Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Ein nicht ganz alltäglicher Chef

Von Holger Ahlich und Siegfried Hofmann
Zum Jahreswechsel übernimmt Gérard Le Fur die Konzernführung bei Sanofi-Aventis. Mit dem 56-Jährigen, dem man sein Alter überhaupt nicht ansieht, bekommt der drittgrößte Pharmakonzern der Welt einen in vielerlei Hinsicht unkonventionellen Chef.
PARIS/FRANKFURT. Da staunten die Forscher von Sanofi-Aventis am Standort Montpellier nicht schlecht: Ihr Chef, Gérard Le Fur, Herr über knapp 18 000 Forscher weltweit mit einem Jahresbudget von vier Milliarden Euro, kreuzte bei ihnen vor ein paar Jahren auf einer Weihnachtsfeier auf. Doch statt in einer abgedunkelten Limousine fuhr der Rock-?n?-Roll-Liebhaber auf einer Harley Davidson vor. Entsprechend sein Outfit: Lederkluft statt Anzug und Krawatte.Zum Jahreswechsel übernimmt der Zweiradliebhaber nun die Konzernführung bei Sanofi-Aventis. Mit dem 56-Jährigen, dem man sein Alter überhaupt nicht ansieht, bekommt der drittgrößte Pharmakonzern der Welt einen in vielerlei Hinsicht unkonventionellen Chef.

