Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Ein Nicht-Wickert als Wickert-Erbe

Von Christoph Nesshöver und Hans-P. Siebenhaar
?Boah!? prustet Tom Buhrow fröhlich und sehr laut. Die Moderatorin neben ihm auf der Bühne hat angedeutet, die Anwesenden mit pikanten Anekdoten aus seiner Karriere versorgen zu können ? sie hat früher mal mit ihm gearbeitet. Buhrow klopft sich mit der Linken auf den Oberschenkel, lacht hell auf und tut ein wenig entrüstet. Tom Buhrow übernimmt am Freitag das ARD-Flaggschiff ?Tagesthemen?.
HAMBURG/DÜSSELDORF. So kann er sein, der neue Mister Tagesthemen. Direkt, unverblümt, jugendlich. Am Freitag wird Buhrow in der ARD um 23.10 Uhr erstmals das renommierte Nachrichtenmagazin moderieren. ?Nicht jeder gute Reporter kann auch gut moderieren?, bremste Buhrow gestern bei seiner Vorstellung in einem Hamburger Hotel die Erwartungen. Er hat einen Dreijahresvertrag ? fürs Erste. Der 47-Jährige passt zur neuen Heiterkeit, die WM und Wirtschaftswachstum dem Land injiziert haben. Sein Nachteil: Er löst nach 15 Jahren die Legende Ulrich Wickert ab. Und wo der wie der Frank Sinatra seines Faches wirkt, gibt Buhrow einen jungen Beatle. Denn der Neue ist zunächst eins: ein Nicht-Wickert.Die Hälfte der ?Tagesthemen?-Zuschauer werde Wickert vermissen, hat eine Umfrage gerade ermittelt. Vielleicht nicht lange: Denn niemand erwartet große Veränderung, nicht einmal der Konkurrent RTL: ?Die Sendung wird nicht neu erfunden werden?, ist sich dessen Chefredakteur und Moderator Peter Kloeppel sicher: ?Nur: Tom Buhrow ist 15 Jahre jünger als Uli Wickert.?

Die besten Jobs von allen

Der Lebenslauf des gebürtigen Siegburgers ist mustergültig: erste journalistische Erfahrungen beim Bonner ?General-Anzeiger?, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Bonn, Volontariat beim WDR. Das Moderatorengeschäft lernte er bei der Nachrichtensendung ?Aktuelle Stunde?, wo er viel experimentieren darf: ?Wir sind auf einem Fahrrad durchs Studio gefahren oder haben Würstchen gegrillt?, berichtet seine damalige Moderatorenkollegin Sabine Scholt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auch sein privates Glück beschert ihm der WDRAuch sein privates Glück beschert ihm der WDR. Dort lernte er im Funkhaus die Volontärin Sabine Stamer kennen. Die Hochzeit findet auf hoher See statt, was irgendwie passt zum oft hanseatisch-kühlen Auftreten Buhrows. 1994 geht er als Korrespondent nach Washington, 2000 folgt der Posten in Paris, ehe er 2002 Bürochef der ARD in Washington wird.Überhaupt: die USA. Seit er 1974 als Austauschschüler nach Wisconsin ging, hat er fast zehn Jahre in den USA gelebt, und das hat ihn geprägt. Wo Wickert nach altem, glorreichem Europa klingt, schwingt in Buhrow die Stimme des fordernden, energischen Volks der Pioniere mit: ?Ich liebe Amerika?, hat er mal gesagt. Zum Karnevalfeiern übrigens, erzählen sie in Köln, sei Buhrow stets zurückgekehrt.Bob Dylan und die Rolling Stones verehrt er. Wie gut, dass Kollegin Anne Will berichtet, dass im gemeinsamen Büro Platz sei für Poster und Platten: Wickert habe seine vielen Bücher bereits aus den Regalen geräumt.?Ich kenne keinen Kollegen, der sich so sehr interessiert für seine Gesprächspartner?, sagt Jörg Schönenborn, WDR-Chefredakteur Fernsehen und einst Bürokollege Buhrows. Auch WDR-Intendant Fritz Pleitgen schätzt Buhrow: ?Er ist ein erstklassiger Vermittler. Ob es um Weltpolitik, gesellschaftlichen Aufruhr oder um Naturkatastrophen geht, Buhrow bringt dramatische oder komplizierte Sachverhalte unangestrengt auf den Punkt, sehr wach und bestens im Bilde. Das Publikum mag das. Ein Schuss Entertainment darf es auch sein, aber immer glasklar im Inhalt.?Wie der erste Satz seiner ersten Sendung lauten werde, weiß Thomas ? so heißt er in seinem Pass ? Buhrow noch nicht. Aber die ersten beiden Worte, die kenne er schon: ?guten Abend?. Buhrows Chefredakteur Kai Gniffke sagt denn auch: ?ARD Aktuell ist kein Platz für Revolutionen.? Eine Prise weniger Geruhsamkeit dürfte Buhrow dennoch bieten.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.08.2006