Haftung, die mit dem zulässigen Mindestkapital von 8 000 Euro geführt wird.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Riesige Wertsteigerungen.Die Montenays trugen ebenso wie François Pinault zum Aufstieg Perrotins bei, wie der junge Galerist gerne erzählt. Auch der Sammler Bernard Herbo half mit, denn vorübergehend übernahm er Montenays Anteile. Außerdem erwarb er bei Perrotin das provozierende Papstgemälde ?Nona Ora? von Maurizio Cattelan, um es 2001 zum Zehnfachen des ursprüngliches Preises ? für 886 000 Euro ? bei Christie?s versteigern zu lassen. 2004 erzielte das Bild bereits 2,7 Millionen Dollar, und Perrotin etablierte sich endgültig unter den Trendmachern. Dazu tragen auch die besonderen Aktionen bei, mit denen er immer wieder für Aufsehen sorgt. So veranstaltete er mit dem Galeristen Thaddäus Ropac im Januar ein spektakuläres Vernissage-Diner für 150 Sammler, Kuratoren und Künstler bei Maxim?s mit anschließendem Tanzprogramm. Und neuerdings wirbt er mit einer regelmäßig erscheinenden Hochglanzzeitschrift für seine Künstler.Der Galeristen-Senkrechtstarter Kamel Mennour bezeichnet Perrotin als einen ?Energiekatalysator? und ?Kapitän eines Teams, das seine Projekte mit den Künstlern konsequent durchzieht.? Perrotin sei einer der wenigen französischen Galeristen, die international bekannt seien.Perrotins Beziehungsnetz ist fein, geschickt und transkontinental gewoben. So gewann er den New Yorker Philippe Ségalot, Zwischenhändler und Berater von François Pinault, in der Galerie Perrotin eine beachtliche Ausstellung mit dem Titel ?Druck mich ab? (Empreinte-moi) zu organisieren. Ségalot beschaffte für die Schau hochkarätige Leihgaben mit Werken von Andy Warhol (?Oxydation Painting?), Robert Rauschenberg, der 1950 den Körper seiner Frau Susan Weil auf blauem Papier abdruckte, Yves Klein, Joël Shapiro und ?150 Spermini? von Cattelan ? kleine Männer-Masken, die trotz des Titels gar nichts Obszönes an sich haben.
Galerie Emmanuel PerrotinLeitung: Emmanuel PerrotinStammkünstler: Chiho Aoshima, Daniel Arsham, Bhakti Baxter, Sophie Calle, Maurizio Cattelan, Elmgreen & Dragset, Lionel Estève, Naomi Fisher, Bernard Frize, Giuseppe Gabellone, Gelatin, Kolkoz, Guy Limone, Tony Matelli, Keegan McHargue, Jin Meyerson, Moriko Mori, Mr., Takashi Murakami, Martin Oppel, Jean-Michel Othoniel, Paola Pivi, Terry Richardson, Aya Takano, Piotr Uklanski, Xavier Veillhan, Peter ZimmermannAusstellungen: Paris: Xavier Veilhan/Keegan McHargue (bis 11. März); Jean-Michel Othoniel/Kolkoz (18. März bis 29. April); Miami: Paola Pivi/Mr./Cristina RodriguezMessen: The Armory Show in New York (9. bis 13. März); Art Basel Miami (7. bis 10. Dezember)Adressen: Paris: 76 rue de Turenne, F-75003 Paris; Miami: 194 NW 30th Street Miami, FL 33127Web: Handelsblatt.com ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten www.galerieperrotin.com
Dieser Artikel ist erschienen am 28.02.2006