Die besten Jobs von allen

Das liegt nicht nur an Le Furs Abneigung, Krawatten zu tragen, sondern vor allem an seiner Biografie: Der promovierte Pharmazeut ist einer der wenigen Forscher, die es bis an die Spitze eines weltweit führenden Pharmakonzerns geschafft haben. Analysten hegen dennoch keinerlei Zweifel, dass Le Fur der richtige Mann ist. ?Er hat mit Erfolg die Forschungsabteilungen von Aventis und Sanofi zusammengeführt und ist damit einer der Architekten des Erfolgs dieser Fusion?, urteilt zum Beispiel Peter Düllmann, Pharmaanalyst bei der Privatbank Sal. Oppenheim. Unter Le Furs Leitung wurde auch der Blutverdünner Plavix entwickelt, das Bestseller-Medikament gegen Infarktrisiko, mit dem Sanofi-Aventis im ersten Halbjahr 2,7 Milliarden Euro umsetzte.Außerdem erinnern Beobachter daran, dass sein Vorgänger, der dominante Jean-François Dehecq, nicht vollständig von der Bildfläche verschwindet. Er steht weiter dem Verwaltungsrat vor und wird sich bestimmt nicht mit einer Beobachterrolle zufrieden geben.Der knapp zwei Meter große und extrovertierte Dehecq und der kleine, zurückhaltende Le Fur könnten unterschiedlicher nicht sein. Das ungleiche Duo bildet aber bereits seit Jahren ein effizientes Führungsteam. ?Wir haben eine sehr besondere Beziehung?, sagt Le Fur, der nicht zögert, Dehecq einen Freund zu nennen. ?Ich würde ihn nicht für eine Milliarde Euro hergeben?, hat der scheidende Sanofi-Chef einmal über Le Fur gesagt.Intern gilt indes Hanspeter Spek, Chef des operativen Geschäfts, als rechte Hand von Dehecq. Doch als Deutscher hat er in dem französisch dominierten Konzern keine Chance, Dehecq als Vorstandsvorsitzenden zu beerben. Dehecq hatte im Jahr 2004 den Konzern durch die feindliche Über-nahme von Aventis zur Nummer drei der Welt gemacht. Le Fur steht jetzt vor der Herausforderung, den Weg-fall von Umsatzbringern wie eben Plavix zu kompensieren. Denn operativ schwächelt der Konzern derzeit: Das Umsatzwachstum liegt bei null, und die Sanofi-Aktie läuft schlechter als der Branchenschnitt.Die Gründe dafür liegen zum einen im absehbaren Ablauf von Patenten wie beim Allergiemittel Allegra. Hinzu kam in diesem Jahr die unerwartete Generika-Konkurrenz für den Bestseller Plavix in den USA, was dem Konzern im zweiten Halbjahr deutliche Einbußen bescherte und zur Korrektur der Gewinnprognose zwang. Und der neue Hoffnungsträger, das Mittel gegen Nikotinsucht und Fettleibigkeit, Accomplia, harrt weiter der Zulassung für den US-Markt, dem größten Pharmamarkt der Welt. Um das künftige Wachstum zu sichern, könnte auch Le Fur wie sein Ziehvater Dehecq auf Zukäufe setzen. Analysten rechnen bereits die Übernahme des US-Riesen Brystol-Myers Squibb durch.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine ganze Reihe erfolgreicher Wirkstoffe ?Sollte der Patentschutz von Plavix tatsächlich vorzeitig verloren gehen und die Zulassung von Accomplia sich weiter verzögern, steht Le Fur vor einigen unangenehmen Entscheidungen?, meint zum Beispiel Analyst Dünnwald. In diesem Fall müsse der US-Vertrieb wohl verschlankt werden ? was kaum ohne Personalabbau zu leisten wäre.Doch der Spezialist für das zentrale Nervensystem hat in seiner Laufbahn gezeigt, dass er auch harte Entscheidungen treffen kann. Nach der Aventis-Übernahme kappte er zum Beispiel drei Viertel der Partnerschaften mit externen Forschern. Sein Kredo: ?Wir betreiben keine Wissenschaft, wir entwickeln Medikamente.?Und das ist ein Geschäft, in dem er sich bestens auskennt. Bereits als junger Pharmaforscher hatte er seinem Arbeitgeber Erfolge beschert: 1973 startete Le Fur seine Karriere bei Pharmuka, einem kleinen Labor in Gennevilliers vor den Toren von Paris. Dort entwickelt er das Antidepressivum Upstène, das Anfang der 80er-Jahre von Rhône-Poulenc mit großem Erfolg vermarktet wurde, nachdem der Konzern Pharmuka übernommen hatte.Doch 1985 wird das Mittel wegen schwerwiegender Nebenwirkungen vom Markt genommen. Kurz darauf startet indes der US-Riese Ely Lilly das Medikament Prozac, das auf denselben Prinzipien beruht und ein Welterfolg wurde. ?Das hat mich Demut gelehrt?, sagt Le Fur später über diese Episode.Der neue Konzernchef hat indes eine ganze Reihe erfolgreicher Wirkstoffe auf seiner Habenseite: Als Forschungschef von Sanofi verantwortet er 1997 den Start des erfolgreichen Mittels gegen Bluthochdruck, Aprovel. Ein Jahr später folgt der Blockbuster Plavix. Nicht nur die Liebe zur Forschung gehört zu den Konstanten seiner Laufbahn. Le Fur ist einer der wenigen Forscher aus der Industrie, die es in die französische Académie des Sciences geschafft haben, einem Forum für die wichtigsten Wissenschaftler des Landes.Auch die Vorliebe zum Teamwork hat er sich über die Jahre bewahrt. 1986 wechselt er zu Sanofi und steigt dort zum beigeordneten Forschungschef unter Pierre Simon auf. Letzterer ist wesentlich älter als der Newcomer und hat vor allem Karriere an Universitäten gemacht. Dennoch klappt die Zusammenarbeit zwischen den beiden überraschend reibungslos. ?Schon bei unserem ersten Treffen waren wir die Einzigen, die weder Sakko noch Krawatte trugen?, berichtet Simon über eines seiner ersten Treffen mit Le Fur.An seiner Abneigung gegen Krawatten hat sich bei Gérard Le Fur bis heute nichts geändert. Doch dürfte sich der neue Konzernchef verkneifen, bei seiner ersten Bilanz-Pressekonferenz am 24. Februar mit seiner Harley-Davidson vorzufahren.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.12.2006